#Ge·no·zid·blogger e.V.
9 Jan 2017

­­#Situation coloniale

In der Wissenschaft, besonders im Bereich der „Genocide studies“, wird intensiv darüber diskutiert, ob die Verbrechen, die im Zuge des Kolonialismus vor allem in Afrika begangen wurden, unter den Begriff des Völkermords fallen. Gezeichnet wurde die „Situation coloniale“ vor allem durch Massaker, Deportationen, Unterdrückung, Zwangsarbeit, Zerstörung des Bodens, der Lebensgrundlage und kultureller sowie sozialer Einrichtungen indigener Völker Afrikas. Die gewaltsamen Verbrechen an den Herero und Nama in Deutsch-Südwestafrika sowie an den Aborigines in Australien und den Ureinwohnern in Nordamerika werden zumeist als Völkermord eingestuft.[1]

Bild: creative commons https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/4/43/Africa1898.png

Doch warum tut man sich so schwer mit dem Begriff des Völkermords und unterscheidet zwischen Massenmord und Völkermord? Ist das nicht nur Begriffswischerei? Völkermord ist das schlimmste aller Verbrechen, daher sollte der Begriff weder inflationär eingesetzt noch für politische Zwecke missbraucht werden. Die Soziologin Helen Fein warnte vor einer „Welle des Missbrauchs und rhetorischer Misshandlung“ des Begriffs. Zum Ergebnis hätte man eine komparative Verharmlosung schwerwiegender historischer Verbrechen, was gegenüber den Opfern unethisch und unmoralisch ist.[2]

#Der Begriff des Völkermords

#Allgemeine Auffassung

Welchen Völkermordbegriff legt man nun zu Grunde, wenn man sich den europäischen Kolonialismus in Afrika näher anschauen will? Das allgemeine und politische Verständnis von Völkermord beruht zumeist auf dem Holocaust-Modell: Massengewalt, Konzentrationslager sowie die sofortige, totale und gewaltsame Auslöschung der Opfer. Folgt man dieser Auffassung, so konstituiert die „Situation coloniale“ in Afrika keinen Genozid, denn die europäischen Eroberer waren auf die Arbeitskraft der Ureinwohner angewiesen und daher nicht daran interessiert, die Indigenen komplett auszulöschen. Diese Argumentation wird von vielen Politikern und Juristen genutzt, um Reparationsforderungen abzuwenden und keine Präzedenzfälle zu schaffen.[3] Doch diese Auffassung ist zu allgemein und auch nicht korrekt, daher lohnt sich ein Blick in die UN-Völkermordkonvention.

Foto: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/2/2c/French_Colonial_administrator_Congo_1905.jpg

#UN-Völkermordkonvention

Gemäß Artikel 2 des Übereinkommens über die Verhütung und Bestrafung des Völkermordes“ bedeutet Völkermord:

[…] eine der folgenden Handlungen, die in der Absicht begangen wird, eine nationale, ethnische, rassische oder religiöse Gruppe als solche ganz oder teilweise zu zerstören:

(a) Tötung von Mitgliedern der Gruppe,

(b) Verursachung von schwerem körperlichem oder seelischem Schaden an Mitgliedern der Gruppe,

(c) vorsätzliche Auferlegung von Lebensbedingungen für die Gruppe, die geeignet sind, ihre körperliche Zerstörung ganz oder teilweise herbeizuführen,

(d) Verhängung von Maßnahmen, die auf die Geburtenverhinderung innerhalb der Gruppe ausgerichtet sind,

(e) gewaltsame Überführung von Kindern der Gruppe in eine andere Gruppe.

Dieser Begriff fordert nicht die komplette physische Ausrottung einer Gruppe, ist aber trotzdem nicht ausreichend, um die koloniale Massengewalt in Afrika zu analysieren, denn die Originaldefinition von „Genocide“ (genos = Rasse / caedere = töten) enthielt noch weitere Elemente, und diese sollten in der Kolonialismus-Debatte beachtet werden.

