#Ge·no·zid·blogger e.V.
25 Jun 2017

Text: Corinna

#Ethnische Säuberung – ein menschenverachtender Euphemismus

Das Wort Völkermord oder „Genozid“ ist ein höchst umstrittenes Wort. Warum? Es ist mehr als nur ein Begriff oder ein Werkzeug für historische, politische oder moralische Analysen. Vielmehr birgt es legale Konsequenzen und wird daher wie die Büchse der Pandora behandelt. Um sich dieser legalen Konsequenzen zu entledigen, wird nicht selten der Begriff Ethnische Säuberung genutzt, was wiederum ein menschenverachtender Euphemismus ist. Man nutzt ihn, um von systematischem Massenmord zu sprechen, ohne das Wort „Völkermord“ benutzen zu müssen. „Ethnische Säuberung“ kommt zwar in einigen UN-Dokumenten und in der Wissenschaft vor, hat aber weder eine klare und formale Definition noch einen legalen Status.

KZ Sachsenhausen

Ironischerweise wurde der Begriff der „Ethnischen Säuberung“ von dem Kriegsverbrecher Slobodan Milosevic geprägt. Er nutzte den Begriff zuerst im April 1987, um die Gewalt, ausgehend von kosovo-albanischen Kommandeuren gegenüber den Serben, zu beschreiben.[1] Der Begriff wurde somit zuerst von Tätern genutzt, um Massentötungen, Vergewaltigungen und andere Gräueltaten zu beschreiben. Später folgten die Zuschauer, um ihre Untätigkeit zu rechtfertigen, und kurz darauf die Journalisten, Diplomaten und die Vereinten Nationen. Der häufige und oft auch offizielle Gebrauch von „Ethnische Säuberung“ impliziert der Gesellschaft, dass es der richtige Begriff ist für Massenmorde, welche den rechtlichen Hürden der Völkermordkonvention nicht entsprechen.

#Ethnische Säuberung, Judenrein und Sozialdarwinismus

Rein rhetorisch kann man „Ethnische Säuberung“ auf eine Ebene stellen wie die Nazi-Begriffe „Judenrein“ oder „Rassenhygiene“. All diese Begriffe implizieren das Vorliegen von pseudowissenschaftlichen Belegen als Rechtfertigung für die Auslöschung einer ganzen Gruppe.[2] Man stelle sich nur vor, diese Begriffe würden noch heute in diversen UN-Dokumenten stehen und weiterhin genutzt werden!

Genozide im 21. Jahrhundert treten oftmals in einer Kombination von Sozialdarwinismus, Rassentheorie und Nationalismus auf – die Opfer werden entmenschlicht, um das Töten zu erleichtern. Die Armenier wurden als „gefährliche Mikroben“ bezeichnet, die Hutu als „Schaben“ und die Nazis titulierten die Juden mit Begriffen wie „Parasiten“, „Krebs“, „Plage“, „Tumor“, „Bazillen“, „Ungeziefer“ und ähnlichem. Auch der Begriff der „Ethnischen Säuberung“ spielt den Tätern dabei in die Hände, denn so können sie die Opfergruppe als Quelle von Dreck und Krankheiten abstempeln, welche ausgemerzt werden muss.[3] „Ethnische Säuberung“ wird in den letzten Jahren immer häufiger genutzt, ist aber ein irreführender und abwertender Begriff für Völkermord. Zugleich hat es einen betäubenden Effekt in Bezug auf Interventionen und Hilfsleistungen, denn es ist ja kein „richtiger“ Völkermord.

KZ Sachsenhausen

#Verbrechen gegen die Menschlichkeit

Aber auch der Begriff „Völkermord“ bzw. „Genozid“ wird oft missbräuchlich und inflationär genutzt, unter anderem um mediale Aufmerksamkeit oder Geld zu erhalten. Sollte man daher komplett den Fokus vom Völkermord nehmen und, wie von William Schabas vorgeschlagen, Massengewalt unter den Straftatbestand von Verbrechen gegen die Menschlichkeit nehmen? Dies hätte signifikante Konsequenzen für die internationale Rechtsprechung, denn fast jeder Täter von Massenmord würde verurteilt werden, da die enge Definition des Straftatbestands des Völkermords, vor allem das problematische Element der Absicht, wegfallen würde. Es wäre somit egal, gegen welche Gruppe sich die Gewalt richtet (hier würde aber das Problem der „Siegerjustiz“ zum Tragen kommen).[4] Hintergrund dieses Konzepts ist, dass es moralisch egal sein sollte, welches Verbrechen begangen wird, solange das menschliche Leiden beendet wird.

