#Ge·no·zid·blogger e.V.
20 Apr 2015

#Aghet – die große Katastrophe

Im April 2015 jährt sich der Völkermord an den Armeniern zum 100. Mal. Genauer gesagt am 24. April 2015, dem sogenannten „Völkermordgedenktag“. Der Mord an fast 1,5 Mio. Armeniern geriet für lange Zeit in Vergessenheit, doch außer der Türkei zweifelt heute kaum ein Staat mehr an den Gräueltaten. Der Völkermord, bei welchem auch etwa 250.000 Assyrer und 350.000 Pontosgriechen umgebracht wurden, zählt heute neben Ruanda und dem Holocaust zu den drei großen Genoziden des 20. Jahrhunderts.

ArmenienFoto: Bongiozzo/www.flickr.com/Creative Commons

#Geschichte

Der heutige Staat Armenien liegt im Kaukasus zwischen Georgien, Aserbaidschan, dem Iran und der Türkei. Das armenische Volk kann auf eine über 3.000-jährige Geschichte zurückblicken. Das Land war oft eigenständig und machte als erster Staat weltweit das Christentum zu seiner Staatsreligion. Noch öfter jedoch wurde das Land von anderen Großmächten besetzt, wie z.B. den Persern, Griechen, Römern, Byzantinern, Arabern, Mongolen und zuletzt den Osmanen. Jedoch hat die Bevölkerung nie ihre Kultur und Identität verloren. Sie waren Gelehrte und erfolgreiche Handels- und Geschäftsmänner, Rechtsanwälte oder Doktoren. Armenier galten als weltoffen und schickten ihre Kinder nach Europa und Amerika zum Studieren.1

Mit einem Anteil von 25 bis 40% stellten sie die größte nicht-muslimische Bevölkerung Ostanatoliens dar, wurden aber dennoch diskriminiert. So mussten alle Christen höhere Steuern als ihre muslimischen Nachbarn zahlen und hatten weniger Rechte. Daher bildeten armenische Nationalisten in den 1870er und 1880er Jahren eine Art armenische Renaissance und forderten mehr Rechte, Selbstverwaltung und volle Gleichheit. Diese Forderungen versuchten sie durch Raubüberfälle und Terrorismus durchzusetzen. Das wiederum erzeugte Wut und Hass auf der Seite der Muslime und führte zu heftigen Racheaktionen. Zwischen 1894 und 1896 kam es so zu den ersten Massakern, bei denen Schätzungen zufolge zwischen 80.000 und 200.000 Armenier umgebracht wurden.2

#Beginn des Genozids

Zum Ende des 19. Jahrhunderts begann das Osmanische Reich, durch Abspaltungs- und Unabhängigkeitskriege zu zerfallen. 1908 kam es zur jungtürkischen Revolution und das CUP (Comité pour union et progrés – Komitee für Einheit und Fortschritt) übernahm die politische Führung. Das CUP bestand vor allem aus modernen Militäroffizieren, splittete sich jedoch in eine liberal-demokratische und eine nationalistisch-autoritäre Fraktion.

1913 übernahm letztendlich das sogenannte „Dreigestirn“ des CUP, bestehend aus Mehmed Talât (Innenminister), Ismail Enver (Kriegsminister) und Ahmed Cemal (Marineminister) die Macht. Es errichtete eine De-facto-Diktatur und etablierte eine türkische Rassenlehre, um über die Scham und den Zerfall des Osmanischen Reichs hinwegzuhelfen. Nach dieser Rassenlehre sind die Türken „Supermenschen“ und ihre Rasse den Armeniern, Griechen, Christen und Juden übergeordnet.3

Die Jungtürken wollten ein neues türkisches Reich schaffen, das alle Türken von Konstantinopel (heute Istanbul) bis Zentralasien vereinen sollte. Platz für nicht-muslimische Minderheiten sollte es jedoch nicht geben.

armenische KinderFoto: Armenian Genocide Museum

#Der armenische Völkermord

1914 stellten sich die Jungtürken während des ersten Weltkriegs an die Seite des Deutschen Reichs. Sie unterstellten den Armeniern, an der Seite der christlich-orthodoxen Russen zu kämpfen. Obwohl es einige Guerillagruppen gab, die die feindlichen Russen unterstützten, war die Mehrheit der armenischen Bevölkerung dem Osmanischen Reich treu.

