#Ge·no·zid·blogger e.V.
3 Okt 2014

#Ruanda 1994 – Hier gibt es nichts außer Menschen

Ruanda ist ein kleines, stark bevölkertes Land in Zentralafrika, umgeben von Uganda, Tansania, Burundi und der Demokratischen Republik Kongo. Der Genozid 1994 war einer der tödlichsten mit bis zu 800.000 Toten innerhalb von nur 100 Tagen. Die Täter mordeten mit den einfachsten Waffen Freunde, Nachbarn und oft auch die eigene Familie.

Kigal, RuandaFoto: Oledoe/www.flickr.com/Creatice Commons

#Hutu #Tutsi #Twa

Das Interessante an Ruanda ist, dass es sich im Gegensatz zu anderen Genoziden bei den zwei Gruppen, Hutu und Tutsi, nicht um zwei verschiedene Ethnizitäten, Religionen, Rassen oder sonstige unterschiedliche Gruppen handelt. Die meisten Anthropologen zählen beide Gruppen zur selben Ethnie, da sie die gleiche Sprache sprechen, gleiche Gewohnheiten pflegen, die gleiche Religion haben und miteinander verheiratet sind. Es handelt sich hier eher um eine Art soziales Kastensystem, in welchem man ohne Probleme die Kaste wechseln konnte. So waren die Tutsi Viehzüchter und damit etwas wohlhabender, die Hutu einfache Bauern und die Twa als Jäger und Sammler lebende Waldbewohner.2

Anfang des 19. Jahrhunderts kolonialisierten die Europäer Afrika und begannen, die Afrikaner zu klassifizieren. Alle Afrikaner, die „europäisch“ aussahen, wurden als Nachkommen des biblischen Ham (Sohn Noahs) und somit als schlauer und geschickter angesehen. Nach dem Ende des 1. Weltkriegs übernahm Belgien die Kolonialherrschaft über Ruanda von Deutschland. Die neuen Kolonialherren sahen in den Tutsi die „europäische Rasse“ und setzten sie in offizielle Ämter und Posten ein, während sie den Hutu die höhere Schulbildung verboten.3 Im nächsten Schritt wurden Pässe eingeführt, welche die Bewohner Ruandas offiziell in Hutu und Tutsi kategorisierten.

Zur Klassifizierung war unter anderem die Nasengröße ausschlaggebend: so hatten Tutsi angeblich eine 55,8 mm lange und 38,7 mm breite Nase, die der Hutu hingegen war nur 52,4 mm lang, dafür aber 43,2 mm breit. Im Ergebnis wurden 84% der Bevölkerung als Hutu klassifiziert, 15% als Tutsi und 1% als Twa. Diese Ausweise bestimmten nun in einem Land mit begrenzten Ressourcen, wer Zugang zu selbigen hatte, und wer nicht. Damit wurde ein jahrzehntelanger Streit zwischen den Hutu und den Tutsi über die Vorherrschaft Ruandas und dessen Ressourcen entfacht.4

#blutige Geschichte #UNAMIR

1962 erlangte Ruanda die Unabhängigkeit, und die Hutu übernahmen durch einen Putsch die Vorherrschaft. Über die Jahre hinweg flohen ca. 900.000 Tutsi in die Nachbarländer, wo sie als Flüchtlinge lebten. Die Tutsi gründeten im Exil ihre eigene Armee – die RPF (Rwanda Patriotic Front). Anfang der 1990er Jahre brach erneut ein schwerer Bürgerkrieg aus; der damalige Hutu-Präsident Juvénal Habyarimana begann auf internationalen Druck hin, Friedensgespräche mit der RPF aufzunehmen, welche aber immer wieder abgebrochen wurden.

Schließlich wurde am 08.08.1993 das „Arusha Friedensabkommen“ geschlossen sowie eine Kapitel-6-Friedensmission von der UN eingesetzt, um den Frieden zu sichern. UNAMIR (United Nations Assistance Mission for Rwanda) hatte jedoch von Anfang an mit großen finanziellen und administrativen Problemen zu kämpfen, denn kein westliches Land war wirklich an Ruanda interessiert und wollte weder Geld, Waffen noch Personal investieren. Ruanda war kein strategisch wichtiges Land, schon immer auf finanzielle Hilfen angewiesen, um nicht bankrott zugehen, und hatte nur wenige natürlichen Ressourcen. Die Mission war somit gerade einmal 2.500 Mann klein, nur leicht bewaffnet und schlecht ausgestattet.5 UNAMIR hatte nicht einmal 3 Tagesrationen an Wasser und Essen, kaum Autos und Funkgeräte; Benzin, Sandsäcke, Nachtsichtgeräte und Ersatzteile waren rar. Aus Mangel an Möbeln wurde auf dem Boden gearbeitet, Reporte konnten nicht schriftlich verfasst werden, da es an Papier und Stiften fehlte.6

