#Ge·no·zid·blogger e.V.
13 Mrz 2017

#Die Kolonialisierung Kanadas

Die indigenen Völker Kanadas (First Nations, Inuït und Métis) wurden zu Zeiten des europäischen Kolonialismus‘ Opfer eines kulturellen Völkermords.

Foto: Alex Indigo/www.flickr.com/Creative Commons

Den ersten europäischen Kontakt hatten die kanadischen Ureinwohner im 11. Jahrhundert mit den Nordländern, welche beabsichtigten, Neufundland und Labrador zu besiedeln. Doch es kam zu Auseinandersetzungen mit den Indigenen, infolge derer die Nordländer ihr Vorhaben wieder aufgaben. Im späten 15. Jahrhundert kamen die Europäer nach Nordamerika zurück, um Fisch- und Walfang zu betreiben. Sie errichteten dazu nichtpermanente Camps und Siedlungen und hatten kaum Kontakt zu den Ureinwohnern. Im 16. Jahrhundert begannen vor allem die Franzosen und Briten, Nordamerika intensiver zu erkunden und entdeckten lokale Produkte, wie z.B. Biberpelze und andere tierische Felle, für den europäischen Markt. Für deren Herstellung und die Jagd brauchten sie jedoch die Hilfe der Indigenen, und so entwickelte sich bis ins 17./ 18. Jahrhundert hinein eine gute Partnerschaft.[1]

Doch immer mehr Siedler kamen nach Kanada und verlangten nicht nur nach Land und Ressourcen, sondern brachten Krankheiten mit, gegen die die Ureinwohner keine Abwehrkräfte besaßen. Wie bei den Indigenen im Gebiet der heutigen USA, wirkten sich die Pocken wie eine biologische Waffe aus. Zirka die Hälfte der 200.000 bis 300.000 Ureinwohner Kanadas starben zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert an europäischen Krankheiten. Das verschaffte den Siedlern die Möglichkeit, das Land zu besiedeln, Ressourcen auszubeuten und Kontrolle über die indigenen Völker zu gewinnen.[2]

Foto: Ruslan/www.flickr.com/Creative Commons

Auf Anordnung der britischen Regierung waren die Kolonien per Gesetz dazu verpflichtet, Verträge über das Land der Indigenen abzuschließen. So überschrieben die Ureinwohner ihr heiliges Land an die Kolonialherren und bekamen im Gegenzug Waren oder Serviceleistungen der Krone. Leider waren die meisten indigenen Völker dem Irrtum aufgesessen, die Abkommen wären über die Zeit abänderbar und würden sich ihren Bedürfnissen anpassen; dem war aber nicht so. In einigen Teilen Kanadas wurde die Vertragspflicht sogar ignoriert, und man enteignete die Ureinwohner einfach ihres Landes und steckte sie in viel zu kleine Reservate. Noch heute kämpfen viele Indigene um ihr rechtmäßig angestammtes Land und das Recht auf Selbstbestimmung.[3]

#Bekehrung und erzwungene Assimilation

Neben den Krankheiten „importierten“ die europäischen Siedler, vor allem die Franzosen, das Christentum, um die Seelen ihrer Handelspartner zu retten. Sie versuchten, die Ureinwohner zum christlichen Glauben zu bekehren und ihre Kultur aufzugeben. Die Indigenen sollten durch und durch europäisch werden. Dazu errichteten sie Kirchen und Schulen, ab dem 19./ 20. Jahrhundert wurde die Assimilation offiziell von der Regierung betrieben. [4] So wurde 1876 der Indian Act erlassen und 1884 und 1920 erweitert. Dieser sah Sanktionen für die Indigenen vor, wenn sie sich nicht zum Christentum bekannten. Gleichzeitig wurden traditionelle und soziale Praktiken sowie das Tragen traditioneller Kleidung und rituelle Tänze verboten.

