#Ge·no·zid·blogger e.V.
30 Jan 2017

#Kolonialmacht trifft auf Ureinwohner

Die erste Flotte britischer Strafgefangener erreichte im Januar 1788 unter König Georg III. den australischen Kontinent. Die Briten bezeichneten Australien als „Terra Nullius“ (Niemandsland) und erhoben Anspruch darauf. Jedoch stellte sich schon bald heraus, dass der Kontinent gar nicht unbewohnt war – vor über 60.000 Jahren besiedelten die ersten Menschen den Norden Australiens. Bis zur britischen Invasion im 18. Jh. hatten sich bis zu 500 Aborigines-Stämme mit insgesamt bis zu 750.000 Mitgliedern gebildet. Jeder dieser Stämme hatte seine eigene Sprache und Traditionen.[1]

Foto: CC-Lizenz Wikimedia

Die ankommenden „Weißen“ waren geschockt von dem Aussehen der „Schwarzen“ und ihrer Art zu leben. Sie beschlossen, dass die Aborigines zum einen gar keine richtigen Menschen und zum anderen für die Entwicklung der Gesellschaft nutzlos waren. Das Land, welches sie besiedelten, war jedoch alles andere als nutzlos, und so breiteten sich die Siedler immer weiter aus. Und mit ihnen Krankheiten wie Grippe, Pocken, Typhus, Tuberkulose, Diphterie und Keuchhusten. Ergänzend rückte die Viehzucht immer mehr in den Mittelpunkt der Kolonialwirtschaft, und so drangen die Besatzer immer weiter in das Landesinnere ein, was zu neuen Konflikten mit den Ureinwohnern führte. [2]

#Gewalt gegenüber Aborigines*

Die Gewalt gegenüber den Aborigines äußerte sich im Gegensatz zu anderen Genoziden nicht in Form von systematischer Massengewalt oder Konzentrationslager, nahm aber dennoch völkermordähnliche Auswüchse an. Man geht davon aus, dass circa 20.000 Aborigines durch direkte Massaker und gewaltsame Auseinandersetzungen gestorben sind und noch tausende mehr durch Krankheit, Zwangsarbeit, Landraub, Isolation, erzwungener Assimilation und infolge anderer grausamer Taten. Viele der Ureinwohner wurden von ihrem heiligen und lebenswichtigen Land vertrieben, damit die Siedler Viehzucht betreiben konnten. Im Gegenzug wehrten sich die Indigenen in Form von Überfällen auf die besagten Viehherden. Das wiederum führte zu Racheaktionen der weißen Siedler, welche die Camps der Ureinwohner umzingelten und alle Männer, Frauen und Kinder töteten.[3]

Die offizielle Kolonialpolitik Großbritanniens richtete sich gegen die völkermordähnlichen Handlungen und ermahnte die Siedler dazu, in Frieden mit den Ureinwohnern zu leben. Diese Anordnung wurde jedoch vom Gouverneur Arthur Phillip mit der Begründung ignoriert, die britische Regierung in England könne die Situation vor Ort nicht realistisch einschätzen. So haben die Beamten der Kolonialregierung über die Verbrechen gegenüber den Aborigines hinweggeschaut und diese nicht verhindert.[4]

Die Gewalt gegenüber den Indigenen äußerte sich in jedem Siedlungsgebiet etwas anders, aber nirgendwo ging man gnädig mit den Ureinwohnern um:

#Queensland

Die schlimmsten Verbrechen gegen die Aborigines wurden unter anderem in Queensland begangen. Dort formierten sich sogenannte „Todesschwadronen“ und verbreiteten Angst und Schrecken unter der schwarzen Bevölkerung. Frauen wurden vergewaltigt, Kinder als Zwangsarbeiter missbraucht und die Männer im Busch zusammengetrieben und erschossen. Man bezeichnete sie als „Ungeziefer“, „wilde Tiere“, „Unmenschen“ oder als „Belästigung“. Der Historiker Henry Reynolds schätzt, dass ca. 8.000 bis 10.000 „Schwarze“ zwischen 1824 und 1908 in Queensland umgebracht wurden. Bis ins späte 19. Jh. existierten in diesem Gebiet Australiens legale Sanktionen, die den sozialen Tod für die Aborigines bedeuteten.[5]

