#Ge·no·zid·blogger e.V.
16 Jan 2017

Text: Corinna in Kooperation mit Survival International

#Kultureller Völkermord

Das wissenschaftliche Verständnis von Völkermord beruht zumeist auf dem Holocaust-Modell: Massenmord, Konzentrationslager sowie die sofortige und gewaltsame Zerstörung der Opfergruppe. Doch es gibt auch eine Art von Völkermord, die über Jahrzehnte oder sogar Generationen andauert. Die Rede ist von kulturellem Völkermord. Hierbei werden die Opfer ganz langsam und scheinbar unmerklich ausgelöscht, indem ihre Lebensgrundlage zerstört, die Ausübung ihrer Kultur, Sprache und Religion verboten wird und indem sie der Möglichkeit beraubt werden, sich selbst zu ernähren und zu verwalten.1

Foto: Survival International / verhungernde Aché-Indigene, kurz nachdem sie gefangen genommen und aus dem Wald in das ‚Reservat‘ gebracht wurden, Paraguay 1972

#Indigene Völker

Die „bekanntesten“ Betroffenen dieser Art von Völkermord sind Indigene. Indigene Völker, oft auch „Ureinwohner“ oder „Eingeborene“ genannt, sind die Nachfahren derer, die zuerst ein Land oder eine Region besiedelt haben. Sie sind zum Überleben auf dieses Land angewiesen, denn es bildet oftmals das Zentrum ihres psychischen, physischen und spirituellen Überlebens.2

Die bekanntesten Beispiele für indigene Völker sind die Inuit in Kanada, die Aborigines in Australien, die Indianer in Nordamerika oder die „Pygmäen“ in Zentral- und Westafrika. Indem Regierungen indigene Völker von ihrem Land vertreiben und sie zwingen, sich an die Mehrheitsgesellschaft anzupassen, begehen sie kulturellen Völkermord. Fortschritt kann töten: Die meisten indigenen Völker, die zur Anpassung gezwungen werden, leiden unter Zivilisationskrankheiten, psychischen Störungen, Suizid, Gewalt, Elend und Armut.3

„Der Völkermord, der die indigenen Völker Nordamerikas vernichtete, setzt seinen zerstörerischen Weg fort. Wir erleben, dass ganze Völker ausgerottet werden, da die Industriegesellschaft ihren fatalen Marsch nach vorne fortsetzt. Quer durch Südamerika werden Indigenen ihr Land und ihre Ressourcen gestohlen, Tod und Krankheit bleiben zurück. Wir müssen nun handeln, damit andere indigene Völker nicht die nächsten sind, die ‘Fortschritt’ und ‘Zivilisation’ zum Opfer fallen.“

Stephen Corry, Direktor bei Survival International

Viele Menschen denken, dass indigene Völker „primitiv“ und „rückständig“ und somit keine gleichwertigen Menschen seien.4 Durch den Import von Ideologien, Traditionen, Werten und Glaubenssystemen wird die Zerstörung der indigenen Kultur als unausweichlich angesehen. Diese Zerstörung ist nicht durch ein Gefühl des Hasses geprägt, sondern durch ein Gefühl der Überlegenheit. Dabei wird angenommen, dass die Ideologie und Rasse des Repressors dem „unzivilisierten Naturmenschen” überlegen sei. Indigene werden entmenschlicht und außerhalb der Moralgemeinschaft platziert. Sie werden als Hindernis auf dem Weg zum Fortschritt angesehen.5

Foto: Survival International / Aché-Indigene, kurz nachdem sie gefangen genommen und aus dem Wald in das ‚Reservat‘ gebracht wurden, Paraguay 1972

#Kultureller Völkermord = Völkermord?

Ist die schleichende Auslöschung eines Volkes durch Krankheiten und Repression vergleichbar mit den grausamen und blutigen Massenmorden in Nazideutschland, Ruanda oder Serbien? Konstituiert kultureller Völkermord das „Verbrechen aller Verbrechen“?

Viele Genozid-Experten verstehen unter Völkermord den systematischen und gezielten Massenmord. Jedoch verweist Raphael Lemkin, Vater des Völkermordbegriffs, in seiner Definition auf acht Dimensionen eines Völkermords: die politische, soziale, kulturelle, ökonomische, biologische, physische, religiöse und moralische Zerstörung einer Gruppe. Am meisten Beachtung fanden hierbei die Aspekte der physischen, biologischen und kulturellen Zerstörung. Die kulturelle Zerstörung verfolgt die Eliminierung aller Institutionen und Merkmale einer Gruppe. Erreicht wird dieses Ziel oftmals durch das Verbot traditioneller Praktiken sowie Kunst, Literatur und Musik, die Eliminierung der Sprache, Zerstörung religiöser Institutionen und Angriffe auf die intellektuelle Elite der Betroffenengruppe. Nationale Kulturgüter, Bibliotheken, Archive, Museen, Galerien, etc. werden geschlossen, konfisziert oder gleich zerstört.6