#Völkermord als Game-Changer

Ist die Bezeichnung „Völkermord“ heute noch ein wirklicher „Game-Changer“? Ist die Welt auf Grund der Vielzahl an Konflikten nicht inzwischen indifferent gegenüber Massengräueltaten in weit entfernten Ländern? Macht das Wort „Völkermord“ überhaupt einen Unterschied? Viele Experten sagen ja, denn ob es sich bei Massengräueltaten um einen Völkermord handelt, bleibt wichtig, da dieser Begriff noch immer die Möglichkeit bietet, die öffentliche Meinung zu beeinflussen, Menschen zu mobilisieren und internationalen Konsens in Bezug auf Interventionen, Sanktionen und Hilfsleistungen zu erlangen. Um diese Macht nicht zu verlieren, darf der Begriff aber nicht inflationär benutzt werden. Sollte es daher einen Begriff geben, der nicht ganz so potent ist? Hier kommt wieder die „Ethnische Säuberung“ ins Spiel, ist aber aus voran genannten Gründen nicht überzeugend, da es unter anderem die Sichtweise der Täter beschreibt und somit die Opfer verhöhnt.

KZ Sachsenhausen

#Ethnische Gräueltaten?

Wären vielleicht, wie Leo Kuper argumentiert, „Ethnische Gräueltaten“, „Ethnischer Mord“ oder „völkermordähnliche Massaker“ eine Option? Diese Begriffe stehen für einen „nicht vollen Völkermord“, erkennen allerdings an, dass Nationalismus, Rassismus und / oder Religion zentrale Elemente der Gewalt sind.[5] Es ist wichtig, wie wir eine Straftat benennen, denn Worte haben eine immense Bedeutung – wir Menschen denken mit Worten, wir nutzen sie täglich, und sie haben Konsequenzen. Die richtige Begrifflichkeit ist ebenfalls für die Wissenschaft wichtig, für die Geschichtsschreibung, für die Opfer und deren Angehörige sowie für die Strafverfolgung.

#Fazit

Natürlich kann man sich über Worte und Begrifflichkeiten streiten, aber Menschenleben und Gräueltaten zu ranken, ist pervers und dient lediglich dazu, menschliches Leid kleinzureden und spielt dabei den Tätern und Zuschauern in die Hände. „Ethnische Säuberung“ ist ein abscheulicher Begriff, der niemals legitimiert und in Zukunft auch nicht mehr genutzt werden sollte. Gleichzeitig sollte man sich aber auch bewusstmachen, dass das Wort „Völkermord“ kein magisches Wort ist und das Töten genauso wenig beendet, wie eine „Hungersnot“ hungrige Menschen ernährt. Jedoch hilft es das eigene Handeln zu überdenken, die Situation neu zu bewerten und eine effektive Strategie/ Politik zu entwickeln. Am wichtigsten ist jedoch, dass die Internationale Gemeinschaft reagiert, das Leiden beendet und den (zukünftigen) Tätern zeigt, dass ihre Taten inakzeptabel sind und nicht ohne Konsequenzen bleiben.

 

Quellen:

# Blum, R.; Stanton, G.; Sagi, S.; Richter, E. (2007) „‘Ethnic cleansing‘ bleaches the atrocities of genocide“. Erschienen im European Journal of Health, Vol. 18, No. 2, S. 204 – 209

# Hamilton, R. (2016) „The G-Word Paradox“. Abrufbar unter: www.foreignpolicy.com/2016/03/22/the-g-word-paradox-genocide-islamic-state-john-kerry/ (05.06.2017)

# Kersten, M. (2011) “You Say Genocide, I Say Genocide: Some Thoughts on the Genocide Debate”. Abrufbar unter: www.justiceinconflict.org/2011/06/05/you-say-genocide-I-say-genocide-some-thoughts-on-the-genocide-debate-2/ (05.06.2017)

# Saul, B. (2001) “Was the Conflict in East Timor ‘Genocide’ and why does it matter?”. Erschienen im Melbourne Journal of Law, Vol. 2. Abrufbar unter: http://law.unimelb.edu.au/__data/assets/pdf_file/0003/1680222/Saul.pdf (05.06.2017)

[1] Blum, R.; Stanton, G.; Sagi, S.; Richter, E. (2007), S. 204
[2] Blum, R.; Stanton, G.; Sagi, S.; Richter, E. (2007), S. 204
[3] Blum, R.; Stanton, G.; Sagi, S.; Richter, E. (2007), S. 204
[4] Kersten, M. (2011)
[5] Kersten, M. (2011)

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