#Ge·no·zid·blogger e.V.
29 Mrz 2016

#Warnzeichen – Die 10 Stufen eines Genozids

„Ein Genozid ist kein vorhersagbares Endprodukt eines fein säuberlich ausgelegten Plans, sondern ein bedingtes Ergebnis eines komplexen sozialen und politischen Prozesses“.1

Ein Völkermord geschieht nicht von heute auf morgen, sondern ist ein Prozess mit mehreren Phasen. Diese Phasen sind vorhersehbar, aber nicht unaufhaltsam. In jeder Phase können Präventionsmaßnahmen angewandt werden, die eine Ausbreitung des Genozids verhindern. Auch wenn hier 10 Phasen aufgeführt werden, verlaufen sie nicht immer linear; manche Phasen können sich überschneiden, die Übergänge sind oft fließend.

Dieser Text wurde nach freier Übersetzung und mit kleineren Abänderungen von Gregory H. Stanton, Präsident von Genocide Watch, übernommen.

KZ Sachsenhausen

# 1. Klassifizierung

In allen Kulturen und Sprachen teilt man Menschen und Objekte in Kategorien ein, um sie voneinander unterscheiden zu können. Klassifizierungen, wie z.B. Ethnizität, Rasse und Religion, sind immer vom Menschen geschaffene soziale Konstrukte, um „uns“ von den „anderen“ zu unterscheiden.

Diese Klassifizierungen können sehr krass und organisiert ausfallen, wie z.B. die Nürnberger Gesetze der Nazis oder die Rassentrennungsgesetze in Amerika und Südafrika.

Rassistische Gesellschaften verbieten oft Ehen zwischen den Gruppen oder sehen Rassenmischung als illegal an. Oft sind solche bipolaren Gesellschaften vorrangig von Völkermord betroffen.

Prävention: In dieser Phase sollten universelle Institutionen geschaffen werden, zu denen jeder unabhängig von Hautfarbe, Rasse oder Ethnizität Zutritt hat und aktiv mitgestalten kann. Soziale Grenzen sollten überwunden werden und Toleranz und Verständnis gelehrt und gelebt werden. In dieser Phase ist es besonders wichtig, Gemeinsamkeiten zwischen den Gruppen zu finden.

# 2. Symbolisierung

Namen, Symbole oder optische Merkmale werden oft eingeführt, um die Gruppen zu markieren, wie z. B. die Hautfarbe, Stammesnarben oder bestimmte Kleidungen. Oft verlangen die Regierungen in der Vorbereitungsphase, dass diese Gruppen bestimmte Symbole oder Kleidung tragen, um sie besser identifizieren zu können. Nicht selten werden diese Symbole diesen Gruppen aufgezwungen. So mussten die Juden im Dritten Reich einen gelben Stern an ihrer Kleidung tragen, in Kambodscha die Leute aus der Ostzone einen blauen Schal.

Prävention: Hassreden und Hasssymbole sollten rechtlich verboten werden.

# 3. Diskriminierung

Die dominierende Gruppe nutzt Gesetze, Sitten und politische Macht, um die Rechte der anderen Gruppe abzuerkennen. So werden ihnen z.B. die Bürgerrechte oder die Staatsangehörigkeit aberkannt. Den Juden in Nazideutschland wurde beispielsweise die Staatsangehörigkeit aberkannt und gleichzeitig verboten, in der Regierung oder an Universitäten zu arbeiten.

Prävention: Es muss sichergestellt werden, dass allen Menschen in einer Gesellschaft dieselben Rechte zustehen und sie politisch beteiligt und bevollmächtigt werden. Diskriminierungen auf Grund der Nationalität, Ethnizität, Rasse oder Religion müssen rechtlich verboten und Personen die Möglichkeit geboten werden, den Staat, Unternehmen oder andere Personen zu verklagen, wenn diese ihre Rechte verletzt haben.

