#Ge·no·zid·blogger e.V.
4 Jul 2016

Text: Corinna

#Der Holocaust

Der Holocaust gilt als das sogenannte Vorzeigemodell eines Völkermords und wird gerne als Vergleich herangezogen, um die verschiedenen Definitionsmerkmale eines Genozids beurteilen zu können. Auch das „Übereinkommen über die Verhütung und Bestrafung des Völkermordes“ wurde am 09.12.1948 von den Vereinten Nationen unter dem Motto „Never again – Niemals wieder“ als Antwort auf die Judenvernichtung durch die Nazis verabschiedet. Da der Holocaust eine so zentrale und wichtige Stellung in der Genozidforschung einnimmt, werdet ihr hier in den nächsten Wochen verschiedene Beiträge und Berichte rund um dieses Thema finden.

Beginnen möchte ich mit der Verfolgung und Diskriminierung der Juden zwischen 1933 und 1941.

Holocaust Mahnmal BerlinFoto: Thomas Matthias

#Judendiskriminierung 1933 – 1939

Als Adolf Hitler am 30. Januar 1933 zum Reichskanzler ernannt wurde, war es in Europa seit Jahrhunderten beinahe schon eine Tradition, eine antisemitische Haltung innezuhaben, doch die Nazis trieben den Hass gegen die Juden auf ein neues Hoch und versprachen der deutschen Bevölkerung, dass sich mit der Herauslösung der Juden aus der sogenannten Volksgemeinschaft alle Probleme des Deutschen Reichs lösen ließen.

Am 07. April 1933 erließ die Reichsregierung widerrechtlich das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“, welches auf die Entfernung aller politischen Gegner und unliebsamen Personen aus dem öffentlichen Dienst abzielte. Davon betroffen waren vor allem Beamte jüdischer Herkunft, denn der „Arierparagraph“ verbot die Beschäftigung von „Nichtariern“ und forderte ihre sofortige Entlassung. Als „nichtarisch“ galt, wer einen jüdischen Großelternteil besaß. Bis zu 5.000 jüdische Beamte verloren somit ihren Job.

Ausschlaggebend für die Beurteilung als Jude war nicht die eigene Religionszugehörigkeit, sondern die der Großeltern. Die Nazis sahen das Judentum somit nicht als Religion, sondern als Rasse an:

# Volljude = 3 oder 4 Großelternteile, die jüdisch waren

# Halbjude = 2 Großelternteile, die jüdisch waren

# Vierteljude = 1 Großelternteil, welches jüdisch war

JudensternFoto: Bundesarchiv, Bild 183-N0619-506 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de

Anschließend hielt der Paragraph Einzug in viele berufsständische Vereinigungen und Organisationen – wie jener der Ärzte und Rechtsanwälte – und diente der systematischen Ausgrenzung aller Juden. Im April 1933 folgte außerdem das „Gesetz gegen die Überfüllung der deutschen Schulen und Hochschulen“, um den jüdischen Anteil in den deutschen Bildungsanstalten zu begrenzen. Im Oktober 1933 wurden alle Menschen jüdischer Abstammung durch das „Schriftleitergesetz“ aus den Presseberufen ausgeschlossen und im Mai 1935 vom Wehrdienst ausgeschlossen.

Durch den Erlass der „Nürnberger Gesetze“ (welche aus verschiedenen Einzelgesetzen und Verordnungen bestanden) am 15. September 1935 wurde das Leben für die jüdische Bevölkerung im deutschen Reich unerträglich. Das „Reichsbürgergesetz“ degradierte alle Juden zu Bürgern zweiter Klasse und sollte so das Verhältnis zwischen arischen Reichsbürgern und nichtarischen Staatsangehörigen regeln. Das Gesetz nahm den Juden die Gleichberechtigung, beschnitt ihre politischen Rechte und griff in ihre wirtschaftliche, soziale und kulturelle Lebensgestaltung ein.

Mit dem darauffolgenden „Gesetz zum Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“ wurde die Eheschließung zwischen Juden und Nichtjuden verboten. Die daraus resultierenden außerehelichen sexuellen Beziehungen wurden als Rassenschande betitelt und hart bestraft. Auf Grundlage des „Reichsbürgergesetz“ wurden über die Jahre zahllose Ausführungsbestimmungen und Durchführungsverordnungen erlassen, die immer mehr die Rechte der Juden beschnitten.

