#Ge·no·zid·blogger e.V.
29 Mai 2017

Text: Corinna

#Nigeria

Nigeria, ein Bundesstaat in Westafrika, ist mit über 180 Millionen Einwohnern ein Land voller kultureller und religiöser Vielfalt: es werden 514 verschiedene Sprachen und Dialekte gesprochen, neben dem Islam und dem Christentum finden sich hier zahlreiche westafrikanische Religionen, zudem treffen hunderte verschiedene Ethnien in Nigeria aufeinander, was nicht selten zu Konflikten führt. Die größten und politisch einflussreichsten Völker sind die im Norden lebenden Hausa und Fulbe (beide muslimisch), zusammen machen sie 29% der Bevölkerung aus. Mit 21% folgen die Yoruba im Südwesten und die Igbo mit 18% im Süden (beide christlich). Dazu gesellen sich bis zu 400 kleinere ethnische Minderheiten, unter anderem die Ijaw, Kanuri, Ibibio, Tiv und Umon.

Foto: Andrew Moore/www.flickr.com/Creative Commons

#Unabhängigkeit und Staatsstreich

Durch einen Gesetzesakt im Britischen Parlament erlangte Nigeria am 1. Oktober 1960 die Unabhängigkeit, doch das Land wurde anschließend von korrupten Politikern geführt, die ethnische Spannungen und Rivalitäten anheizten. Am 15. Januar 1966 führte Major Patrick Chukwuma Kaduna Nzeogwu zusammen mit ein paar jungen, idealistischen und radikalen Militäroffizieren einen Staatsstreich durch. Ziel war es, eine zeitlich begrenzte Revolution anzuführen und die Regierung zu stürzen. Die beteiligten Offiziere waren zumeist Christen aus dem Süden und gehörten der Volksgruppe der Igbo an. Sie ermordeten während des nur weniger Tage andauernden Putschversuchs viele Beamte aus dem muslimischen Norden und vier hochrangige Armeeoffiziere sowie den Premierminister Sir Abubakar Tafawa Balewa und den Premierminister Nordnigerias Alhaji Sir Ahmadu Bello (beide Muslime).

Der Armeekommandeur Major-General Johnson Aguiyi-Ironsi, ein Igbo, unterdrückte zwar erfolgreich den Coup d’état, übernahm aber gleichzeitig selbst die Macht. Viele Menschen im Norden Nigerias werteten dies als Igbo-Verschwörung mit dem Ziel, die muslimischen Bürger zu unterdrücken und die vorherrschende Igbo-Dominanz zu verstärken. Tatsächlich errichtete Aguiyi-Ironsi eine Militärregierung und besetzte offizielle Posten vorsätzlich mit Nigerianern aus dem Süden. Gleichzeitig wurden die Verantwortlichen für den Staatsstreich niemals bestraft.

Foto: Mark Fischer/www.flickr.com/Creative Commons

#Pogrom gegen die Igbo

Sechs Monate später inszenierten Soldaten aus dem Norden Nigerias einen Gegen-Coup und führten gewaltsame Ausschreitungen gegen Angehörige der Igbo im Norden und Westen des Landes an. Die Gewalt war systematisch, organisiert und kam in Wellen: die Angriffe ereigneten sich am 29. Mai, 29. Juni, 29. September und 29. Oktober 1966, wobei sie im September ihren Höhepunkt erreichten. Insgesamt wurden zirka 30.000 Igbo getötet, hunderttausende flohen in den Süden und Osten. An dieser ethnischen Säuberung im Norden und Westen Nigerias waren neben dem Militär auch zahlreiche Zivilisten beteiligt. Der durch den erneuten Putsch an die Macht gekommene General Yakubu Gowon sprach sich zwar gegen die Gewalt gegen die Igbo aus, aber die nationale Regierung versäumte es, Gowons Autorität zu untermauern.

#Bürgerkrieg 1967 – 1970

Ostnigeria gilt als das traditionell angestammte Land der Igbo, und während der Massengewalt flohen 150.000 bis 300.000 Igbo dorthin zurück. Am 30. Mai 1967 erklärte der Igbo-Anführer General Chukwuemeka Odumegwu Ojukwu Ostnigeria zu der unabhängigen Republik Biafra. Als Reaktion darauf brach ein Bürgerkrieg aus, denn man wollte das Land zurückerobern. Neben der kriegerischen Gewalt errichtete die Regierung Nigerias eine aggressive Versorgungsblockade. Die Lebensbedingungen in Biafra wurden zunehmend schlechter, die von Menschenhand gemachte Hungersnot kostete täglich bis zu 10.000 Menschen das Leben.

„Wir schießen auf alles, was sich bewegt, und wenn unsere Truppen im Zentrum des Igbo-Staates angelangt sind, dann schießen wir auf alles, auch auf Dinge, die sich nicht bewegen.“ – Offizier Benjamin Adekunle

Foto: Von Dr. Lyle Conrad – Centers for Disease Control and Prevention, Atlanta, Georgia, USAPublic Health Image Library (PHIL); ID: 6901http://phil.cdc.gov/, Gemeinfrei

Das Territorium der Republik Biafra schrumpfte zusehends, und im Januar 1970 kapitulierte das Land und beendete somit nicht nur den Krieg, sondern auch die Gewalt gegen die Igbo. Präsident Yakubu Gowon ließ nach dem Ende des Krieges verlauten: „Kein Sieger, kein Verlierer“ und ebnete damit einen relativ friedlichen Weg zu Reintegration der Igbo in den Bundesstaat Nigeria.

Insgesamt sind wohl schätzungsweise bis zu 3,1 Millionen Igbo an Mangelernährung, Krankheiten und infolge der Gewalt und des Krieges gestorben, doch die Zahl lässt sich nicht verifizieren. Die Massengewalt gegen die Igbo zählt zu den am schlechtesten recherchierten Fällen in der Wissenschaft – es gibt kaum verlässliche Quellen oder Studien. Zudem gibt es keine verlässlichen statistischen Daten zur Bevölkerungzahl vor und kurz nach dem Krieg.

 

Quellen:

# BBC (2016) “How first coup still haunts Nigeria 50 years on”. Abrufbar unter: http://www.bbc.com/news/world-africa-35312370 (12.05.2017)

# Countrystudies.us “The 1966 Coups, Civil War, and Gowon’s Government”. Abrufbar unter: www.countrystudies.us/nigeria/70.htm (12.05.2017)

# Ekwe-Ekwe, H. (2011) “The most tragic day of Igbo history: 29 May 1966”. Abrufbar unter: www.pambazuka.org/governance/most-tragic-day-igbo-history-29-may-1966 (12.05.2017)

# Uzoigwe, G.N. „The Igbo Genocide 1966: Where is the outrage?“. Abrufbar unter: http://www.untref.edu.ar/documentos/ceg/25%20G%20N%20UZOIGWE.pdf (12.05.2017)

# World Peace Foundation (2015) “Nigeria: Civil War”. Abrufbar unter: www.sites.tufts.edu/atrocityendings/2015/08/07/nigeria-civil-war (12.05.2017)

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