Im Oktober 1993 kam es jedoch zu einem erneuten Ausbruch der Gewalt auf Grund des Tutsi-Putsches in Burundi, woraufhin ca. 300.000 Hutu-Flüchtlinge nach Ruanda zurückkehrten.7

#Hasspropaganda #Interahamwe #UN als Unterstützer

Hasspropaganda wurde betrieben, Tutsi im Radio entmenschlicht, als „Kakerlaken“ bezeichnet und zu Übergriffen aufgerufen. Besonders der Hörfunk- und Fernsehsender „Radio-Télévision Libre des Mille Collines“ verbreitete rassistische Ideologien.8 Daraufhin fragte Lt. General Roméo Dallaire, Kommandeur von UNAMIR, fast täglich bei der UN neue Truppen, Material und eine Erweiterung seines Mandates an, denn UNAMIR war nur zur Friedenssicherung in Ruanda und daher nur zur Demobilisierung, Grenzsicherung, als Wahlhelfer und zur Selbstverteidigung bemächtigt, nicht aber dazu, einen erneuten Krieg mit Waffengewalt zu verhindern oder gewaltsam Zivilisten verteidigen.

Im Januar 1994 gingen UNAMIR geheime Informationen zu, nach welchen ein Offizier der Präsidentengarde Auskunft darüber erteilte, dass die Regierungspartei MRND eine junge Miliz, die sogenannte Interahamwe, ausbildet und mit Waffen versorgt, um die RPF zu bekämpfen.9

Die Interahamwe bestand zum größten Teil aus jungen, arbeitslosen Männern, aber auch aus Reservisten, Studenten, Lehrern und Ärzten aus dem ganzen Land. Sie umfasste ca. 30.000 Mitglieder.10

Diese jungen Männer wurden in den Dörfern rekrutiert, für ca. 3 Wochen in einem Trainingscamp geschult und anschließend wieder in die Dörfer zurückgebracht. Dort hatten sie den Auftrag, Listen mit den Namen von Tutsi anzufertigen, um diese, wenn der Zeitpunkt gekommen, zusammenzutreiben und umzubringen.

Ruanda Foto: Hjallig/www.flickr.com/Creative Commons

Den Angaben des Informanten zufolge war die Interahamwe dazu fähig, in Kigali binnen 20 Minuten eintausend Tutsi zu töten; weiterhin sollte die UN-Mission UNAMIR von radikalen Hutu infiltriert sein, und dem Vernehmen nach gab es den Plan, belgische UN-Soldaten zu töten, um den Rückzug Belgiens – vorherige Kolonialmacht und das stärkste Truppenkontingent von UNAMIR stellend – aus der Mission und damit einen Abbruch der ganzen Mission zu erzwingen. Daraufhin wollte Dallaire Kraft seines Mandats die Waffen der Interahamwe beschlagnahmen lassen, doch die UN forderte ihn auf, dergleichen zu unterlassen und stattdessen Präsident Habyarimana (MRND, Regierungspartei) zu informieren.11 Dies war ein wichtiger Wendepunkt in dem aufkommenden Konflikt, denn die Täter hatten auf die Untätigkeit der UN gehofft und wurden somit in ihrer Annahme bestätigt.

#Hutu Power

Präsident Habyarimana war zwischenzeitlich nur noch zum Schein an der Macht, denn seine Partei arbeitete unabhängig von ihm. Die MRND war der Meinung, dass es niemals zu einer gemischten Regierung zwischen Hutu und Tutsi gemäß des „Arusha Friedensabkommens“ kommen wird, denn die Tutsi wollten nur wieder die Vorherrschaft übernehmen. Die Leitfiguren hierbei waren vor allem die Ehefrau des Präsidenten und ihre 3 Brüder, wovon einer der Verteidigungsminister von Ruanda war und die anderen beiden führende Positionen beim militärischem Geheimdienst und der Präsidentengarde inne hatten.