Foto: Aussie~mobs/www.flickr.com/Creative Commons

#Tasmanien

Das Vorgehen auf der Insel Tasmanien wird auch als Paradebeispiel eines kolonialen Völkermords bezeichnet, denn die auf 3.000 bis 15.000 geschätzten Ureinwohner auf der Insel wurden so gut wie komplett ausgelöscht. 1824 wurde es den Siedlern erlaubt, Aborigines wie Vieh abzuschießen. 1828 rief der Gouverneur eine Art Kriegsrecht aus, unter welchem es Soldaten und Einwohnern erlaubt war, „schwarze“ Menschen in Siedlungsgebieten zu verhaften oder zu erschießen. Versuchten sich die Aborigines zu wehren, so antworteten die Bürgerwehren mit der Auslöschung ganzer indigener Familien. Zwischen 1828 und 1834 wurden die letzten Überlebenden aus „humanitären Gründen“ auf die nahegelegene Flinders Island verfrachtet, wo sie an den schlechten Lebensbedingungen sowie europäischen Zivilisationskrankheiten, Alkoholkonsum und Depressionen starben. Die niedrige Geburtenrate konnte die Todeszahlen nicht ausgleichen.[6]

#Zentralaustralien

In den Jahren 1860 bis 1895 starben in Zentralaustralien circa 20% der Aborigines an europäischen Krankheiten, etwa 40% der indigenen Ureinwohner wurden erschossen. Der Beobachter E.M. Curr schrieb dazu 1886 in „The Australian Race“:

„Die weiße Rasse scheint dazu bestimmt zu sein, die schwarze Bevölkerung Australiens nicht nur zu absorbieren, sondern auszulöschen.“[7]

#Südaustralien

Der erste Kontakt zwischen den britischen Siedlern und den Aborigines war in Südaustralien besonders brutal. Entführung und Mord standen auf der Tagesordnung. Ab 1836 jedoch wurden nur noch sehr wenige Indigene erschossen oder vergiftet, aber man vollzog einen kulturellen Völkermord: der Besitz von Land sowie Kultur, Religion und Sprache waren den Ureinwohnern fortan verboten.[8]

#erzwungene Assimilation – die „gestohlenen Generationen“

Nachdem die Aborigines den Zugang zu ihrem Land und Wasser an die Kolonialherren verloren hatten, wurden ihnen Reservate zugewiesen. Dort blieben sie aber weitgehend abhängig von staatlicher Hilfe, besonders in Bezug auf Nahrungsmittel.  Über den Lauf der Jahre nahm in den Reservaten die Zahl der „reinrassigen“ Aborigines ab und die der „Mischlinge“ zu.  Die Regierung wollte diese „Mischlinge“ mit der etwas helleren Hautfarbe nicht weiter finanzieren, sondern lieber als Arbeitskraft der weißen Gesellschaft zuführen. Durch den Aborigines Protection Act waren nur noch „Vollblut“-Aborigines und „Halbblut“-Aborigines über 34 Jahren zu staatlichen Hilfsleistungen berechtigt, d.h. alle „Mischlinge“ unter 34 Jahren wurden gewaltsam aus den Missionen und Reservaten vertrieben, egal ob sie verheiratet, verwandt oder besonders hilfsbedürftig waren.[9]

„Ich würde nicht einen Moment zögern, ein Halbblut von seiner Aborigine-Mutter zu trennen, egal wie groß ihr momentaner Schmerz und ihre Trauer sind. Sie vergessen ihren Nachwuchs bald.“ – C.F. Gale, Schutzherr von Westaustralien (1909)[10]

