#Ge·no·zid·blogger e.V.
27 Feb 2017

Text: Corinna

#Europäische Kolonialisierung

1492 entdeckte Christoph Kolumbus Amerika – oder besser gesagt die Karibik, das amerikanische Festland wurde wenig später „entdeckt“. Jedoch war der nordamerikanische Kontinent keineswegs unbewohnt. Die amerikanischen Ureinwohner, umgangssprachlich auch als Indianer bezeichnet, besiedelten vor mehr als 12.000 Jahren den Kontinent, als die Bewohner Nordostasiens die Beringstraße überquerten.

Foto: Boston Public Library/www.flickr.com/Creative Commons

Im 16. Jahrhundert folgte eine Welle von europäischen Einwanderern. Diese kamen vor allem aus England, aber auch aus Schweden, Deutschland, Spanien, Italien, Frankreich, Portugal und den Niederlanden. Die meisten Siedler flohen aus ihren Heimatländern vor politischer und religiöser Unterdrückung, manche aber auch aus purer Abenteuerlust. Die erste englische Kolonie wurde 1607 in Jamestown, Virginia, gegründet, die erste deutsche 1683 in Pennsylvania.[1]

Im Winter 1620 kamen die Pilgerväter mit der Mayflower nach Amerika und gründeten die Plymouth-Kolonie in Massachusetts. Obwohl sie nicht die ersten englischen Siedler waren, spielen die Pilgerväter in der amerikanischen Geschichte eine zentrale Rolle. Den harten Winter überlebten die Siedler nur, weil die dort bereits lebenden Ureinwohner sie mit Lebensmitteln unterstützten und ihnen beibrachten, Mais und ähnliches anzubauen. Im darauffolgenden Herbst 1621 teilten die Pilgerväter ihre Ernte mit den Ureinwohnern – Thanksgiving war geboren.[2]

Foto: visual07/www.flickr.com/Creative Commons

#Landraub & Epidemien

Doch schon bald verschlechterten sich die Beziehungen zwischen den Ureinwohnern und den Siedlern. Immer mehr Europäer kamen in die Kolonien und verlangten nicht nur nach mehr Land, sondern brachten Krankheiten mit sich, die die Population der Indigenen stark sinken ließ. In knapp fünfhundert Jahren sank die Zahl der Ureinwohner von etwa 7 bis 10 Millionen auf 237.000.[3] Neben der Cholera, den Masern, der Pest und Typhus waren die Pocken die häufigste Todesursache. Zumindest eine Pocken-Epidemie wurde vorsätzlich herbeigeführt, um die Ureinwohner zu vernichten. So befahl der britische Kommandeur Lord Jeffrey Amherst 1763 seinen Offizieren: „Ihr werdet gut daran tun, die Indianer durch Decken (mit Pocken) zu infizieren, und versucht auch jede andere Methode, um diese abscheuliche Rasse auszurotten.“[4]

Zusätzlich zerstörten die europäischen Siedler vorsätzlich die Flora und Fauna des Landes, um den Indigenen die Lebensgrundlage zu nehmen und ihren Geist zu brechen, denn die Ureinwohner waren (und sind bis heute) spirituell sehr stark mit der Erde und Umwelt verbunden.

Foto: visual07/www.flickr.com/Creative Commons

#Massaker

Eine weitere Todesursache bildeten unzählige völkermordähnliche Massaker im ganzen Land wie etwa der Pequot-Krieg von 1636/37 im heutigen Connecticut. Es war die erste kriegerische Auseinandersetzung zwischen englischen Siedlern und amerikanischen Ureinwohnern. Dieser Krieg endete mit der fast vollständigen Auslöschung der Pequot-Indianer und war der Beginn der Indianerkriege.[5] Zu trauriger „Berühmtheit“ gelangte 1864 auch das Massaker von Sand Creek, Colorado, bei dem hunderte unbewaffnete Ureinwohner aus dem Hinterhalt ermordet wurden. Unter dem Kommando von Oberst John Milton Chivington attackierte und ermordete die 3. Colorado-Kavallerie indigene Männer, Frauen und Kinder und verstümmelte ihre Leichen.[6]

„Verdammt seien alle, die mit den Indianern sympathisieren! […] Ich bin gekommen um die Indianer zu töten und ich glaube daran, dass es richtig und ehrenwert ist, jedes Mittel unter Gottes Himmel zu nutzen, um die Indianer zu töten. […] tötet und skalpiert alle, Groß und Klein; Nissen bringen Läuse hervor.“[7] – Oberst John Milton Chivington