Sie gründeten das „Zero Network“ und waren antreibende Kraft der sogenannten „Hutu-Power“.12 Die Sicherheitssituation verschlimmerte sich im ganzen Land täglich, und es kam zu regelmäßigen Übergriffen auf Tutsi, doch UNAMIR konnte auf Grund des fehlenden Mandats und Personals nicht helfend eingreifen.13 Sie waren bis zum Ende des Genozids zum Zuschauen verdammt.

#Völkermord

Der 06.04.1994 markierte schlussendlich den Beginn des Völkermordes: an diesem Abend wurde das Flugzeug mit Präsident Habyarimana an Bord im Landeanflug auf den Flughafen von Kigali mittels Boden-Luft-Raketen abgeschossen. Noch am selben Abend wurden die Mitglieder der MRND-Partei aus dem Regierungsviertel evakuiert, die moderaten Hutu zurückgelassen und das Wohngebiet von bewaffneten Mitgliedern der Präsidentengarde umstellt. Am nächsten Morgen wurden alle moderaten Hutu umgebracht, und die Gewalt breitete sich wie ein Feuer aus.14 Die Interahamwe errichtete Straßenblockaden in Kigali, die Präsidentengarde blockte belgische UN Truppen am Flughafen, Peacekeeper wurden umstellt, entwaffnet und am Weiterfahren gehindert bzw. beschossen.

Die Premierministerin Agathe Uwilingiyimana (moderate Hutu) wurde tot und „ […] halb nackt mit einer Bierflasche in ihrer Vagina“ aufgefunden.15 Die 10 belgischen Soldaten, welche sie bewachten, wurden in ein Militärcamp entführt, gefoltert* und von einem Mob getötet, um den Rückzug der belgischen Truppen zu erzwingen.16

Nachdem die moderaten Hutu eliminiert waren, fokussierten sich die Täter auf die Tutsi, hierbei besonders auf die gebildete Elite. Die Interahamwe zog von Tür zu Tür und forderte, die Ethnizitätsausweise zu sehen.

„ Ich versteckte mich in einer Zwischendecke in meinem Hause und hörte meinen Nachbarn zu, wie sie bettelten, schrien und weinten. Ich beobachtete sie durch einen Riss in der Wand, wie sie mit Macheten, mit Nägeln beschlagenen Stöcken und Handgranaten umgebracht wurden. Ich hörte sie betteln, doch lieber erschossen statt zerhackt zu werden. Manche bezahlten sogar für eine Kugel.“17

Auf den Straßen begannen sich die Leichen von Anwälten, Lehrern, Priestern, Nonnen und Ärzten zu stapeln. Auch vor Kirchen, in denen die Tutsi Zuflucht suchten, wurde kein Halt gemacht.

„Mehrere tausend Zivilisten versammelten sich auf dem Kirchengelände, weil ihnen der Hutu-Gouverneur Schutz versprochen hatte. Als alle versammelt waren, gingen die Extremisten durch die Menschenmenge und forderten alle Hutu auf, das Gelände zu verlassen; Regierungstruppen versperrten die Fluchtwege. Dann feuerte der Gouverneur mit einer Waffe in die Luft, eine Art Startzeichen, und die jungen, betrunkenen Männer begannen, die Tutsi in Stücke zu hacken. Es ist harte Arbeit, so viele Menschen auf so engem Raum mit Macheten oder Schlagstöcken umzubringen, also gingen die Täter jede Nacht zu ihren Familien nach Hause, um sich auszuruhen und zu stärken, bevor sie am nächsten Tag wieder die Arbeit aufnahmen. Das ganze Massaker dauerte ca. 3 Tage.“18

Ca. 200.000 Zivilisten, ob aus Hass oder Angst, schlossen sich dem Töten an und benutzten dazu die einfachsten Waffen, wie z.B. Macheten, Keulen und Hacken, aber auch vereinzelt Gewehre. Niemand war mehr sicher, egal ob Frau, Mann, Kind, alt oder jung, Priester oder Nonne.19 In einigen Fällen töteten Hutu ihre eigenen Tutsi-Frauen, Verwandten und sogar ihre eigenen Kinder.20 Jeder mit einem Tutsi-Ausweis wurde umgebracht:

„[…] ein Interahamwe-Soldat riss das Baby vom Rücken seiner Mutter, hielt es an den Füßen, schwang es in die Luft, ließ es auf den Boden knallen und zerschmetterte seinen Kopf. Als die Mutter ihn voller Unverständnis anschaute, brachte er sie auch um.“21