Doch der Krieg katalysierte die Gewalt, und für die Jungtürken ergab sich dadurch die perfekte Gelegenheit, das „armenische Problem“ endgültig zu lösen, ohne Angst vor Interventionen haben zu müssen. Das CUP gründete die Spezialeinheit Teşkilât-ı Mahsusa, die den Genozid an den Christen plante, überwachte und ausführte.4 Auf einer Konferenz des CUP wurde in einem vertraulichen Dokument beschlossen, dass alle armenischen Gesellschaften zu schließen sowie alle Personen zu verhaften sind, die gegen die Regierung arbeiten. Alle sollten in die äußersten Provinzen des Reichs (Bagdad und Mossul) gebracht werden, um sie dort oder auf dem Weg dorthin auszulöschen. Weiterhin sollten alle Soldaten und Männer im Alter unter 50 Jahren umgebracht sowie die Frauen und Kinder islamisiert werden – der Bauplan für einen Genozid.5

Am 24. April 1915 erfolgte dann der erste koordinierte Angriff auf die armenische Bevölkerung: in Konstantinopel wurden zwischen 200 und 300 Intellektuelle inhaftiert, getötet, gefoltert oder zu Tode gearbeitet. Alle Armenier in der Armee mussten ihre Waffen abgeben, wurden erschossen oder in Arbeitslager geschickt. Die Männer im kampffähigen Alter wurden vorrangig umgebracht, um all jene zu vernichten, die die Gemeinschaft noch verteidigen könnten. Die übrig gebliebenen Frauen, Kinder und Alten waren dann leichte Beute.

Die armenische Stadt Van konnte sich für ein paar Wochen gegen die Angriffe der Jungtürken wehren, aber auch ihr Widerstand wurde zerschlagen. Dieser Vorfall gab der Regierung noch einmal die Bestätigung, dass die Armenier als Sympathisanten der feindlichen Russen agieren und daher ausgelöscht werden müssen.6

„Es scheint eine Kampagne der Rassenvernichtung stattzufinden, unter dem Vorwand der Zerschlagung des Widerstands.“ – Henry Morgenthau, Augenzeuge und damaliger US-Botschafter 7

Das CUP erließ ein provisorisches Gesetz unter dem Titel „Gesetz bezüglich der Maßnahmen des Militärs bei Widersachern gegen die Regierungsgewalt in Kriegszeiten“, um die armenische Bevölkerung angeblich in nicht-militärischen Zonen in Sicherheit zu bringen. Gleichzeitig begann man damit, armenische Kulturgüter zu zerstören. Denkmäler und Kirchen wurden gesprengt, Friedhöfe zu Äckern umfunktioniert, Städte dem Erdboden gleichgemacht oder besetzt.

Die Todesmärsche, hauptsächlich bestehend aus Frauen, Kindern und Alten, führten durch unwegsames Gelände nach Aleppo in die Wüste Syriens. Auf dem Weg dorthin starben viele an Hunger, Durst, Schwäche oder Krankheiten, aber auch durch kurdische Krieger und die Chétés, die die Karawanen immer wieder überfielen und massakrierten. Die Chétés waren Gewalttäter, die die Regierung aus den Gefängnissen freigelassen hatte, um die Armenier und andere Christen zu töten – die Regierung hoffte, dadurch ihrer Verantwortung zu entgehen und die Spuren zu verwischen.

Todesmärsche ArmenienFoto: Narek/www.flickr.com/Creative Commons

Die Deportierten wurden ausgeraubt, geschlagen, vergewaltigt oder entführt, um sie als Diener und Sexsklaven zu halten. Oft wurden die Kinder auch gewaltsam zur Konvertierung gezwungen und dann als Türken aufgezogen. Den restlichen Personen wurde die Kleidung weggenommen, damit sie unter der gleißenden Sonne qualvoll verdursteten oder verbrannten. Andere wiederum wurden in Flüsse geworfen, damit sie ertranken; jeder, der versuchte wegzuschwimmen, wurde erschossen. Wenn jemand zu entkräftet zum Weitergehen war, wurde solange auf denjenigen eingeprügelt, bis er weiterging. Wer das nicht mehr konnte, wurde auf der Stelle erschossen. Frauen, die auf dem Marsch ein Kind zu Welt brachten, mussten nach der Niederkunft sofort wieder aufstehen und weitermarschieren. Von etwa 18.000 Menschen kamen noch um die 150 in Aleppo an; die meisten Überlebenden starben kurz nach der Ankunft.8 Das Deutsche Reich ließ währenddessen die Jungtürken gewähren.

„Unser einziges Ziel ist, die Türkei bis zum Ende des Krieges an unserer Seite zu halten, gleichgültig ob darüber die Armenier zu Grunde gehen oder nicht.” – Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg

In den letzten Monaten des ersten Weltkriegs fielen die Jungtürken in die Grenzregion Russlands ein und ermordeten dort weitere geschätzte 20.000 Menschen der armenischen Bevölkerung. Daraufhin nahmen viele Armenier Rache und überfielen im Gegenzug türkische Dörfer und veranstalteten Massaker, um so viel Schaden wie möglich anzurichten.