JudensternFoto: Bild 183-R99993 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de 

Kinderreiche jüdische Familien erhielten ab März 1936 keine Beihilfen mehr, jüdische Lehrer durften ab Oktober 1936 keinen Privatunterricht mehr an nichtjüdische Schüler geben. Ab April 1937 wurde es den Juden verboten, an deutschen Universitäten den Doktortitel zu erwerben. Ab September 1937 verloren alle jüdischen Ärzte die Krankenkassenzulassung und im Juli 1938 die Approbation. Wenig später wurden auch den jüdischen Rechtsanwälten und anderen Berufsgruppen die Arbeitserlaubnis entzogen. Diese Bestimmungen bedeuteten für unzählige Familien den Abstieg in die Armut.

Neben diesen existenzbedrohenden Berufsverboten und der Verdrängung jüdischer Wissenschaftler versuchte das Nazi-Regime, alle Juden aus der Wirtschaft zu drängen, so z.B. riefen die Nazis am 01. April 1933 zum Boykott aller jüdischer Geschäfte auf. Die NS-Wirtschaftsbehörde setzte es im Zuge der „Arisierung“ alles daran, die jüdischen Einzelhändler zur Aufgabe bzw. zum Verkauf ihrer Geschäfte zu zwingen. Auch das hatte einen enormen Einfluss auf die wirtschaftliche Existenz der jüdischen Bevölkerung, denn zirka 60% von ihnen waren im Warenhandel beschäftigt.

Im Juli 1938 wurden besondere Kennkarten für Juden eingeführt, und ab August desselben Jahres mussten Männer, Frauen und Kinder den zusätzlichen Zwangsvornamen Sara bzw. Israel führen. Ab Oktober 1938 wurde in ihre Reisepässe ein rotes „J“ für Jude gestempelt, ab November durften jüdische Kinder nicht mehr auf deutsche Schulen gehen.

Neben all diesen Verboten auf nationaler Ebene kamen unzählige Schikanen auf lokaler Ebene hinzu. So wurden in vielen Städten und Dörfern am Ortseingang Schilder mit Sprüchen wie „Juden nicht erwünscht“ aufgestellt oder Parkbänke mit „Nur für Arier“ gekennzeichnet.

An den Fenstern jüdischer Geschäfte werden von Nationalsozialisten Plakate mit der Aufforderung "Deutsche, wehrt euch, kauft nicht bei Juden" angebracht.„Deutsche! Wehrt Euch, kauft nicht bei Juden!“ Foto: Bundesarchiv, Bild 102-14468 / Georg Pahl / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de

#Novemberpogrom 1938

Die sogenannte Reichskristallnacht am 09./10. November 1938 war kein spontan aufgeflammter Volkszorn, sondern ein von dem NS-Staat perfekt inszeniertes Chaos.

Im Herbst 1938 drohte die polnische Regierung ihre Grenzen für Juden, die im Deutschen Reich lebten und die polnische Staatsangehörigkeit besaßen, zu schließen. Daraufhin verfügte die Nazi-Regierung, alle 18.000 polnische Juden auszuweisen, zur Not mit Gewalt. Vielen dieser Menschen blieben die Grenzen verschlossen, und sie wussten nicht wohin. Aus Protest gegen die brutale Ausgrenzung und Vertreibung seiner Familie erschoss der in Paris lebende polnische Jude Herschel Grynszpan den deutschen Botschafter Ernst von Rath – und wurde zum Auslöser für das Novemberpogrom, denn das Attentat kam den Nazis sehr gelegen. Umgehend propagierte Joseph Goebbels in einer antisemitischen Pressekampagne eine Verschwörung des „Weltjudentums“. Nur wenig später – in der Nacht vom 09. zum 10. November – brannten Mitglieder der Sturmabteilung (SA) und Schutzstaffel (SS) tausende von Geschäften und Synagogen nieder. Jüdische Mitmenschen wurden gedemütigt, verhöhnt, misshandelt und ausgeplündert. Relativ neuen Schätzungen zufolge sollen zirka 7.500 Geschäfte und an die 1.000 Synagogen und Gebetshäuser zerstört worden sein. Es gab hunderte von Toten in Folge von Mord, Misshandlung und Suizid.

Berliner Synagoge_KristallnachtBerliner Synagoge, Foto: Berlin Synagog By Hitler’s War Against the Jews (1975) by Lucy Dawidowicz, p. 61.

In den darauffolgenden Tagen wurden um die 30.000 jüdische Männer verhaftet und in die Konzentrationslager Dachau, Buchenwald und Sachsenhausen deportiert. Viele kamen nur wieder frei, wenn sie sich zur Auswanderung verpflichteten. In diesem Fall aber wurden ihr Eigentum und Vermögen beschlagnahmt. Gleichzeitig sollte die jüdische Gemeinschaft für die Schäden der Reichskristallnacht aufkommen und einen Schadensersatz in Höhe von 1,2 Milliarden Reichsmark zahlen. Versicherungsleistungen wurden selbstredend von der NS-Regierung einbehalten.

