#Ge·no·zid·blogger e.V.
22 Jan 2017

#Deutsch-Südwestafrika

1883 kaufte der Handelsmann Adolf Lüderitz Land in Angra Pequena, welches 1884 unter deutschen Schutz gestellt wurde. Die Kolonie Deutsch-Südwestafrika, heute Namibia, entstand.

Deutsch-Südwestafrika                   Foto: „Deutsch-Sudwestafrika“. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons

Das deutsche Kaiserreich regierte die Kolonie durch Rassentrennung und Unterdrückung. Die bis zu 12.000 deutschen Siedler behandelten die Afrikaner wie Menschen zweiter Klasse. Die Indigenen wurden enteignet und entrechtet; sie wurden gezwungen, ihr Land zu räumen und wurden somit ihrer Lebensgrundlage beraubt. Im Januar 1904 lehnten sich die Herero schlussendlich gegen die Besatzer auf; Deutschland antwortete mit unbekannter Brutalität.1

#Herero

Die Herero griffen am 12. Januar 1904 unter dem Kommando von Samuel Maharero verschiedene koloniale Einrichtungen an, belagerten Militärstationen, blockierten Eisenbahnlinien und töteten etwa 120 deutsche männliche Siedler. Frauen und Kinder wurden bewusst verschont, doch schon bald verbreiteten sich Schauermärchen von wütenden Afrikanern, die Frauen und Kinder vergewaltigen und massakrieren.2

In den ersten Wochen dominierten die Herero den Konflikt, da die deutsche Kolonialmacht von dem Aufstand überrascht wurde. Kurz darauf erhielt Gouverneur Theodor Leutwein von Kaiser Wilhelm II. den Befehl, den Aufstand zu beenden. Doch es ging längst nicht mehr nur um die Rückeroberung der Kolonie, sondern um Rache und Bestrafung.3

„Die härteste Bestrafung des Feindes ist notwendig als Sühne für die zahllosen, grausamen Morde und als Garantie für eine friedliche Zukunft (…).“ – Kapitän Gudewill, SMS Habicht4

HereroFoto: „Surviving Herero c1907“ von Unbekannt – Galerie Bassenge. Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons

Im Mai 1904 wurde dem Generalleutnant Lothar von Trotha das Kommando übertragen. Er erreichte Deutsch-Südwestafrika mit 14.000 Soldaten im Gefolge und begann einen brutalen Vernichtungskrieg gegen die Herero.5

„Gewalt mit krassem Terrorismus und selbst mit Grausamkeit auszuüben, war und ist meine Politik. Ich vernichte die aufständischen Stämme in Strömen von Blut und Strömen von Geld. Nur auf dieser Aussaat kann etwas Neues entstehen.“ – Lothar von Trotha6

#Vernichtungskrieg

Im August 1904 gelang es der kaiserlichen Armee, das Volk der Herero auf dem Plateau des Waterbergs zu umzingeln. Männer, Frauen und Kinder wurden getötet; Gefangene wurden nicht gemacht. Den Indigenen blieb nur noch die Flucht in die trockene Omaheke-Wüste, welche die Deutschen mit einem 250 km langen Sperrgürtel abgeriegelten. Nur den wenigsten gelang die Flucht; die meisten verhungerten und verdursteten. Die völlige Vernichtung des Volkes wurde in Kauf genommen.7

„Ich glaube, dass die Nation als solche vernichtet werden muss (…).“ – Lothar von Trotha8

Lothar_von_Trotha                                   Foto: „Lothar von Trotha“. Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons

Wem es gelang, aus der Omaheke-Wüste zu fliehen, wurde in Konzentrationslager gesteckt. Dort mussten sie schwere körperliche Zwangsarbeit verrichten, wurden als Sexsklaven gehalten, geschlagen, ausgepeitscht und umgebracht. Eugen Fischer (Mentor von Josef Mengele) untersuchte die „Mischlingskinder“, die in den KZ geboren wurden, und vollführte medizinische Experimente an ihnen. Auf Grundlage dieser Ergebnisse veröffentlichte er „Das Standardwerk zur menschlichen Erblichkeitslehre und Rassenhygiene“, welches Adolf Hitler als Grundsatz seiner Rassenlehre galt.9

Die deutschen Soldaten enthaupteten ihre Opfer und legten die Köpfe, inklusive aller Weichteile, in Formaldehyd ein und verschifften sie nach Berlin, um die Rassenmerkmale und Gesichtszüge studieren zu können. Schätzungen zu Folge lagern noch heute ca. 3.000 Schädel in deutschen Archiven und Museen.10

Im Oktober 1904 erließ von Trotha seinen berüchtigten „Schießbefehl“:

„Innerhalb der deutschen Grenzen wird jeder Herero mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen, ich nehme keine Weiber und Kinder mehr auf, treibe sie zu ihrem Volk zurück oder lasse auf sie schießen.“11

45_501x0_0_14                      Foto: Bundesarchiv

#Nama

Seit Oktober 1904 beteiligte sich die Gruppe der Nama, von den Besatzern auch Hottentotten genannt, unter der Führung von Hendrik Witbooi an dem Konflikt. Die kaiserliche Schutztruppe war ihnen jedoch überlegen und ging gegen die Nama genauso brutal vor wie gegen die Herero. Sie wurden in die Wüste getrieben oder erschossen.

