#Ge·no·zid·blogger e.V.
8 Aug 2016

Text: Corinna

#Die Vernichtung der europäischen Juden 1941 – 1945

#Judenproblem

Die Vernichtung von sechs Millionen west- und osteuropäischen Juden war ein stetig verlaufender Prozess während des Zweiten Weltkriegs. Einen schriftlichen Vernichtungsbefehl von Adolf Hitler hat es wahrscheinlich nie gegeben, zumindest wurde bis heute keiner gefunden. Vielmehr fiel die Entscheidung zum Massenmord eher schrittweise.

27784990813_1378f8934e_zFoto:  Auschwitz von Rodrigo Paredes/www.flickr.com/Creative Commons

Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs radikalisierte sich die ideologische Ausrichtung der Nazis noch einmal, denn die Juden wurden für die Niederlage im Ersten Weltkrieg verantwortlich gemacht und galten als Feind im eigenen Land. Somit war es den Nazis bald nicht mehr genug, die Juden aus dem Deutschen Reich zu vertreiben – ihre Vernichtung wurde zum Kriegsziel erklärt.

Mit dem Überfall auf Polen nahm das sogenannte „Judenproblem“ neue Ausmaße an, denn in keinem anderen europäischen Staat lebten 1939 mehr Juden als in Polen. Truppen der Wehrmacht, SS und diversen anderen Einheiten begannen, die Juden auf offener Straße zu demütigen und zu quälen. Man zerstörte ihre Synagogen und Wohngebiete und pferchte sie in Ghettos zusammen.

Ghetto WarschauFoto: Ghetto Warschau von Chris Brown/www.flickr.com/Creative Commons

#Lebensraum im Osten

Ein weiteres Kriegsziel Hitlers war es, Lebensraum im Osten zu erobern und diesen ethnisch neu zu strukturieren. Neben den Juden, Homosexuellen, Behinderten, Sinti und Roma galten vor allem die slawischen Völker als Untermenschen. Gemäß dem „Generalplan Ost“ sollten um die 31 Millionen Menschen umgesiedelt bzw. vernichtet werden, um das Deutsche Reich mit genügend Nahrungsmitteln zu versorgen und Lebensraum für arische Menschen zu bieten. Basierend auf diesem Plan, griff das Deutsche Reich am 22. Juni 1941 die Sowjetunion an. Dieser Feldzug war vor allem als Eroberungs- und Vernichtungskrieg konzipiert und wurde von Anfang an als solcher geführt. Mobile Einsatzgruppen der SS und Teile der Wehrmacht erschossen Männer, Frauen und Kinder in Wäldern und auf den Feldern und verscharrten sie anschließend in Massengräbern, die teilweise von den Opfern zuvor ausgehoben wurden. Allein in den Jahren 1941/42 wurden so über eine Million Juden, Sowjets sowie Sinti und Roma ermordet.

Killing SitesFoto: Matthew David/www.flickr.com/Creative Commons

Als man erkannte, dass der geplante Blitzkrieg gegen die Sowjetunion nicht vor Einbruch des Winters zu gewinnen war, stieg in der NS-Führung die Verfolgungs- und Vernichtungsbereitschaft. Die Nazis bemerkten, dass sie sich mit den Ghettos ein Überwachungs- und Versorgungsproblem geschaffen hatten, welches es schnellstmöglich zu lösen galt.

Ghetto TheresienstadtFoto: Theresienstadt von N. Eisold

Nach dem Sieg über Frankreich debattierte man kurzzeitig darüber, die Juden auf die Insel Madagaskar zu deportieren und dort in Konzentrationslagern unter unmenschlichen Bedingungen sich selbst zu überlassen. Die Nazis waren der Überzeugung, die Juden würden unter den klimatischen Bedingungen Afrikas sterben. Jedoch blieben die französischen Kolonien außerhalb des deutschen Machtbereichs, und der Madagaskar-Plan wurde wieder verworfen. Die SS überlegte nun auch offiziell, ob es nicht besser sei, nicht arbeitsfähige Juden zu liquidieren. Die „Judenfrage“ musste nun endgültig geklärt werden.