Viele jüdische Mitbürger dachten, es könne nicht mehr schlimmer kommen. Doch am 12. November 1938 erließen die Nazis die „Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben“. Den Juden wurde das Betreiben von Einzelhandelsgeschäften und Handwerksbetrieben sowie das Anbieten von Waren und Dienstleistungen auf Märkten und Festen verboten. Die „Arisierung“ oder Auflösung jüdischer Betriebe wurde gnadenlos vorangetrieben. Schmuck, Juwelen und Antiquitäten wurden unter ihrem Wert verkauft; Aktien und Wertpapiere durften nicht besessen werden. Die Erlöse wurden über sogenannte Sperrkonten durch das Deutsche Reich konfisziert.

ADN-ZB/Repro/Archiv/18.5.1989 Faschistisches Deutschland 1933-1945/Verhaftung jüdischer Männer in Baden-Baden im November 1938: Nach dem faschistischen antisemitischen Pogrom vom 9./10. November 1938 wurden etwa 30 000 Juden verhaftet und in Konzentrationslager verschleppt.Juden, die in Schutzhaft gebracht werden. Foto: Bundesarchiv, Bild 183-86686-0008 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de

#Völlige Entrechtung 1938/39 – 1941

Ab 1939 galt ein fast ausnahmsloses Berufsverbot für alle Juden und Zwangsarbeit wurde angeordnet. Jüdische Zeitungen und Organisationen wurden verboten, das öffentliche jüdische Leben kam zum Erliegen.

Ab dem 30. April 1938 galt das „Gesetz über Mietverhältnisse mit Juden“, denn es war den arischen Reichsbürgern nicht mehr zuzumuten, mit Juden in einem Haus zu leben. Mit diesem Gesetz wurde die rechtliche Grundlage für die Ghettos geschaffen, um die Überwachung und Deportation zu vereinfachen. Ab dem 01. September 1939, mit dem Beginn des zweiten Weltkriegs, wurde eine Ausgangsbeschränkung für Juden eingeführt. Im Sommer durften sie nach 21 Uhr nicht mehr vor die Tür gehen, im Winter ab 20 Uhr. Gleichzeitig wurde ihnen der Besitz von Rundfunkempfängern (20. September 1939) und Telefonen (19. Juli 1940) untersagt. Seit Dezember 1938 durften sie außerdem kein Auto mehr fahren oder ein Kraftfahrzeug besitzen. Juden wurde es verboten, Straßenbahnen oder Fahrräder zu benutzen, Haustiere zu halten, die Leihbücherei zu nutzen oder öffentliche Badeanstalten zu besuchen. Außerdem wurden ihnen besondere Lebensmittelgeschäfte zugewiesen und sie durften nur noch zu bestimmten Uhrzeiten einkaufen gehen. Ergänzend wurden die Lebensmittelrationen für Juden gekürzt.

Foto: Powhusku/www.flickr.com/Creative Commons https://www.flickr.com/photos/hubbardcoe/ Foto: Powhusku/www.flickr.com/Creative Commons

Am 01. September 1941 wurde eine Polizeiverordnung über die Kennzeichnung der Juden erlassen und ab dem 15. desselben Monats mussten alle Juden ab dem 6. Lebensjahr einen gelben Stern auf ihren Kleidern tragen. Ab Juli 1943 standen alle Juden unter Polizeirecht, d.h. es gab für sie keine Rechtsinstanzen mehr, aber zu diesem Zeitpunkt galt das Deutsche Reich offiziell als „judenfrei“.

Quellen:

# Benz, W. (2008) „Der Holocaust“, 7.Auflage, Verlag C.H. Beck oHG München, S. 23 – 36

# Brakel, A. (2008) „Der Holocaust – Judenverfolgung und Völkermord“, Be.bra Verlag GmbH Berlin-Brandenburg, S. 37 – 60

# Prof. em. Dr. Herzig, A. (2010) „1933-1945: Verdrängung und Vernichtung – Jüdisches Leben in Deutschland“, abrufbar unter: www.bpb.de/izpb/7687/1933-1945-verdraengung-und-vernichtung (Stand 29.05.2016)

# Prof. Dr. Knopp, G. (2001) „Holocaust“, Taschenbuchausgabe, Wilhelm Goldmann Verlag München

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