Am 22. April 1905 forderte von Trotha die Nama auf, sich zu ergeben, sonst drohe ihnen dasselbe Schicksal wie den Herero.12 Alle, die sich ergaben, wurden ins KZ gesteckt und misshandelt. Viele starben an Hunger, Durst, Krankheiten oder Erschöpfung.

Herero                                 Foto: „Herero chained“ von Unbekannt – Ullstein Bilderdienst, Berlin.

#Kriegsende

Aufgrund öffentlicher Kritik aus dem Ausland und den eigenen Reihen widerrief Kaiser Wilhelm II. den Schießbefehl von Trothas und beorderte ihn 1905 zurück nach Deutschland.

Infolge einer Regierungskrise wurde im Januar 1907 der Reichstag neu gewählt und der Krieg in Deutsch-Südwestafrika am 31. März 1907 offiziell für beendet erklärt. Die Konzentrations- und Sammellager wurden jedoch erst 1908 geschlossen, und allen überlebenden Herero und Nama war es weiterhin verboten, Land, Vieh oder Waffen zu besitzen.

Von insgesamt 80.000 Herero überlebten nur etwa 16.000 den deutschen Vernichtungskrieg; die Nama wurden mit rund 10.000 Toten zur Hälfte ausgelöscht.13

Deutsch-Südwestafrika, Herero-AufstandFoto: „Bundesarchiv Bild 183-R27576, Deutsch-Südwestafrika, Herero-Aufstand“ von Bundesarchiv, CC-BY-SA 3.0. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 de über Wikimedia Commons

#Deutschland – Namibia

2004, zur 100-jährigen Erinnerungsveranstaltung am Waterberg, sprach die damalige Entwicklungshilfeministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul erstmals von Völkermord:

„(…) Vor hundert Jahren wurden die Unterdrücker – verblendet von kolonialem Wahn – in deutschem Namen zu Sendboten von Gewalt, Diskriminierung, Rassismus und Vernichtung. Die damaligen Gräueltaten waren das, was heute als Völkermord bezeichnet würde – für den ein General von Trotha heutzutage vor Gericht gebracht und verurteilt würde. Wir Deutschen bekennen uns zu unserer historisch-politischen, moralisch-ethischen Verantwortung und zu der Schuld, die Deutsche damals auf sich geladen haben (…).“14

Doch erst im Juli 2015 bezog die deutsche Bundesregierung erstmals eine klare politische Leitlinie und beschloss, den Herero-Aufstand in Zukunft als Völkermord zu bezeichnen:

„Der Vernichtungskrieg in Namibia von 1904 bis 1908 war ein Kriegsverbrechen und Völkermord.“

Eine offizielle Entschuldigung steht jedoch immer noch aus, aber die Regierung bekennt sich zu einer „besonderen historischen Verantwortung Deutschlands gegenüber Namibia und seinen Bürgern“.15

Quellen:

Bundesarchiv (2015) „Der Krieg gegen die Herero 1904“. Abrufbar unter: http://www.bundesarchiv.de/oeffentlichkeitsarbeit/bilder_dokumente/00663/index-14.html.de (Stand 07.10.15)

Bundeszentrale für politische Bildung (2014) „Januar 1904: Herero-Aufstand in Deutsch-Südwestafrika“. Abrufbar unter: http://www.bpb.de/politik/hintergrund-aktuell/176142/herero-aufstand-10-01-2013 (Stand 07.10.15)

Deutsche Botschaft Windhuk (2004) „Rede von Bundesministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul bei den Gedenkfeierlichkeiten der Herero-Aufstände am 14. August 2004 in Okakarara“. Abrufbar unter: http://www.windhuk.diplo.de/Vertretung/windhuk/de/03/Gedenkjahre__2004__2005/Seite__Rede__BMZ__2004-08-14.html (Stand 07.10.15)

Schmidinger, T. (2004) „Der erste deutsche Völkermord: Ein Jahrhundert nach dem Genozid in „Deutsch-Südwestafrika““. Abrufbar unter: http://homepage.univie.ac.at/thomas.schmidinger/php/texte/genozidforschung_herero.pdf (Stand 07.10.15)

taz.de (2011) „Deutsche Kolonialgeschichte: Der verleugnete Völkermord“. Abrufbar unter: http://www.taz.de/!5110825/ (Stand 07.10.15)

taz.de (2015) „Massaker durch Deutschland in Namibia: Bundesregierung erkennt Genozid an“. Abrufbar unter: http://www.taz.de/!5212103/ (Stand 07.10.15)

www.combatgenocide.org „Herero and Nama Genocide“. Abrufbar unter: http://combatgenocide.org/?page_id=153 (Stand 07.10.15)

www.ppu.org.uk „Namibia 1904“. Abrufbar unter: http://www.ppu.org.uk/genocide/g_namibia1.html (Stand 07.10.15)

1 Bundeszentrale für politische Bildung (2014)
2 Schmidinger,T. (2004)
3 Schmidinger,T. (2004)
4 Schmidinger,T. (2004)
5 Bundeszentrale für politische Bildung (2014)
6 www.ppu.org.uk
7 Bundeszentrale für politische Bildung (2014)
8 www.combatgenocide.org
9 www.ppu.org.uk
10 taz.de (2011)
11 Bundesarchiv (2015)
12 www.ppu.org.uk
13 Bundeszentrale für politische Bildung (2014)
14 Deutsche Botschaft Windhuk (2004)
15 taz.de (2015)
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