In den ersten 5 Tagen des Völkermordes wurden ca. 20.000 Menschen umgebracht. Auch vor sexueller Gewalt wurde nicht zurückgeschreckt: so wurden insgesamt ca. 250.000 Frauen systematisch vergewaltigt.22

Die Kämpfe zwischen der RPF und den Regierungstruppen entfachten erneut. Lt. General Dallaire fragte unaufhörlich Tag für Tag neue Truppen und eine Erweiterung des Mandats an, doch wurde immer wieder darauf hingewiesen, dass die UNAMIR-Truppen nur schießen dürften, wenn sie selbst beschossen würden, obwohl UNAMIR eigentlich innerhalb seines Mandats hätte Gewalt anwenden dürfen, um Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu verhindern. Jedoch hatte UNAMIR neben dem ausdrücklichen Verbot einzugreifen viel zu wenig Personal und Ressourcen, um wirklich etwas ausrichten zu können.23

Foto: configmanager/www.flickr.com/Creative CommonsFoto: configmanager/www.flickr.com/Creative Commons

#rettet die Weißen

Am 09.04.1994 landete schlussendlich doch noch eine 1.500 Mann starke und schwer bewaffnete Einheit in Kigali, bestehend aus belgischen, italienischen und französischen Soldaten. Jedoch wurde diese Einheit nur geschickt, um alle „Weißen“, wie z.B. Diplomaten und ihr Personal, Auswanderer und Journalisten, zu evakuieren. Nur zu diesem Zweck wurde es UNAMIR erlaubt, Gewalt anzuwenden und außerhalb des Mandats zu handeln, um die Sicherheit dieser Aktion zu gewähren.

Danach zogen auch die Belgier ihre Truppen aus Ruanda zurück, obwohl sie ein Drittel des UNAMIR-Kontingents ausmachten. Damit setzte die internationale Gemeinschaft ein klares Zeichen, dass sich niemand für Ruanda interessieren und den Völkermord stoppen würde. Die Massaker eskalierten umgehend – ca. 2.000 Menschen wurden an diesem Nachmittag mit Macheten und Granaten getötet.24

„Oft durchtrennten die Täter die Achillessehne ihrer Opfer, damit sie nicht davonlaufen konnten. Dann ließen sie sie für Stunden mit großen Schmerzen zurück, bis die Täter neue Kraft gesammelt hatten, um sie dann endgültig zu töten.“25

Durchschnittlich wurden täglich 4.000 Tutsi umgebracht, Namen und Adressen wurden über das Radio preisgegeben: „Erledigt sie, rottet sie aus, fegt sie aus dem Land!“.26

#Rückzug statt Rettung

Ende April lagen ca. 100.000 Leichen auf den Straßen und Feldern Ruandas, doch die UN reagierte immer noch nicht und schickte lediglich ein paar Mitarbeiter, um die Situation zu beurteilen. Diese erklärten dem kommandierenden Lt. General Dallaire: „Wir werden unseren Regierungen empfehlen, nicht zu intervenieren, denn das Risiko ist zu groß, und alles, was es hier gibt, sind Menschen.“27

Der UN-Sicherheitsrat beschloss auf Grundlage dieser Empfehlung am 21.04.1994, die Truppen zu reduzieren und abzuziehen. Nur 270 Soldaten sollten bleiben und versuchen, einen Waffenstillstand zu erreichen.28 Am 29./ 30.04.1994 flohen ca. 250.000 Menschen (das ist eine ca. 8 km lange Menschenschlange!) nach Tansania. Daraufhin rief der damalige UN-Generalsekretär Boutros Boutros-Ghali den UN-Sicherheitsrat auf, endlich konsequent zu handeln und seine Entscheidungen noch einmal zu überdenken. Jedoch hatte die USA kein Interesse daran, in den Konflikt einzugreifen und rief lediglich die ruandische Regierung dazu auf, das Töten zu beenden.

#Hoffnungsschimmer?