Foto: Aussie~mobs/www.flickr.com/Creative Commons

Zwischen 1910 und 1970 war es die offizielle australische Regierungspolitik, den Aborigines die Kinder wegzunehmen, um so ihr Aussterben sicherzustellen. Der Staat, die Kirche und die Wohlfahrtsverbände trennten die Kinder gewaltsam von ihren Familien und steckten sie in weiße Familien oder Heime. Dort sollten sie als „Weiße“ heranwachsen und sich später als Landarbeiter oder Haushälterin in die Mehrheitsgesellschaft integrieren. Die Kinder wurden in den Familien und Institutionen nicht selten misshandelt und traumatisiert sowie gleichzeitig ihrer Identität, Kultur, Religion und Sprache beraubt.

„Auf diesem Weg ist es eventuell möglich zu vergessen, dass es jemals Aborigines in Australien gab.“ – O.A. Neville, Schutzherr von Westaustralien von 1915-1940[11]

Die Kinder durften auf Grundlage des Aborigines Protection Act ganz offiziell aus den Familien genommen werden, auch ohne die Einwilligung der Eltern oder sogar ohne einen Gerichtsbeschluss. Man kann bis heute nicht sagen, wie viele Kinder ihren Familien entrissen wurden, da darüber keine Statistiken geführt wurden, aber man schätzt, dass fast jedes dritte bis zehnte Kind von dieser rassistischen Politik betroffen war. [12]

#Bringing them home

1995 wurde vom australischen Staat ein nationaler Untersuchungsausschuss eingesetzt, um das damalige Vorgehen zu untersuchen. In seinem 500-seitigen Report „Bringing them home“ von 1997 kommt der Untersuchungsausschuss zu dem Schluss, dass sich Australien mit seiner Politik des Völkermords im Sinne des Art. 2e UN-Völkermordkonvention schuldig gemacht hat. Dieser Paragraph besagt, dass die „gewaltsame Überführung von Kindern der Gruppe in eine andere Gruppe“ unter den Begriff des Völkermords fällt. Weiterhin stellte der Report fest, dass jedes dritte bis zehnte Kind seiner Familie entrissen wurde, da die Aborigines als eine Schande für das weiße Australien angesehen wurden. Die damaligen Kinder leiden heute besonders häufig unter psychischen Krankheiten, Depressionen und mangelnden Selbstbewusstsein. Sie sind anfälliger für physischen, psychischen und sexuellen Missbrauch, werden häufiger straffällig, haben eine hohe Selbstmordrate und können keine Beziehung zu ihrem Land und ihrer Kultur aufbauen.[13]

1998 beschloss man, der Aborigines und ihrer „gestohlenen Generationen“ mit einem nichtamtlichen Feiertag zu gedenken. Der „National Sorry Day“ wird seitdem jedes Jahr am 26. Mai begangen, doch erst 2008 entschuldigte sich der damalige Premierminister Kevin Rudd offiziell bei den Aborigines für die „gestohlenen Generationen“. Allerdings ist die Anerkennung als Völkermord in der australischen Gesellschaft auch heute noch stark umstritten.[14]

Foto: Carol Neuschul/www.flickr.com/Creative Commons

#Aborigines heute

Zirka 123 Jahre nach dem ersten Kontakt mit der britischen Kolonialmacht war die Bevölkerungszahl der Aborigines von geschätzten 750.000 auf 31.000 (1911) geschrumpft. Obwohl die Gruppe der Aborigines und Torres-Strait- / Südsee-Insulaner auch heute noch alle Negativstatistiken anführt, wie z.B. die für Herzkrankheiten, Krebs, Diabetes, Atemwegsinfekte, Depressionen, Selbstmord etc., ist ihre Bevölkerungszahl um das zehnfache gestiegen. In einer Volkszählung von 1996 identifizierten sich insgesamt 352.970 Menschen als Aborigines (314.120), Torres-Strait- / Südsee-Insulaner (28.744) oder als beides (10.106). Ihre Lebenserwartung liegt aber auch heute mit 50-55 Jahren für Männer und 55 Jahren für Frauen deutlich unter dem Durchschnitt der australischen Bevölkerung.[15] Weiterhin müssen die Aborigines noch heute gegen Rassismus ankämpfen; immer wieder kommt es zu gewaltsamen Übergriffen und der Missachtung ihrer Landrechte. Viel schockierender ist allerdings die Tatsache, dass im Jahr 2015 bis zu 15.000 Aborigines-Kinder in „out-of-home care“ lebten – fünfmal mehr als zu den Zeiten der „stolen generations“.[16] Mehr über die Situation der Aborigines könnt ihr z.B. auf den Seiten von Survival International lesen.