#Der Völkermordbegriff nach Raphael Lemkin

Raphael Lemkin, Vater des Völkermordbegriffs, verweist in seiner Definition von Völkermord auf acht Dimensionen: die politische, soziale, kulturelle, ökonomische, biologische, physische, religiöse und moralische Zerstörung einer Gruppe. Am meisten Beachtung fanden hierbei die Aspekte der physischen, biologischen und kulturellen Zerstörung. Die soziale und kulturelle Zerstörung verfolgt die Eliminierung aller Institutionen und Merkmale einer Gruppe. Erreicht wird dieses Ziel oftmals durch das Verbot traditioneller Praktiken sowie Kunst, Literatur und Musik, die Eliminierung der Sprache, Zerstörung religiöser Institutionen und Angriffe auf die intellektuelle Elite der Betroffenengruppe.[4] Die europäische Kolonialherrschaft in Afrika weist alle diese Charaktereigenschaften auf. Demnach war die „Situation coloniale“ nach Lemkins Definition nicht nur gewalttätig, sondern von Natur aus genozidal.

Die ersten Entwürfe der UN-Völkermordkonvention enthielten auch kulturellen Völkermord nach Lemkins Vorstellungen als Straftatbestand, aber nach längeren Diskussionen wurde er gestrichen. Einige Länder, wie z.B. die USA, Frankreich, Südafrika, Schweden, Neuseeland oder Brasilien, hatten Angst davor, dass ein kulturelles Schutzelement von Minderheiten als politische Waffe genutzt werden und einer natürlichen Assimilation entgegenwirken könnte.[5]

Als Kompromiss umfasst die UN-Konvention nicht nur den reinen Tötungsakt, sondern erkennt auch das Zufügen von systematischem körperlichem und psychischem Schaden, die Überführung von Kindern in eine andere Gruppe sowie die Verhinderung von Geburten als Merkmale von Völkermord an.[6]

Foto: Dierk Schäfer/www.flickr.com/creative commons

#Colonial Genocide und Indigenocide

Historiker, die sich mit dem Kolonialismus beschäftigen, haben sich um alternative Konzepte des Völkermordbegriffs gekümmert. So wurde z.B. der Begriff „Colonial Genocide“ geschaffen und auch in der Literatur mehrfach verwendet, doch fehlt es diesem Begriff an klaren Definitionsmerkmalen.[7] Klarer ist da der Begriff „Indigenocide“ von Raymond Evans, der fünf klare Definitionsmerkmale aufweist. Demnach müssen die Täter 1.) mit Absicht in das Land einfallen, um die dortigen Ureinwohner zu kolonisieren, 2.) die Eindringlinge müssen Macht über das Land und die Indigenen ausüben und 3.) eine große Anzahl an Indigenen umbringen oder ihnen die Lebensgrundlage soweit nehmen, dass sie der Ausrottung nahekommen sowie 4.) ihre indigenen Glaubens- und Lebenssysteme zerstören. Des Weiteren müssen die Täter 5.) die Opfer als „niedrigste Form der Menschheit“ ansehen, die es quasi verdienen, ausgelöscht zu werden. Insgesamt sind die Ureinwohner für die Invasoren weniger Wert als das Land, auf dem sie leben.[8]

Das Problem beider Definitionen ist, dass sie ein Bild suggerieren, nach dem ein Völkermord in Afrika unter der Kolonialherrschaft und ein Genozid in Europa etwas grundlegend Verschiedenes ist. Das ist nicht nur unethisch, sondern auch in der Debatte nicht hilfreich und zuletzt auch nicht nötig, wenn man sich auf die Originaldefinition von Raphael Lemkin besinnt.[9]

#Europäischer Kolonialismus in Afrika und die Frage der Absicht

Die europäischen Invasoren fielen in Afrika ein, um die natürlichen Ressourcen des Kontinents auszubeuten und den Ureinwohnern Fortschritt und Entwicklung zu bringen. Doch dieses Vorhaben ging zumeist einher mit Ausbeutung, Zwangsarbeit, Terror, Gewalt, Mord und Zerstörung traditioneller sozialer und politischer Strukturen, welche essentielle Elemente indigener Kulturen sind.