Am 17.05.1994 einigten sich die UN und USA doch darauf, die Truppenstärke in Ruanda auf 5.500 Soldaten zu erhöhen, aber das Mandat der Mission sollte unverändert bleiben. Allerdings waren die westlichen Staaten immer noch nicht bereit, Truppen und Material zur Verfügung zu stellen, und so wurden in den ersten Wochen lediglich 1.000 Soldaten entsandt.29 Die volle Truppenstärke wurde erst im Dezember 1994 erreicht – 6 Monate nachdem der Völkermord zu Ende war.30

Indes fing die RPF an, erste Siege zu verzeichnen und die Hutu-Extremisten zurückzudrängen. Daraufhin hatte Frankreich, welches die Hutu-Regierung und deren Militär unterstützte, ausbildete und mit Waffen versorgte, am 17.06.1994 die vom UN-Sicherheitsrat erlaubte „Operation Turquoise“ gestartet und innerhalb von 3 Tagen Truppen nach Ruanda geschickt, um der „humanitären Situation“ gerecht zu werden und Sicherheitszonen einzurichten, um den Flüchtlingen Schutz und Unterkunft zu bieten. Jedoch stellte sich heraus, dass diese Sicherheitszonen hauptsächlich den Hutu-Extremisten zugutekamen und diese von dort aus ungehindert in die Demokratische Republik Kongo fliehen konnten. Mitte Juli besiegte die RPF schlussendlich Militär und Miliz ohne ausländische Hilfe und setzte somit dem Völkermord ein Ende. Nur ein paar Tage später erreichten US-Truppen und Hilfsgüter Ruanda, um auf die humanitären Bedürfnisse zu reagieren.

Überall lagen die Toten – in Kirchen, Schulen, Krankenhäusern, auf den Straßen, in den Flüssen und Seen. Die Dörfer waren größtenteils zerstört, es gab kein fließend Wasser, keinen Strom, Telefone.31 Ca. 800.000 Menschen waren innerhalb von nur 3 Monaten umgekommen. Rechnet man die Anzahl der Opfer auf die Zeit hoch, war der Völkermord in Ruanda 3x tödlicher als der Holocaust.32 Ca. 1200 Tutsi konnten Schutz im „Hôtel des Mille Collines“ finden, welches von Dallaires wenigen Truppen verteidigt wurde.33

#Faulheit #Geiz oder #Rassismus?

Die Internationale Gemeinschaft war von Anfang an voll über die Situation im Bilde: schon zum Anfang der 1990er Jahre gab es eine CIA-Analyse, in welcher erklärt wird, dass es ca. eine halbe Million Tote geben wird, wenn das Friedensabkommen scheitert, und auch Frankreich war sich seit ca. 1990 der Tatsache bewusst, dass das Land einem Völkermord entgegensteuert.34

UNAMIR war vor Ort und hat täglich Berichte abgegeben, allerdings entschieden sich die UN, allen voran ihr größter Geldgeber, die USA, nicht zu intervenieren und verboten sogar seinen Beamten, den Terminus „Genozid“ in öffentlichen Erklärungen zu nutzen, denn dann „müssten sie ja etwas tun“ nach Art. 1 der Genozid-Konvention.35 Auch UN-Sonderberichterstatter Bacre Waly Ndiaye, welcher in Ruanda vor Ort war, erklärte, dass „Genozid“ der richtige Ausdruck für die Gewalt ist und die Genozid-Konvention somit Anwendung findet. Seine Vorgesetzten in Genf wiesen ihn jedoch daraufhin, dieses Wort nicht in seinem Bericht zu benutzen. Er tat es doch, und sein Bericht verschwand.36

Dieser Völkermord hätte leicht verhindert werden können, wären die Warnzeichen ernstgenommen worden und wäre der nötige politische Wille vorhanden gewesen, denn es ist moralisch vertretbar, in solchen gewaltsamen Situationen, wo Menschenrechte so fundamental verletzt werden, militärisch zu intervenieren.37

Die „Friedenssicherungsmission“ nach Kapitel 6 hätte einfach in eine „Friedensdurchsetzungsmission“ entsprechend Kapitel 7 umgewandelt, UNAMIR mit mehr Soldaten und Material ausgestattet, Radiostationen geschlossen, Waffen konfisziert und Polizeistreifen eingesetzt werden müssen. Weiterhin hätte die Internationale Gemeinschaft damit drohen können, all ihre finanziellen Hilfen einzustellen, was einen großen Effekt auf die Regierung gehabt hätte, denn Ruanda war vollends auf diese angewiesen, um nicht bankrott zu gehen. Jedoch war Ruanda, wie schon erwähnt, nicht von politischer und strategischer Bedeutung und verfügte über keine natürlichen Ressourcen.