 

*Um den Lesefluss zu wahren, wird in dem Text zumeist von den Aborigines gesprochen, aber die Gruppe der Torres-Strait- sowie Südsee-Insulaner soll hierbei genauso beachtet werden.

 

Quellen & weiterführende Links:

# Jones, A. (2010) Genocide – A comprehensive introduction. 2nd Edition. London and New York: Routledge.

# National inquiry into the separation of Aboriginal and Torres Strait Islander children from their families (1997) “Bringing them home”. Abrufbar unter: https://www.humanrights.gov.au/sites/default/files/content/pdf/social_justice/bringing_them_home_report.pdf (Stand 11.01.2017

# Tatz, C. (1999) „Genocide in Australia“. An AIATSIS Research Discussion Paper No. 8. Abrufbar unter: http://aiatsis.gov.au/sites/default/files/products/discussion_paper/tatzc-dp08-genocide-in-australia.pdf (Stand 11.01.2017)

# www.news.com.au (2014) „Australia in the grip of a ‘new stolen generation’, indigenous children forcibly removed from homes„ von Matt Young, Abrufbar unter: http://www.news.com.au/lifestyle/real-life/australia-in-the-grip-of-a-new-stolen-generation-indigenous-children-forcibly-removed-from-homes/news-story/88e06e6db098dfddf39e8412674734c0 (Stand 11.01.2017)

# www.sbs.com.au (2015) “Explainer: Removal of Indigenous children: facts, figures and terms you need to know”, Abrufbar unter http://www.sbs.com.au/news/insight/explainer/removal-indigenous-children-facts-figures-and-terms-you-need-know (Stand: 11.01.2017)

# www.theguardian.com (2014) “Another stolen generation: how Australia still wrecks Aboriginal families” von John Pilger, Abrufbar unter: https://www.theguardian.com/commentisfree/2014/mar/21/john-pilger-indigenous-australian-families (Stand 11.01.2017)

# www.theguardian.com (2016) “Indigenous kids are still being removed from their families, more than ever before” von Larissa Behrendt, Abrufbar unter: https://www.theguardian.com/australia-news/commentisfree/2016/feb/13/eight-years-after-the-apology-indigenous-kids-are-still-being-removed-from-their-families (Stand: 11.01.2017)

[1] Tatz, C. (1999) S. 7-8
[2] Jones, A. (2010) S. 119
[3] Jones, A. (2010) S. 119
[4] Jones, A. (2010) S. 119
[5] Jones, A. (2010) S. 119, Tatz, C. (1999) S. 15
[6] Jones, A. (2010) S. 120, Tatz, C. (1999) S. 15
[7] Tatz, C. (1999) S. 17
[8] Tatz, C. (1999) S. 16
[9] Tatz, C. (1999) S. 24-25
[10] Tatz, C. (1999) S. 24-25
[11] Tatz, C. (1999) S. 24-25
[12] Tatz, C. (1999) S. 24-25
[13] Tatz, C. (1999) S. 24-25
[14] Jones, A. (2010) S. 121
[15] Tatz, C. (1999) S. 9-10
[16] www.sbs.com.au (2015) / www.theguardian.com (2014 + 2016) / www.news.com (2014)

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