# 4. Entmenschlichung

Erst wenn die Phase der Entmenschlichung dazu kommt, sind Klassifizierung und Symbolisierung ernsthafte Anzeichen eines Völkermordes. In dieser vierten Phase wird der Opfergruppe jegliche Menschlichkeit abgesprochen, um eine moralische Hemmschwelle zu beseitigen. Den Tätern wird somit verdeutlicht, dass das Töten keine Konsequenzen hat. Oft werden für die Opfer Tiernamen gewählt (Ratten, Parasiten, Kakerlaken), oder sie werden als Abschaum, Krankheit, Infektion oder als Krebs der Gesellschaft bezeichnet. Daher werden die Opfer meist nicht nur getötet, sondern auch verstümmelt, um ihnen den letzten Rest Menschlichkeit zu nehmen. Hasspropaganda wird in den Medien verbreitet.

Prävention: Nationale und internationale Politiker und führende Personen sollten Hassreden verurteilen und sie als kulturell inakzeptabel stigmatisieren. Über Personen, die zum Völkermord aufrufen, sollte ein internationales Reiseverbot verhängt, ihre Konten in fremden Ländern eingefroren werden. Hassverbrechen und Gewalttaten sollten sofort bestraft werden.

# 5. Organisation

Ein Genozid wird nie von einer einzelnen Person ausgeführt, er wird meist durch den Staat organisiert, welcher wiederum Milizen nutzt, um sich der Verantwortlichkeit zu entziehen. Diese Phase der Organisation muss nicht komplex und bis ins kleinste Detail durchdacht sein – einfache Strukturen reichen hier aus. Ein derart organisiertes und bürokratisches Vorgehen wie bei den Nazis ist eher die Ausnahme. Die Organisation von Gruppen kann formlos sein oder auch dezentralisiert (Terrorgruppen). Oft ziehen auch sogenannte Todesschwadronen durchs Land, die auf Massenmord spezialisiert sind und alle Angehörigen der „Tätergruppe“ zur Teilnahme zwingen.

Prävention: Die UN muss ein Waffenembargo über Regierungen und Bürger verhängen, die an Massakern teilnehmen. Eine Mitgliedschaft in der Miliz sollte illegal sein, und den Führern sollten jegliche Visa für internationale Reisen versagt werden. Weiterhin müssen Kommissionen ins Leben gerufen werden, welche die Verbrechen untersuchen.

Genozid Völkermord

# 6. Polarisierung

Hasspropaganda wird verbreitet, um zu polarisieren. Eventuell werden Gesetze eingeführt, die eine Heirat oder soziale Interaktion zwischen den Gruppen verbieten. Zuerst werden moderat eingestellte Menschen und ihre Familien, welche Mord und Extremismus ablehnen, vernichtet. Dadurch führen die Extremisten die Polarisierung soweit voran, bis Friedensverhandlungen nicht mehr möglich sind.

Prävention: Sicherheitsschutz für moderate Führer und Menschenrechtsgruppen muss geleistet werden. Das Vermögen der Extremisten sollte beschlagnahmt und Visa für internationale Reisen versagt werden. Putschversuche der Extremisten sollten mit internationalen Sanktionen bestraft werden.

# 7. Vorbereitung

Gruppenführer planen die „Endlösung“. Oft benutzen sie dafür Euphemismen, um ihr wahres Vorhaben zu umschreiben. So wird oft von „Ethnischer Säuberung“, „Reinigung“ oder von „Terrorismusbekämpfung“ gesprochen. Armeen werden gebildet, Waffen gekauft und Soldaten ausgebildet. Der Bevölkerung wird glaubhaft gemacht, dass die Opfergruppe eine große Gefahr darstellt, die Behauptung „Wenn wir sie nicht umbringen, dann bringen sie uns um!“ wird propagiert.

Prävention: In dieser Phase müssen internationale Waffenembargos erlassen und Kommissionen eingesetzt werden, die dieses Embargo überwachen und durchsetzen. Anstiftung und Verschwörung zum Völkermord muss unter Artikel 3 der Genozid-Konvention bestraft werden.

# 8. Verfolgung

In dieser Phase werden die Opfer identifiziert und aussortiert auf Grund ihrer Rasse, Ethnizität oder Religion.

Todeslisten werden erstellt, die Opfer zwangsenteignet und möglicherweise dazu gezwungen, gewisse Identifikationssymbole zu tragen. Es ist möglich, dass die Opfer an bestimmte Orte wie z.B. Ghettos oder in Konzentrationslager deportiert oder in eine von einer Hungersnot betroffene Region abgeschoben werden. Die Massaker beginnen.

