#Ge·no·zid·blogger e.V.
19 Sep 2016

Text: Corinna

#lebensunwertes Leben

Schon in der Weimarer Republik gab es die Forderung zur Einführung erbbiologischer Personenbögen, die Asylierung von Epileptikern, psychisch Kranker und Krimineller sowie die Sterilisation von „minderwertigem Leben“. Im Dritten Reich wurden Kranke und Menschen mit körperlicher und/oder geistiger Behinderung dann endgültig als „Parasiten am Volkskörper“ angesehen und als „lebensunwertes Leben“ abgestempelt. Unter dem Gesichtspunkt der „Rassenhygiene“ sollten Menschen mit diversen Krankheiten und fehlender sozialer Anpassungsfähigkeit ausgemerzt werden. Die NS-Rassenlehre stützte sich dabei auf den Sozialdarwinismus, welcher sich von Darwins Evolutionstheorie „Survival of the fittest“ – das Überleben der am besten angepassten Individuen – ableitete. Durch die Vernichtung lebensunwerten Lebens wollten die Nazis den natürlichen Ausleseprozess beschleunigen und somit das wahre Herrenvolk mit reiner und gesunder Erbsubstanz hervorbringen.

Behinderte JudenFoto: Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=6652471

Auf dieser Lehre basierend, erließ Hitler am 14. Juli 1933 das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“. Auf dessen Grundlage wurden tausende kranke und behinderte Menschen gegen ihren Willen und ihre Würde zwangssterilisiert. Vor allem Patienten, bei denen die Krankheiten Schwachsinn, Epilepsie, Schizophrenie und Psychopathie diagnostiziert wurden, wurden Opfer der eugenisch indizierten Sterilisation.

#die „Aktion T4“

Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs sahen die Nazis in behinderten und kranken Menschen nur noch unnütze Esser, die Platz wegnahmen und Geld kosteten. Schon am 18. August 1939 erließ das Reichsministerium des Innern einen vertraulichen Runderlass missgebildete und behinderte Neugeborenen unverzüglich zu melden. Am 09. Oktober 1939 gab Hitler das Ermordungsprogramm für lebensunwertes Leben in Auftrag. In einem Brief, welcher auf den 01. September 1939 zurückdatiert wurde, wies er den Arzt Dr. Karl Brandt (welcher gleichzeitig Generalkommissar für das Sanitäts- und Gesundheitswesen sowie SS-Gruppenführer und Generalleutnant der Waffen-SS war) und den Leiter der „Kanzlei des Führers“ Philipp Bouhler dazu an, die Befugnisse der Ärzte zu erweitern und den unheilbar Kranken den Gnadentod zu gewähren. Hitler bezeichnete die Tötung als „Akt der Erlösung“.

Schreiben HitlerFoto: Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3690975

Der Hauptsitz des „Reichsausschuß zur wissenschaftlichen Erfassung von erb- und anlagenbedingten schweren Leiden“ war in der Tiergartenstraße 4 in Berlin, daher der Name „Aktion T4“. Mitarbeiter der „Reichsgemeinschaft Heil- und Pflegeanstalten“ versandten ab sofort Meldebögen an alle Pflege- und Altenheime im Deutschen Reich, Österreich und den besetzten Gebieten. In diese Meldebögen mussten die Ärzte die Krankheitsgeschichte, Aufenthaltsdauer, Diagnose, Heilungsaussichten und Arbeitsfähigkeit aller Patienten eintragen. Eine Gruppe von Gutachtern in Berlin entschied dann auf Grundlage der Meldebögen über Leben und Tod.

Anschließend lieferte die „Gemeinnützige Krankentransportgesellschaft“ die zum Tode verurteilten in eine der sechs Tötungsanstalten in Grafeneck, Brandenburg, Hartheim, Sonnenstein/Pirna, Bernburg oder Hadamar ein. Allein in diesen Euthanasieanstalten wurden innerhalb einen Jahres 70.000 Erwachsene und Kinder mit Kohlenmonoxid vergast oder durch die Giftspritze hingerichtet. Die Leichen äscherte man sofort nach der Hinrichtung ein, so dass keine Obduktion mehr möglich war. Die Angehörigen erhielten später eine Sterbeurkunde mit gefälschten Angaben über die Todesursache und den Sterbeort.

