#Ge·no·zid·blogger e.V.
11 Okt 2017

Text: Pia

#Critical Whiteness und das Ende des Rassismus?

Critical Whiteness – zu deutsch „kritische Weißseinsforschung“ – ist in Deutschland (im Gegensatz zu den USA und Großbritannien) ein relativ junger akademischer Forschungszweig. Er betrachtet Rassismus aus der historischen und derzeitigen Perspektive der Weißen und nimmt sie in die Verantwortung.

Anmerkung: Ich benutze die Begriffe „Weiß“ oder „Schwarz“ nicht in Bezug auf Hautfarben als tatsächliche Farbadjektive (denn objektiv sind Weiße genauso wenig weiß wie Schwarze schwarz sind), sondern als Bezeichnung eines Konstrukts von Identität, zugeschriebener Zugehörigkeit und Selbstbezeichnung. Um dies deutlich zu machen, schreibe ich die Begriffe groß und kursiv.

Foto: Luigi Morante/www.flickr.com/Creative Commons

#Was hat Rassismus mit Weißsein zu tun?

Critical Whiteness nimmt bei der Bekämpfung von Rassismus explizit Weiße in die Verantwortung und will über Kolonialismus, Rassismus und die Rolle der Weißen bei der Reproduktion rassistischer Vorurteile aufklären. Mit Beginn der Kolonialisierung des afrikanischen Kontinents Ende des 15. Jahrhunderts, wurden afrikanische Länder erkundet, für den Handel erschlossen und der Macht der Europäer unterworfen. Die Einsetzung des europäischen Militärs in die erschlossenen Gebiete und die Einrichtung von Zivilverwaltungen wurde mit der Minderwertigkeit der Bevölkerung begründet. Diese seien Wilde, rassisch minderwertig und nicht fähig eigene Verwaltungen und Gesellschaftssysteme zu etablieren.

So hielt der Rassismus Einzug in weiße Köpfe. Die Kolonien wurden wirtschaftlich ausgebeutet und die Bevölkerung versklavt und verkauft. Der Sklavenhandel basierte also auf einem rassistischen System und wurden durch diesen legitimiert. Schwarze waren entrechtet und wurden vor dem Gesetz und in der Gesellschaft nicht als gleichwertig angesehen. Rassismus wurde von Generation zu Generation weitergegeben und von den meisten Weißen nicht in Frage gestellt, da diese ja von dem System profitierten. So beruhte das wirtschaftliche und das gesellschaftliche System auch in den folgenden Jahrhunderten auf Rassismus.

Rassistische Klischees halten sich bis heute noch hartnäckig in den Köpfen der Weißen. Um diesen Teufelskreis zu durchbrechen, müssen Weiße dazu bereit sein, über ihre eigene Geschichte und Vorurteile zu reflektieren. Erst durch diese Reflexion kann Rassismus aktiv bekämpft werden.

Foto: Loïc/www.flickr.com/Creative Commons

#Alltagsrassimus – Was ist das?

In dem Buch „Deutschland Schwarz Weiß“ beschreibt die Autorin Noah Sow eindrückliche Beispiele von Alltagsrassismus. Für manch einen erscheinen diese als bedeutungslos, man habe es doch gar nicht so gemeint und sei doch nicht rassistisch. Aber für die Betroffenen häufen sich die Erfahrungen und so können schon vermeintliche Kleinigkeiten tief kränken.

Eine*n in Deutschland geborene*n Mitbürger*in zu fragen, wo sie denn wirklich herkomme, kann so ein kränkendes Erlebnis sein. Auch einer jungen schwarzen Frau einfach in die Haare zu fassen, ohne eine persönliche Beziehung zu ihr zu haben, ist eine Grenzüberschreitung. Schwarze auf englisch anzusprechen kann auch ein Zeichen dafür sein, dass der*die Fragende denkt, Schwarze seien Fremde. Diese Liste ließe sich sicherlich beliebig weiterführen. Ich werde es aber bei ein paar Beispielen belassen, da Rassismus eine sehr persönliche Erfahrung ist und ich als Weiße noch nie von Rassismus betroffen war.