Prävention: Die internationale Gemeinschaft muss den Notstand ausrufen und ihr Eingreifen verkünden. Die Großmächte, regionale Verbände oder der UN-Sicherheitsrat sollten eine international bewaffnete Intervention in Gang bringen oder die Opfergruppe auf ihre Selbstverteidigung vorbereiten und sie darin unterstützen. Die UN und andere Organisationen sollten sich auf die humanitäre Notsituation in der Region vorbereiten und Flüchtlingslager aufbauen.

# 9. Vernichtung

In dieser Phase wird die endgültige Vernichtung der Gruppe umgesetzt und die Menschen abgeschlachtet. Man redet in dieser Phase von Vernichtung und nicht von Mord, denn die Opfer sind in den Augen der Täter keine Menschen mehr. Die gesamte Gruppe wird ausgerottet, auch Kinder, Kranke und Alte werden nicht verschont. Die Toten werden geschändet, die Körper verstümmelt, verbrannt, in Massengräber geworfen oder einfach liegen gelassen.

Prävention: In dieser Phase kann nur noch ein schneller und energischer bewaffneter Eingriff der internationalen Gemeinschaft den Genozid stoppen. Sogenannte ‚Safe Havens‘, Sicherheitsbereiche, Flüchtlingslager und Fluchtkorridore müssen geschaffen werden mit stark bewaffnetem, internationalem Schutz. Die UN, EU, NATO oder andere regionale Streitkräfte sollten vom UN-Sicherheitsrat autorisiert werden, in den Konflikt einzugreifen. Sollte die UN handlungsunfähig sein, sollten die regionalen Allianzen dennoch in den Konflikt eingreifen, denn die internationale Schutzverantwortung übersteigt die Interessen eines einzelnen Staates, welcher seine Bevölkerung abschlachtet. Wenn die großen Staaten keine Streitkräfte zur Verfügung stellen wollen, dann sollten sie die regionalen Staaten finanziell, mit Ausrüstung oder durch Lufttransporte unterstützen.

# 10. Verleugnung

Auf jeden Völkermord folgt die Verleugnung. Massengräber werden zugeschüttet und versteckt, Leichen verbrannt, Aufzeichnungen vernichtet oder weggeschlossen, Augenzeugen eingeschüchtert, die Zahl der Todesopfer minimiert. Reporte werden als Propaganda abgetan und als Lügen bezeichnet. Es wird verleugnet, dass überhaupt irgendwelche Verbrechen begangen wurden, die Verantwortlichen schieben alle Schuld auf die Opfer. Untersuchungen werden geblockt.

Meist wird eine Diskussion angefangen, ob die Situation überhaupt unter die legale Definition von Genozid fällt, und argumentiert, dass es sich lediglich um einen Bürgerkrieg handelte. Allerdings schließen sich ein Völkermord und ein Bürgerkrieg nicht gegenseitig aus, denn obwohl ein Genozid auch in Friedenszeiten geschehen kann, so ist er doch oft in einen kriegerischen Kontext integriert.

Prävention: Um zukünftige Genozide zu verhindern, muss die Antwort auf einen Völkermord immer Gerechtigkeit heißen. Nur wenn die Täter bestraft werden und den Opfern Gerechtigkeit widerfährt, können die Menschen in die Zukunft blicken. Ohne eine Bestrafung werden die Opfer auf Rache drängen, und der Kreislauf des Mordens beginnt von neuem. Wenn eine Gräueltat wie diese ungestraft bleibt, öffnet sie die Tür zu weiteren Völkermorden.2

Schon Hitler sagte damals: „Wer redet heute noch von der Vernichtung der Armenier?“3

 

Quelle:

# Jones, A. (2010) Genocide- A Comprehensive Introduction. 2nd edition. London and New York: Routledge.

# Stanton, G.- The 10 Stages of Genocide (2013) Abrufbar unter: http://www.genocidewatch.org/genocide/tenstagesofgenocide.html (Stand 18.07.2014).

# Stanton, G.- The 8 Stages of Genocide (1996) Abrufbar unter: http://www.genocidewatch.org/aboutgenocide/8stagesofgenocide.html (Stand 18.07.2014).

# Spencer, P. (2012) Genocide since 1945 – Making of the Contemporary World. London and New York: Routledge.

1 Spencer (2012) S.30

2 Stanton, G. (1996 und 2013)

3 Jones(2010) S. 149

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