#Ge·no·zid·blogger e.V.
12 Feb 2017

#Kongo – die Privatkolonie von König Leopold II.

Von 1885 bis 1909 regierte der belgische König Leopold II. den Kongo-Freistaat als Privatkolonie. Er regierte die Kolonie durch extreme Gewalt und Terrorherrschaft, der Schätzungen zufolge zirka 10 Millionen Kongolesen zum Opfer gefallen sind. Diese Taten sind gemeinhin auch unter „Kongogräuel“ bekannt und Leopolds‘ Herrschaft ein Synonym für Ausbeutung und Massenmord.

Foto: Alice Harris [Public domain], via Wikimedia Commons

König Leopold II. galt in seinem Land als fortschrittlich, doch Belgien war ihm zu klein und zu unbedeutend. So fasste er den Beschluss, an der Kolonialisierung Afrikas teilzunehmen und Land zu erwerben. Schon 1874 beauftragte er den britischen Entdecker Henry Morton Stanley, für ihn einen Platz an der imperialen Sonne zu sichern. Unter viel diplomatischen Geschick und dem Deckmantel einer von ihm gegründeten internationalen Organisation war es Leopold möglich, das Land im Kongobecken als seine Privatkolonie zu etablieren. Am 01.08.1885 gründete er den Kongo-Freistaat unter einer überwiegend belgischen Kolonialadministration. Offiziell wollte er den Kongolesen Zivilisation, das Christentum und den freien Handel bringen, doch in Wirklichkeit dürstete es ihn nach Elfenbein und Kautschuk.[1]

#Rubber Terror

Um die Kontrolle über das riesige Gebiet zu erhalten, verbündete er sich mit afrikanischen Söldnern, lokalen Führern und Warlords. Als wichtigstes Durchsetzungsinstrument gründete er die Force Publique, die damals größte Armee Afrikas mit ca. 19.000 afrikanischen Soldaten. Die meisten dieser Soldaten wurden zu fünf bis sieben Jahre Zwangsdienst verpflichtet oder direkt versklavt.[2]

Um die massenweise Produktion von Elfenbein, Kautschuk und anderen Naturalien sicherzustellen, etablierte König Leopold II. ein System aus Zwangsarbeit, Terror, Gewalt, Mord und Sklaverei. Er erließ eine Kopfsteuer, die die Kongolesen zahlen mussten, aber konzipierte gleichzeitig den Kongo-Freistaat als geldloses System. So mussten die Ureinwohner Arbeitsdienst leisten, um ihre „Schulden“ zu bezahlen. Leopold erließ anschließend fast unerfüllbare Quoten für die Gewinnung von Kautschuk, Elfenbein und anderen landwirtschaftlichen Produkten, die die Bevölkerung an die Kolonialverwaltung abtreten musste. Ergänzend dazu zwang man die Menschen, zur Modernisierung der Infrastruktur beizutragen. Infolgedessen mussten die Kongolesen Straßen, Brücken, Kolonialresidenzen und Regierungsgebäude erbauen sowie Dienst in der Armee oder Verwaltung leisten oder Plantagen bestellen.

Wurden diese Quoten oder Arbeitseinsätze nicht erfüllt, bediente sich das Generalgouvernement in Form der Force Publique harter Strafen, für die Leopold eine carte blanche, einen Freibrief, erteilte.[3]

Foto: via Wikimedia Commons

#Massengewalt

Als Erpressungsmittel wurden die Alten, Frauen und Kinder als Geißeln genommen, damit die Männer ihren Dienst bzw. ihre Arbeit verrichteten. Wurden die Quoten nicht erfüllt zeigten die Soldaten keine Gnade – Mord, Folter und Vergewaltigung gehörten zu ihrem Repertoire. Massenweise wurden den Opfern, egal ob lebendig oder tot, Hände, Füße, Genitalien oder andere Körperteile abgehackt. Diese Praxis etablierten die Soldaten nicht nur um der Perversion zu frönen, sondern um gegenüber der Kolonialverwaltung abzurechnen. Die Soldaten sollten die teuren Kugeln nicht für die Jagd verschwenden, also forderte die Kolonialverwaltung einen Beweis für jede genutzte Kugel. Da die Soldaten selbst sehr arm waren und die Gewehre dennoch für die Jagd nutzen, wurden sie kreativ: Sie ließen die Menschen hintereinander in einer Reihe aufstellen, um so viele wie möglich mit nur einer Kugel zu erschießen, erschlugen Babys mit den Gewehrkolben oder hackten lebenden Personen die Hände ab.[4]

Offiziell war Gewalt gegen die afrikanische Bevölkerung illegal, aber die „weißen“ Gerichte kümmerten sich nicht wirklich darum. Verbrechen wurden fast nie geahndet, und manche Richter tolerierten die Gewalt sogar. Wenn es doch einmal zu einer Verurteilung kam, so wurde sie meist nie vollstreckt. Es herrschte absolute Willkür. Ein Beispiel hierfür ist der Fall Lacroix:  Lacroix, ein Mitarbeiter bei der Société Anversoise im Kongo, wurde für die Tötung von 150 Männern, das Abhacken von 60 Händen, für das Kreuzigen von Frauen und Kindern und das Foltern von weiteren Personen verurteilt. Die Haftstrafe hatte er niemals angetreten.[5]

#Wie viele Todesopfer?