Foto: visual07/www.flickr.com/Creative Commons

Des Weiteren gab es auch einen Vernichtungskrieg gegen die Yuki-Indianer in Nordkalifornien. Dieser war einer der tödlichsten und kommt einem Völkermord gleich. 1847 übernahm die damalige US-Regierung die Kontrolle über Kalifornien und somit über das Land der Yuki. Infolge des „Gold-Rauschs“ strömten unzählige Rancher, Farmer und Goldsucher in das Gebiet und verübten grausame Gewalttaten gegenüber den Ureinwohnern. 1851 ordnete der kalifornische Gouverneur Peter Burnett die Zerstörung der Yuki-Indianer an: „[…] Vernichtungskrieg, bis die indianische Rasse ausgelöscht ist“. [8] Infolgedessen stahlen die Siedler den Ureinwohnern das Land und ihre Lebensgrundlage, töteten die Männer, nahmen die Frauen als Mätressen und nutzten die Kinder als Diener. Lebten zum Ende der 1840er Jahre noch zirka 20.000 Yuki-Indianer in Nordkalifornien, so waren es 1854 3.500 und 1880 sogar nur noch 168.[9]

Foto: visual07/www.flickr.com/Creative Commons

#erzwungene Assimilation

Starben die amerikanischen Ureinwohner nicht durch Landraub, Krankheit oder durch bloße Gewalt, wurden sie zur Umsiedlung in Reservate gezwungen. So mussten zum Beispiel die fünf Stämme der Cherokee, Choctaw, Creek, Chickasaw und Seminole Nations auf Grund des Indian Removal Act von 1830 ihr geheiligtes Land verlassen. Sie wurden unter Waffengewalt dazu gezwungen, hunderte Meilen bis zu ihren neuen Reservaten zu laufen. Diese Vertreibung kam einen Todesmarsch gleich, denn es gab weder ausreichend Kleidung und Decken, noch genügend Wasser, Nahrung oder Transportmittel. Rund ein Viertel der Choctaw[10] und 14.000 Cherokee-Indianer starben bei ihrer Umsiedlung nach Oklahoma. Die Überlebenden, die es bis in die Reservate schafften, starben dort nicht selten an Mangelernährung und Krankheiten.[11] Die Reservate dienten zumindest zu Beginn als eine Art Gefangenenlager.

Die Kinder der Ureinwohner steckte man gewaltsam in „Boarding Schools“. Diese Internate wurden zumeist von christlichen Missionen geführt und sollten dazu dienen, die Indigenen zu zivilisieren und zum christlichen Glauben zu bringen. Die Kinder sollten ihre Wurzeln, ihre Kultur und Gemeinschaft vergessen und lernen, ihre Rasse als Schande anzusehen. Den Kindern verbot man die Muttersprache, stammestypische Namen wurden mit christlichen Namen ausgetauscht. Viele der Kinder verhungerten, starben an Krankheiten, wurden systematisch gefoltert, sexuell ausgebeutet oder psychisch missbraucht. Die Boarding School Healing Coalition schätzt, dass es ca. 500 dieser „Boarding Schools“ gab. Auch heute leiden noch viele der ehemaligen Kinder an den Folgen der erzwungenen Assimilierung durch Alkoholismus, Drogenmissbrauch und Selbstmord.[12]

Foto: visual07/www.flickr.com/Creative Commons

Quellen:

#Bartrop, P.R. (2007) “Episodes from the Genocide of the Native Americans: A Review Essay” in Genocide Studies and Prevention: An International Journal. Volume 2, Issue 2, Article 7 S. 182 – 190. Abrufbar unter: http://scholarcommons.usf.edu/gsp/vol2/iss2/7 (09.02.2017)

# Brown, D. (2001) „War Comes to the Cheyenne“. Bury my heart at Wounded Knee. Macmillan.

# Jones, A. (2010) Genocide – A comprehensive introduction. 2nd Edition. London and New York: Routledge.

# Rensink, B. (2011) “Genocide of Native Americans: Historical Facts and Historiographic Debates” in Genocide of Indigenous Peoples. Genocide: A Critical Bibliographic Review. Vol. 8 von Totten, S und Hitchcock, R.K. (Hrsg.) University of Nebraska. S. 15-36

[1] Jones, A. (2010) S. 111
[2] Jones, A. (2010) S. 111
[3] Jones, A. (2010) S. 111, 114
[4] Jones, A. (2010) S. 114
[5] Jones, A. (2010) S. 114
[6] Rensink B. (2011) S. 19 / Jones, A. (2010) S. 115
[7] Brown, D. (2001)S. 86 – 87
[8] Rensink B. (2011) S. 19 / Jones, A. (2010) S. 115
[9] Rensink B. (2011) S. 19 / Jones, A. (2010) S. 115
[10] Bartrop, P.R. (2007) S. 184
[11] Jones, A. (2010) S. 114
[12] Jones, A. (2010) S. 117 – 118

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