„Ich möchte das indianische Problem loswerden. Unser Ziel ist es fortzufahren, bis es in Kanada keinen Indianer mehr gibt, der nicht absorbiert wurde. Sie sind eine seltsame und schwindende Rasse.“ – Duncan Campbell Scott, Leiter des Büros Indian Affairs von 1913 bis 1932[5]

Foto: Nationalmuseet – National Museum of Denmark/www.flickr.com/Creative Commons

Zwischen 1870 und 1996 finanzierte die kanadische Regierung etwa 130 „Residential Schools“, welche von der protestantischen und katholischen Kirche betrieben wurden. Erklärtes Ziel war es gewissermaßen, den Indianer in jedem Kind zu töten. Zu Beginn waren es nur Tagesschulen; die Kinder durften am Abend zu ihren Eltern und der Gemeinschaft zurückkehren. Dies erwies sich jedoch als unvorteilhaft und machte angeblich alle Zivilisierungsversuche zunichte. Schon bald wurden die Schulen zu Internaten umgewandelt, folglich mussten die indigenen Kinder das ganze Jahr dort verbringen. Somit verloren viele Kinder, wie erwünscht, den Kontakt zur Gemeinschaft und damit zu ihren Wurzeln und Traditionen. [6]

Schätzungsweise 150.000 Kinder der First Nations, Inuït und Métis wurden gewaltsam ihren Familien entrissen und in diese Schulen gesteckt. Viele dieser Kinder starben an den schlechten Lebensbedingungen (Krankheiten, Kälte, Mangelernährung) oder wurden Opfer physischer, psychischer, sexueller und verbaler Gewalt. Dieses Drama wirkt sich noch heute auf die nachfolgenden Generationen der Ureinwohner im Sinne von gestörten Familienverhältnissen, Gewalt, Depressionen, Suizid, Alkohol- und Drogenmissbrauch aus.[7]

„Es ist hart für mich, meine Kinder richtig zu lieben. […] Ich ringe mit dem Wort „Liebe“. […] Ich denke nicht, dass wir jemals davon heilen können. Wir werden den Schmerz mit ins Grab nehmen müssen.“[8] – Joseph Gordon Edechanchyonce, ehemaliger Schüler

Foto: David Stanley/www.flickr.com/Creative Commons

2008 entschuldigte sich die kanadische Regierung erstmals für dieses unmenschliche Vorgehen und setzte eine Truth and Reconciliation Commission ein, um die Verbrechen in den Residential Schools zu untersuchen. Die Kommission kam nach langjährigen Untersuchungen zu dem Schluss, dass die kanadische Regierung und die christliche Kirche kulturellen Völkermord an den Ureinwohnern Kanadas begangen hat. Die ausführlichen Berichte, Stellungnahmen und Empfehlungen der Kommission können Sie hier finden.

 

Quellen- und Literaturverzeichnis

# www.cnn.com (2016) Reflections of Canada’s ‘cultural genocide‘. Abrufbar unter: http://edition.cnn.com/2016/03/30/living/cnnphotos-canada-residential-schools-identity/ (06.03.2017)

# National Centre for Truth and Reconciliation – University of Manitoba (2017) Abrufbar http://nctr.ca/about-new.php (06.03.2017)

# Woolford, A. (2009) „Ontological Destruction: Genocide and Canadian Aboriginal Peoples“. Genocide Studies and Prevention: An International Journal: Vol. 4: Iss. 1: Article 6. Abrufbar unter: http://scholarcommons.usf.edu/cgi/viewcontent.cgi?article=1149&context=gsp (02.03.17)

[1] Woolford, A. (2009), S. 82
[2] Woolford, A. (2009), S. 83
[3] Woolford, A. (2009), S. 84
[4] Woolford, A. (2009), S. 92
[5] Woolford, A. (2009), S. 92
[6] Woolford, A. (2009), S. 85 / National Centre for Truth and Reconciliation – University of Manitoba (2017)
[7] Woolford, A. (2009), S. 85 / National Centre for Truth and Reconciliation – University of Manitoba (2017)
[8] www.cnn.com (2016)

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