Der StürmerFoto: Dierk Schaefer/www.flickr.com/Creative Commons

#Wannseekonferenz und Endlösung der Judenfrage

Im Sommer 1941 übertrug Heinrich Himmler dem SS-Obergruppenführer Reinhard Heydrich, Leiter des Reichssicherheitshauptamts, die Aufgabe, die „Endlösung der Judenfrage“ administrativ vorzubereiten. Ziel war es, alle elf Millionen Juden in Europa zu vernichten. Am 20. Januar 1942 fand am Wannsee in Potsdam die berühmt-berüchtigte Wannseekonferenz statt. Bei dieser wurde nicht, wie so oft angenommen, die Endlösung der Judenfrage beschlossen, sondern vielmehr die administrative und organisatorische Durchführung mit den Behörden und Ministerien besprochen. Dem Referat für Judenangelegenheiten IV B 4 und dessen Leiter Adolf Eichmann wurde die zentrale Organisation der Deportationen übertragen. Die NS-Politik wurde nun endgültig auf die Ermordung der Juden ausgerichtet.

HolocaustFoto:  Auschwitz von Reddy Aprianto/www.flickr.com/Creative Commons

Der Völkermord an den Juden hatte jedoch schon eher begonnen. Seit Kriegsbeginn wurden die polnischen Juden in verschiedenen Ghettos konzentriert, seit Oktober 1941 auch die „reichsdeutschen Juden“. Um Platz in den Ghettos zu schaffen, wurden viele Juden in regelmäßigen Abständen erschossen oder in sogenannten Gaswagen (LKWs, in welche Kohlenstoffmonoxid geleitet wurde) ermordet.

#Konzentrationslager

Da sich die Erschießung der Juden für die Täter als zu anstrengend und belastend herausstellte, begannen die Nazis andere Hinrichtungsmethoden zu erproben. Man experimentierte mit Sprengstoff, besann sich aber ziemlich schnell auf das Euthanasie-Programm, bei welchem alles „lebensunwerte Leben“ (vor allem geistig & körperlich Behinderte) durch Giftgas getötet wurde.

AuschwitzFoto:  Auschwitz von Rodrigo Paredes/www.flickr.com/Creative Commons

Nachdem man das Schädlingsbekämpfungsmittel Zyklon B an sowjetischen Kriegsgefangenen in Auschwitz erfolgreich getestet hatte, wurde das Konzentrations- und Vernichtungslager im Sommer 1942 ausgebaut und mit mehreren großen Gaskammern sowie Krematorien ausgestattet. Fast alle Deportationszüge aus dem Deutschen Reich, Polen, der Slowakei, Ungarn, den Niederlanden, Frankreich, dem Protektorat Böhmen und Mähren, Griechenland, Italien sowie Belgien und Norwegen fuhren nach Auschwitz. Dort wurden die Menschen nicht nur vergast, sondern auch zu Zwangsarbeit versklavt, ausgehungert, erschlagen oder von Josef Mengele und seinem Team für medizinische Experimente missbraucht.

Bis zu 1,1 Millionen Juden, Sinti & Roma sowie Kriegsgefangene starben in Auschwitz. Die Vernichtung ging industriell voran – gleich nach der Ankunft wurden die Menschen selektiert. Kranke, Alte, erschöpft wirkende oder schwangere Frauen sowie Mütter und Kinder wurden zumeist direkt ins Gas geschickt.

AuschwitzFoto: Auschwitz von Adam Tas/www.flickr.com/Creative Commons

„Die Juden mussten sich bei dem Bunker ausziehen, es wurde ihnen gesagt, dass sie zur Entlausung in die so bezeichneten Räume gehen müssten. Alle Räume, es handelte sich um fünf, wurden gleichzeitig gefüllt, die gasdicht gemachten Türen zugeschraubt und der Inhalt der Gasbüchsen durch besondere Luken in die Räume geschüttet. Nach Ablauf einer halben Stunde wurden die Türen wieder geöffnet, in jedem Raum waren zwei Türen, die Toten herausgezogen und auf kleinen Feldbahnwagen auf einem Feldbahngleis nach den Gruben gefahren.“

– Rudolf Höß, Lagerkommandant von Auschwitz

(Anmerkung: vor dem Bau der Krematorien wurden die Leichen in Gruben verbrannt)

Noch arbeitsfähige Menschen wurden kahlrasiert, desinfiziert und bekamen eine Nummer eintätowiert – sie waren nun endgültig entmenschlicht und ihrer Identität beraubt.