Die Niederlage des deutschen Reichs und der Türkei beendete letztendlich den Völkermord und eröffnete den Armeniern die Möglichkeit auf Selbstbestimmung. 1918 gründeten sie die Unabhängige Republik Armenien, mussten aber noch zwei weitere Massaker in den Jahren 1920 und 1923 erleiden. Ende 1922 lebten von vormals 2 Mio. Armeniern nur noch weniger als 400.000.9

Die drei Haupttäter Talât, Enver und Cemal flohen noch vor Kriegsende nach Deutschland, da ihnen dort politisches Asyl angeboten wurde. Jede Aufforderung auf Auslieferung wurde zurückgewiesen, und so nahmen armenische Aktivisten die Gerechtigkeit selbst in die Hand. Am 15. März 1921 wurde Mehmed Talât durch die armenische Organisation „Operation Nemesis“ in Berlin auf offener Straße erschossen; am 25.Juli 1922 ereilte Ahmet Cemal in Tblissi das gleiche Schicksal. Einzig Ismail Enver entging seinen armenischen Verfolgern: er fand den Tod am 04. August 1922 bei Gefechten gegen Truppen der Roten Armee nahe Duschanbe.

Armenian Genocide MemorialFoto: z@doune/www.flickr.com/Creative Commons

#Leugnung des Völkermords

„Die Geschehnisse von 1915“, so wie die Türken das Massaker an den Armeniern bezeichnen, sind ein sehr emotionales Thema in der Türkei. Das Verbrechen als Völkermord zu deklarieren und zuzugeben, kommt einer Beleidigung der Türkischen Nation gleich. Ihrer Ansicht nach handelte es sich lediglich um eine Umsiedlungsaktion im Zuge des ersten Weltkriegs mit tragischen Folgen. Alles nur Kollateralschäden und Teil eines schrecklichen Krieges…

In der Wissenschaft zweifelt inzwischen niemand mehr an dem Völkermord. Die Türkei jedoch hat ein national- und identitätspolitisches Problem mit dieser Ansicht, denn der moderne türkische Nationalstaat ist die Folge einer Bevölkerungshomogenisierung: es passt schlicht und ergreifend nicht in das Selbstbild der Türkei. Auch die deutsche Bundesregierung weigert sich bisher, das Wort Genozid im Zusammenhang mit den Massakern zu benutzen – aus Angst, die deutsch-türkischen Beziehungen zu belasten.

In der Zwischenzeit gibt es in der Türkei erste Aufarbeitungsbemühungen und eine langsame Öffnung zu dem Thema. Es finden Ausstellungen, Konferenzen, Austausche und zivilgesellschaftliche Dialoge statt. Allerdings ist das Thema in der offiziellen Politik immer noch ein Tabu, obwohl die Anerkennung Voraussetzung für den EU-Beitritt der Türkei ist.10

„Der armenische Völkermord wurde 100 Jahre später immer noch nicht anerkannt. Die Taten der Vergangenheit einzugestehen, ist Teil der Prävention. Wir können die Geschichte nicht ignorieren.“ – George Clooney11

 

Quellen:

Armenian National Institute (2015) Frequently Asked Questions. Abrufbar unter: www.armenian-genocide.org/genocidefaq.html (Stand: 22.03.15)

EyeWitnesstoHistory.com (2008) The Massacre of the Armenians, 1915. Abrufbar unter: http://www.eyewitnesstohistory.com/pfarmenianmassacre.htm (Stand: 22.03.15)

CNN (2015) Abrufbar unter: http://edition.cnn.com/videos/world/2015/03/11/orig-oth-george-clooney-power-couple-zef.cnn (Stand: 22.03.15)

Jones, A. (2010) Genocide – A comprehensive Introduction. 2nd Edition. London and New York: Routledge.

Kifner, J. Armenian Genocide of 1915: An Overview. The New York Times Abrufbar unter: http://www.nytimes.com/ref/timestopics/topics_armeniangenocide.html (Stand: 22.03.15)

Pawlitzki, H. (2011) Hintergrund: Der Völkermord an den Armeniern 1915 – 1917. Abrufbar unter: https://www.planet-schule.de/wissenspool/menschenlandschaften/inhalt/hintergrund/voelkermord-an-den-armenien.html (Stand: 22.03.15)

The History Place (2000) Genocide in the 20th Century: Armenians in Turkey: 1915- 18. Abrufbar unter: http://www.historyplace.com/worldhistory/genocide/armenians.html (Stand: 22.03.15)

1 Pawlitzki, H. (2011) planet-schule.de
2 Jones (2010) S. 151 – 152
3 Jones (2010) S. 151 / 153
4 Kifner in der New York Times / Jones (2010) S. 153
5 Jones (2010) S. 155
6 Jones (2010) S. 155 / 156
7 Jones (2010) S. 155
8 Jones (2010) S. 157 / 160
9 Jones (2010) S. 161 / 166
10 Pawlitzki, H. (2011) planet-schule.de
11 CNN (2015)
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