Die genaue Anzahl der Todesopfer des „Rubber Terrors“ lässt sich nicht genau benennen und schwankt erheblich. Grund dafür ist, dass man nicht genau weiß wie viele Menschen vor der Kolonialisierung im Kongo lebten. Je nach Quelle pendelt sich die Zahl Opfer zwischen drei und 22 Millionen ein.[6] Die meisten Historiker gehen von 10 Millionen Toten aus – das sind mehr Opfer als während des Holocausts. Jedoch ist hier anzumerken, dass nicht alle Todesopfer Mordopfer waren und gleichzeitig nicht alle Gewaltopfer gestorben sind. Während der Kolonialherrschaft Leopolds sank die Lebenserwartung der Kongolesen drastisch ab, unter anderem auf Grund der strukturellen Gewalt. Die Zwangsarbeit und Landforderungen des Königs setzten die Kongolesen unter Druck. Es gab nicht genug freies und kultivierbares Land, um Nahrungsmittel anzubauen, und die Menschen hatten auch kaum Zeit, sich um die Landwirtschaft, das Jagen oder Fischen zu kümmern. Das Land und die Erträge wurden den Ureinwohnern vorenthalten und ihnen somit die Lebensgrundlage entzogen.[7]

Foto: By Alice Harris/John Hobbis Harris (E. D. Morel, King Leopold’s Rule in Africa) [Public domain], via Wikimedia Commons

#erste internationale Protestbewegung

Der britische Journalist Edmund D. Morel bemerkte Anfang des 20. Jahrhunderts, dass fast alle Schiffe, die in den Kongo fuhren, nur Waffen und Munition an Bord hatten. Daraufhin stellte er Recherchen an und stieß schon bald auf die grausame Wirklichkeit. Seine Entdeckungen wurden kurz darauf durch die britische Regierung und deren Casement-Report (1904) bestätigt. Daraufhin führten die Schriftsteller Joseph Conrad und Sir Arthur Conan Doyle sowie der britische Diplomat Roger Casement eine internationale Protestbewegung an, die sich bald über ganz Europa und Nordamerika ausbreitete. Der Druck auf König Leopold II., die Kolonie unter externe Beobachtung zu stellen, nahm zu. 1908 verkaufte er den Kongo-Freistaat schlussendlich an die belgische Regierung, welche umgehend verschiedene Reformen einführte. Zwar gingen die Todeszahlen auf Grund der Reformen signifikant zurück, aber der wirkliche „Rubber Terror“ und die einhergehende strukturelle Gewalt endete erst nach dem ersten Weltkrieg. Belgien behielt bis 1960 die Kolonialmacht über die jetzige Demokratische Republik Kongo.[8]

 

Quellen- und Literaturverzeichnis:

# Jones, A. (2010) Genocide – A comprehensive Introduction. 2nd Edition. London and New York: Routledge.

# Hartmann, S. (2011) „Die Institutionen des Leopoldianischen Systems: Wie pervertierte Anreize zu extremer Gewalt im Kongo beitrugen“. In Afrika – Kontinent der Extreme von Exenberger, A. (Hg.) 1. Auflage Innsbruck University Press; Band 9; Edition Weltordnung – Religion – Gewalt; S. 47- 74

# Hochschild, A. (1998) King Leopold‘s Ghost: A Story of Greed, Horror, and Heroism in Colonial Africa. Mariner Books.

#Conrad, J. (1899) Hart of Darkness. 3-teilige Serie im Blackwood’s Magazine.

# Doyle, A. C. (1909) The Crime of the Kongo. 4. Edition. London: Hutchinson & Co.

[1] Hartmann (2011) S. 47 – 49; Jones (2010) S. 70
[2] Hartmann (2011) S. 51; Jones (2010) S. 70
[3] Hartmann (2011) S. 52 – 57; 68
[4] Hartmann (2011) S. 65 – 66; 68
[5] Hartmann (2011) S. 62
[6] Hartmann (2011) S. 63
[7] Hartmann (2011) S. 67 – 68
[8] Jones (2010) S. 71

Interessant? Teilen!Share on FacebookTweet about this on TwitterShare on Google+Share on LinkedInEmail this to someone

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.