Dann wurden wir zum ersten Mal gewahr, dass unsere Sprache nicht über die Worte verfügt, um diesen Angriff, diese Zerstörung eines Menschen zu beschreiben… Wir hatten den Tiefpunkt erreicht. Es ist unmöglich, noch tiefer zu sinken… Es gibt nichts mehr, das uns gehört: Sie haben uns unsere Kleider genommen, unsere Schuhe, sogar unser Haar… Sie werden uns sogar unseren Namen wegnehmen…“

– Primo Levi, Holocaust-Überlebender

KZ SachsenhausenFoto: Sachsenhausen von Thomas Matthias

Auch die Vernichtungslager Chelmno, Belzec, Sobibor und Treblinka wurden von den Euthanasie-Experten des Deutschen Reichs aufgebaut. Alle Menschen aus dem „Generalgouvernement Polen“, die in diese Lager deportiert wurden, wurden direkt nach ihrer Ankunft vergast. In den zur „Aktion Reinhardt“ gehörenden Lagern Belzec, Sobibor und Treblinka starben allein zwischen März 1942 und Oktober 1943 etwa 1,75 Millionen Juden. Neben den bekannten Konzentrationslagern in Sachsenhausen, Dachau, Buchenwald, Theresienstadt und Mauthausen, errichteten die Nazis auch verschiedene Lager und Ghettos in den eroberten und besetzten Gebieten.

Teil 2

Quellen:

# Deutsches Historisches Museum (2014) „Der Zweite Weltkrieg – der NS-Völkermord“ Abrufbar unter: https://www.dhm.de/lemo/kapitel/der-zweite-weltkrieg/voelkermord.html (Stand 31.07.16)

# Bundeszentrale für politische Bildung „Informationen zur politischen Bildung“.

Abrufbar unter: http://www.deutschegeschichten.de/popup/objekt.asp?OzIID=5619&ObjKatID=106&ThemaKatID=1003 (Stand 31.07.16)

# Yad Vashem – Internationale Holocaust-Gedenkstätte: „Der Beginn der „Endlösung“ – Einleitung“. Abrufbar unter: http://www.yadvashem.org/yv/de/holocaust/about/04/introduction.asp (Stand 31.07.16)

# Yad Vashem – Internationale Holocaust-Gedenkstätte: „Der Beginn der „Endlösung“ – Der Einmarsch in die Sowjetunion und der Beginn des Massenmordes“ Abrufbar unter: http://www.yadvashem.org/yv/de/holocaust/about/04/ussr.asp (Stand 31.07.16)

# Yad Vashem – Internationale Holocaust-Gedenkstätte: „Der Beginn der „Endlösung“ – Die Wannseekonferenz“ Abrufbar unter: http://www.yadvashem.org/yv/de/holocaust/about/04/wannsee_conference.asp (Stand 31.07.16)

# Yad Vashem – Internationale Holocaust-Gedenkstätte: „Das Schicksal der Juden in ganz Europa – Einleitung“. Abrufbar unter: http://www.yadvashem.org/yv/de/holocaust/about/09/introduction.asp (Stand 31.07.16)

# Yad Vashem – Internationale Holocaust-Gedenkstätte: „Das Schicksal der Juden in ganz Europa – Die Ermordung der polnischen Juden“. Abrufbar unter: http://www.yadvashem.org/yv/de/holocaust/about/09/poland.asp (Stand 31.07.16)

# Yad Vashem – Internationale Holocaust-Gedenkstätte: „Die Durchführung der „Endlösung“ – Einleitung“. Abrufbar unter: http://www.yadvashem.org/yv/de/holocaust/about/05/introduction.asp (Stand 31.07.16)

# Yad Vashem – Internationale Holocaust-Gedenkstätte: „Die Durchführung der „Endlösung“ – Die Deportation der europäischen Juden in die Vernichtung“. Abrufbar unter:http://www.yadvashem.org/yv/de/holocaust/about/05/deportation.asp (Stand 31.07.16)

# Yad Vashem – Internationale Holocaust-Gedenkstätte: „Die Durchführung der „Endlösung“ – Die Vernichtungslager“. Abrufbar unter: http://www.yadvashem.org/yv/de/holocaust/about/05/death_camps.asp (Stand 31.07.16)

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