Wahrscheinlich war „Ruanda einfach zu schwarz, um sich die Mühe zu machen“.38 Offenbar waren die UN aber auch mit Ruanda als 18. Mission in einem Jahr komplett überlastet und am Ende ihrer Ressourcen angekommen. Die USA war durch ihren misslungenen Einsatz in Somalia mit 18 toten Soldaten traumatisiert und wenig daran interessiert, neue Truppen zu entsenden oder Geld zur Verfügung zu stellen.39 Die Internationale Gemeinschaft hat sich lieber dazu entschieden, einfach nur zuzusehen, ihre Staatsbürger zu evakuieren und Truppen abzuziehen.

Und damit zum Mittäter zu werden.

#ICTR

Als Antwort auf die Völkerrechtsverbrechen in Ruanda gründete der UN-Sicherheitsrat 1994 das Internationale Straftribunal für Ruanda (ICTR) mit Sitz in Arusha, Tanzania. Bis heute wurden vor dem Tribunal 75 Fälle verhandelt. 12 davon wurden Freigesprochen, in 11 Fällen wurde Berufung eingelegt.

 
*Ihnen wurden die Penisse entfernt und in den Mund gesteckt.
 
Quellen:
Barth, B. (2006) Genozid – Völkermord im 20. Jahrhundert: Geschichte, Theorien, Kontroversen. München: Verlag C. H. Beck oHG.
Cain,K. Postlewait H. & Thomson, A. (2004) Emergency Sex (and Other Desperate Measures); London: Ebury Press.
Dallaire, R. (2004) Shake Hands With The Devil- The Failure of Humanity In Rwanda. London: Arrow Books.
Desforges, A. (1999) Leave None to Tell the Story- Genocide in Rwanda. Human Rights Watch [Online]. Available at: http://www.grandslacs.net/doc/1317.pdf (Accessed: 03 January 2011)
Jones, A. (2010) Genocide- A Comprehensive Introduction. 2nd edition. London and New York: Routledge.
Neuffer, E. (2003) The Key to my Neighbour’s House- Seeking Justice in Bosnia and Rwanda. London: Bloomsbury Publishing Plc.
Othman, M. C. (2005) Accountability for International Humanitarian Law Violations: The case of Rwanda and East Timor. Berlin: Springer Verlag
Smith, W. (2007) ‘Anticipating a Cosmopolitan Future: The Case of Humanitarian Military Intervention’, International Politics, 44, pp. 72- 89.
Spencer, P. (2012) Genocide since 1945 – Making of the Contemporary World. London and New York: Routledge.

2 Neuffer, E. (2003) S. 85- 87
3 Neuffer, E. (2003) S. 87- 88
4 Neuffer, E. (2003) S. 88- 89
5 Dallaire, R. (2004) S. 89
6 Dallaire, R. (2004) S. 135
7 Dallaire, R. (2004) S.114
8 Neuffer, E. (2003) S. 100
9 Dallaire, R. (2004) S. 141- 146
10 Spencer, P. (2012) S. 94
11 Dallaire, R. (2004) S. 141- 146
12 Spencer, P. (2012) S. 94
13 Dallaire, R. (2004) S. 161
14 Neuffer, E. (2003) S. 105- 109
15 Neuffer, E. (2003) S. 110- 111
16 Othman, M. C. (2005) S. 30
17 Cain,K. Postlewait H. & Thomson, A. (2004) S. 205
18 Cain,K. Postlewait H. & Thomson, A. (2004) S. 235
19 Neuffer, E. (2003) S. 114- 115
20 Spencer, P. (2012) S. 93
21 Neuffer, E. (2003) S. 116
22 Spencer, P. (2012) S. 93
23 Dallaire, R. (2004) S.271- 229
24 Neuffer, E. (2003) S. 117- 118
25 Jones, A. (2010) S. 52
26 Neuffer, E. (2003) S. 119
27 Dallaire, R. (2004) S. 6
28 Neuffer, E. (2003) S. 123
29 Neuffer, E. (2003) S. 124, 126
30 Dallaire, R. (2004) S. 433
31 Neuffer, E. (2003) S. 127- 128
32 Spencer, P. (2012) S. 90
33 Spencer, P. (2012) S. 96
34 Desforges, A. (1999) S. 132
35 Jones, A. (2010) S. 353; 359
36 Jones, A. (2010) S. 351
37 Smith, W. (2007) S. 75
38 Jones, A. (2010) S.347
39 Barth, B. (2006) S.123- 124

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