Denjenigen, die gerne mehr zu dem Thema erfahren möchten, empfehle ich das eben genannte Buch. Auch das neu erschienene Buch „Exit Racism: rassismuskritisch denken lernen“ von Tupoka Ogette behandelt Fragen wie diese. Darüber hinaus möchte das Buch Eltern schwarzer Kinder Handlungsempfehlungen im Umgang mit Rassismuserfahrungen bieten.

Um einen Einblick in die Lebenswelten schwarzer Deutscher aus verschiedenen Generationen zu erlangen ist der Film „Afro. Deutschland“ der DW-Moderatorin Jana Pareigis sehr zu empfehlen.

#Wie kann Rassismus bekämpft werden?

Erst einmal müssen sich Weiße ihres Weißseins bewusst werden. Im Gegensatz zu Schwarzen sind sie nämlich nicht ständig mit ihrer Hautfarbe konfrontiert. Sie müssen sich keine Gedanken darübermachen, ob vielleicht ihr Weißsein der Grund für eine Ablehnung auf dem Arbeits- oder Wohnungsmarkt gewesen sein könnte. Ihre Hautfarbe spielt für sie meist ihr Leben lang keine Rolle. Nicht über die eigene Hautfarbe nachdenken zu müssen ist ein Privileg, dessen sich Weiße meistens nicht bewusst sind.

Ein weiteres Privileg ist auch, die eigene Herkunft oder Familiengeschichte nicht preisgeben zu müssen. Wenn ich erzähle, dass ich aus Göttingen komme, wird dies so akzeptiert. Zwar wurde ich schon ab und zu gefragt, wo meine Eltern oder Großeltern herkommen, aber ich kann diese Fragen an einer Hand abzählen und meistens sind es Freunde oder enge Bekannte, die sich für meine Familiengeschichte interessieren. Bei einer Diskussionsrunde in einer politischen Organisation vor einiger Zeit berichtete eine junge Frau, dass sie von einem Busfahrer als asozial beschimpft wurde. Sie hatte ihren Fahrausweis vergessen und er ging scheinbar davon aus, dass sie als Schwarze ja sowieso keinen Job habe. Wenn ich meinen Fahrausweis vergesse, muss ich auch eine Strafe bezahlen aber ich wurde noch nie rassistisch beschimpft.

Foto: Luigi Morante/www.flickr.com/Creative Commons

Letztens habe ich einen Artikel gelesen, in dem eine junge Frau schilderte, dass sie rassistisch angegriffen und sogar geschlagen wurde. Sie wandte sich an die Polizei, hatte sogar ein Foto von der Angreiferin und Zeuginnen, die für sie aussagen wollten. Das Verfahren wurde eingestellt, da angeblich die Täterin nicht ermittelt werden konnte. Ich hatte noch nie ein Problem damit, die Polizei zu rufen und Hilfe zu bekommen. Mir wurde bisher von den Beamt*innen immer geglaubt. Ein Landtagspolitiker aus Sachsen wird immer und immer wieder am Bahnhof kontrolliert und respektlos behandelt. Selbst wenn er seinen deutschen Pass zeigt. Auch diese Beispiele sind nur Versuche zu verdeutlichen, welche Privilegien Weiße in Deutschland haben.

Oft versuchen Weiße die Verantwortung von sich zu schieben. So wird Rassismus als etwas wahrgenommen, was die Anderen (insbesondere die Rechten) machen. Einzusehen, dass man rassistisch geprägt ist, kann wehtun und verunsichern. Empathie hilft dabei, Menschen zu verstehen, die Rassismuserfahrungen gemacht haben. Wir müssen zusammenhalten, uns verbünden, das Übel benennen und bei der Wurzel packen. Die Bekämpfung von Rassismus beginnt auf der persönlichen Ebene. Selbst wenn es Gesetze und politische Leitlinien zur Bekämpfung von Rassismus gibt, müssen wir diese umsetzen!

 

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