Die Gewalt und die Verbreitung von Krankheiten sowie der Verlust von Lebensraum, Kultur und Identität führte in fast allen Fällen zu massenhaftem Tod und der Zerstörung der indigenen Population, aber dennoch fällt diese Art der Gewalt nicht unter den Begriff des Völkermords im Sinne der UN-Völkermordkonvention, denn es war nicht die Absicht der Siedler, die Ureinwohner ganz oder teilweise auszurotten. Es wurde teilweise hingenommen, aber eigentlich brauchten die europäischen Invasoren die indigene Gemeinschaft als Arbeitskraft, denn es gab nicht genügend Emigranten, die die Arbeiter hätten ersetzen können.

Foto: Creative Commons Attribution only licence CC BY 4.0 http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/

Der „dunkle Kontinent“ hingegen war für die meisten Europäer und Asiaten nicht attraktiv genug. Die Kolonialherren wollten somit hauptsächlich die Kontrolle über Land und Arbeiter, jedoch wendeten sie massive Gewalt an, um die unabhängigen indigenen Arbeiter in ein System des Kapitalismus zu zwängen. Es wurden absichtlich soziale, politische und religiöse Strukturen zerstört, um die Kontrolle über die Arbeiter zu gewinnen. Die individuelle Stammesidentität wurde absichtlich zerstört, um die afrikanische Gesellschaft in ein Proletariat zu verwandeln.[10] Zwar wurde so die afrikanische Gesellschaft nicht physisch ausgerottet, jedoch in großen Teilen zerstört, und das konstituiert zumindest einen kulturellen Völkermord.

 #Fazit

Die derzeitige offizielle Definition von Völkermord gemäß Artikel 2 der UN-Völkermordkonvention wird von vielen Historikern und Sozialwissenschaftlern, die sich mit Massengewalt im Zuge des Kolonialismus auseinandersetzen, als unzureichend angesehen. Nach dieser Definition fallen die grausamen Verbrechen der Kolonialzeit nicht unter den Begriff des Genozids, auch wenn Raphael Lemkin diese Verbrechen als Völkermord ansah.

 

Quellen:

# Sautman, B. (2006) “Colonialism, Genocide and Tibet” in Asian Ethnicity. Volume 7, No. 3, S. 243 – 265

# Schaller, D. J. (2008) “Colonialism and genocide – Raphael Lemkin’s concept of genocide and its application to european rule in Africa” in Development dialogue. Revisiting the heart of darkness – Explorations into genocide and other forms of mass violence. No. 50, S. 75-94

# Nersessian, D. (2005) „Rethinking cultural genocide under international law. Human Rights Dialogue: Cultural rights“. Abrufbar unter: https://www.carnegiecouncil.org/publications/archive/dialogue/2_12/section_1/5139.html/:pf_printable (Stand: 23.12.2015)

# Docker, J. (2004) “Raphael Lemkin’s History of genocide and colonialism”. Paper for United States Holocaust Memorial Museum, Center for Advanced Holocaust Studies , Washington DC, 26. Februar 2004 Abrufbar unter: https://www.ushmm.org/m/pdfs/20040316-docker-lemkin.pdf (Stand 14.12.2106)

# Wolfe, P. (2006) „Settler colonialism and the elimination of the native“. Journal of Genocide Research (2006), 8(4), December, pp.387-409

[1] Schaller, D. J. (2008) S. 77/ 78
[2] Sautman, B. (2006) S. 243
[3] Schaller, D. J. (2008) S. 77/ 78
[4]Nersessian, D. (2005)
[5] Schaller, D. J. (2008) S. 79/ 80
[6]Nersessian, D. (2005)
[7] Schaller, D. J. (2008) S. 82
[8] Schaller, D. J. (2008) S. 82
[9] Schaller, D. J. (2008) S. 83
[10] Schaller, D. J. (2008) S. 80-85

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