Die ersten Entwürfe der UN-Völkermorddefinition enthielten auch kulturellen Völkermord als Straftatbestand, aber nach längeren Diskussionen wurde er aus der Konvention gestrichen. Einige Diplomaten argumentierten, dass kultureller Völkermord eine ganz eigene Art von Völkermord sei und man die Schließung von Bibliotheken nicht mit Gaskammern gleichsetzen könne. Als Kompromiss umfasst die UN-Konvention nicht nur den reinen Tötungsakt, sondern erkennt auch das Zufügen von systematischem körperlichem und psychischem Schaden, die Überführung von Kindern in eine andere Gruppe sowie die Verhinderung von Geburten als Merkmale von Völkermord an.7

Einige Wissenschaftler und Gerichte, darunter der Internationale Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien, nutzen den Tatbestand des kulturellen Völkermordes, um die spezielle Absicht eines Völkermords zu beweisen. Demnach beweist die gezielte Zerstörung einer Kultur während eines Massenmords die Absicht, die Gruppe vollständig auszulöschen. Weiterhin hilft die Kultur, die Opfergruppe zu identifizieren und somit zu bestimmen, ob sie als geschützte Gruppe unter die Völkermord-Konvention fällt. Meist kann nur die Geschichte, Sprache und Kultur eine „Rasse“ oder Ethnie definieren.8 Jedoch scheiden sich die Geister, insbesondere im Hinblick auf indigene Völker, an der Absicht: soll die Opfergruppe ausgelöscht oder „nur“ assimiliert werden?9

Foto: Survival International / Guarani- Angehörige trauern um ein verstorbenes Familienmitglied. Die Guarani haben eine der höhsten Selbstmordraten der Welt und viele Anführer wurden wegen Landstreitigkeiten durch Bewaffnete getötet.

#Völkermord – heiß und kalt

Zumeist wird argumentiert, dass die physische Zerstörung indigener Völker nicht beabsichtigt ist. Jedoch nimmt der Repressor die Vernichtung der autark lebenden Völker durch die Zerstörung ihrer Existenzgrundlage wohlwissend und billigend in Kauf. Wie unterscheidet man die Absicht der Zerstörung von Unterdrückung?

Kjell Anderson hat dazu das Modell vom heißen und kalten Völkermord entwickelt:

#hot genocide

Im Falle des heißen Völkermords hegen die Täter einen regelrechten Hass gegen die Opfer. Sie werden als Bedrohung der Existenzgrundlage der Täter angesehen. Dieser Hass ist die Quelle und Legitimation für das Töten. Physische Gewalt wird eingesetzt, um die Opfergruppe vollständig zu zerstören. Rassenhass ist dabei das Hauptmotiv und die vollkommene Auslöschung soll innerhalb weniger Monate oder Jahre vollendet werden.10

#cold genocide

Ein kalter Völkermord ist emotionsloser. Die Täter werden nicht durch Hass angetrieben. Die Opfer werden nicht als Bedrohung, sondern als unterlegen angesehen. Die Täter erschweren den Opfern die Lebensbedingungen, rauben ihnen ihr Land, zerstören ihre Kultur oder deportieren sie. Die Opfergruppe verschwindet langsam, die Zerstörung scheint unausweichlich. Sozialdarwinismus wird als Verteidigung herangezogen. Die Zerstörung der Gruppe kann sich über Jahre oder sogar Jahrzehnte dahinziehen. Das Hauptmotiv ist die Gier nach natürlichen Ressourcen und das Streben nach Macht über andere Menschen.11

Ob nun Völkermord oder Verbrechen gegen die Menschlichkeit, für die weltweit zirka 350 Millionen Angehörigen indigener Völker besteht die Gefahr der vollständigen Vernichtung bzw. endgültigen Auslöschung. Wenn ihr euch aktiv gegen diese Zerstörung einsetzen oder mehr zum Thema indigene Völker erfahren wollt, dann besucht die Website von Survival International, der globalen Bewegung für die Rechte indigener Völker.

Foto: Survival International / Viele Guarani- Männer arbeiten jetzt auf Zuckerrohrplantagen, die auf ihrem angestammten Land angepflanzt wurden, Brasilien.

Quellen:

Anderson, K. (2015) „Colonialism and Cold Genocide: The Case of West Papua“ in Genocide Studies and Prevention: An International Journal 9.2 (2015), S. 9 – 25.

Nersessian, D. (2005) „Rethinking Cultural Genocide under international law. Human Rights Dialogue: „Cultural Rights““. Abrufbar unter: https://www.carnegiecouncil.org/publications/archive/dialogue/2_12/section_1/5139.html/:pf_printable (Stand: 23.12.2015)

Survival International (2015) http://www.survivalinternational.de/

1 Anderson, K. (2015) S. 18
4 Anderson, K. (2015) S. 9
5 Anderson, K. (2015) S. 10 / 11
6 Nersessian, D. (2005)
7 Nersessian, D. (2005)
8 Nersessian, D. (2005)
9 Anderson, K. (2015) S. 9
10 Anderson, K. (2015) S. 19 /20
11 Anderson, K. (2015) S. 19 /20

 

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Eine Antwort zu “#Kultureller Völkermord & Indigene Völker”

  1. Schmidt,R. sagt:

    der völkermord anden indigenen völkern muss gestoppt werden.auch die kirche sollte indie plicht gerufen werden-missionirung-das bringt nur krankheit,elend,abhängikeit und tod.die zivielisirten menschen sollten von den naturvölkern lernen imeinklang mit der natur und von der natur zu leben.

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