KZ_Buchenwald_Verbrennungsofen_1945Foto: Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=9978650

#Protest & wilde Euthanasie

Obwohl das Programm im Geheimen operierte, kamen die Praktiken bald an die Öffentlichkeit und erzeugten starken Protest. Vor allem die Kirche protestierte vehement gegen die Tötung kranker und behinderter Menschen. Sie verurteilte öffentlich die Praktiken der Nazis, schrieb Briefe an das Reichsjustizministerium und den Reichsinnenminister und bildete Kommissionen. Nach einer besonders heftigen und öffentlichkeitswirksamen Predigt des Bischofs von Münster, Clemens August Graf von Galen, stellte Hitler am 24. August 1941 die Aktion T4 ein.

Allein in dem Zeitraum von Januar 1940 bis August 1941 sind wahrscheinlich bis zu 185.000 Menschen dem Euthanasieprogramm zum Opfer gefallen. Nach der offiziellen Einstellung des Programms in Deutschland und Österreich ging die Tötung jedoch weiter. Die sogenannte „wilde Euthanasie“ forderte noch einmal zirka 30.000 Tote. Neben geheim weitergeführte Tötungsaktionen in den KZs („Aktion 14f13“ – Vergasung von Behinderten und Invaliden) wurden vor allem behinderte Kinder in den Kinderfachabteilungen durch Medikamente getötet. Diese Medikamente verursachten Atemlähmungen, Kreislauf- und Nierenversagen oder Lungenentzündungen – „natürliche“ Todesursachen wurden so herbeigeführt.

Vor allem Personen mit Schizophrenie, Epilepsie, senilen Erkrankungen, Schwachsinn, Syphilis und Hirnhautentzündungen, aber auch geistig und körperlich Behinderte, Tuberkulosekranke und arbeitsunfähige Zwangsarbeiter wurden Opfer der Euthanasie (griech. guter/schmerzloser Tod). Es war ein Massenmord, der vor allem von Ärzten initiiert, geplant, durchgeführt und auch gerechtfertigt wurde. Schätzungen zu Folge sind bis zu 275.000 Menschen, die sich nicht bzw. kaum wehren konnten und besonders schutzbedürftig waren, durch das Euthanasieprogramm der Nazis ums Leben gekommen.

Quellen:

# Bundeszentrale für politische Bildung (2012) „Massenmord und Holocaust“ von Michael Wildt. Abrufbar unter: http://www.bpb.de/izpb/151942/massenmord-und-holocaust?p=all (Stand 10.09.16)

# Deutsches Historisches Museum (2015) „Euthanasie“ von Mirjam Husemann. Abrufbar unter: https://www.dhm.de/lemo/kapitel/der-zweite-weltkrieg/voelkermord/euthanasie.html (Stand 10.09.16)

# Klee, E. (2004) „Euthanasie“ im NS-Staat. 11. Auflage, Fischer-Taschenbuch: Frankfurt am Main

# planet-schule.de (2006) „Wissenspool Spuren der NS-Zeit. Hintergrund: Euthanasie“ von Sven Degenhardt. Abrufbar unter: https://www.planet-schule.de/wissenspool/spuren-der-ns-zeit/inhalt/hintergrund/euthanasie.html (Stand 09.09.16)

# planet-wissen.de (2016) „Euthanasie im Dritten Reich“. Abrufbar unter: http://www.planet-wissen.de/geschichte/nationalsozialismus/nationalsozialistische_rassenlehre/pwieeuthanasieimdrittenreich100.html (Stand 09.09.16)

#Rotzoll, M.; Fuchs, P.; Richter, P.; Hohendorf, G. (2010) „Die nationalsozialistische „Euthanasieaktion T4“ – Historische Forschung, individuelle Lebensgeschichten und Erinnerungskultur“ in „Der Nervenarzt“ Nr. 81; Seiten:1326–1332. Abrufbar unter: https://www.researchgate.net/profile/Paul_Richter2/publication/46394114_Nazi_Action_T4_Euthanasia_Programme_Historical_research_individual_life_stories_and_the_culture_of_remembrance/links/55f6e02508aec948c462fdb7.pdf (Stand 09.09.16)

# Schmuhl, H-W. (1992) „Rassenhygiene, Nationalsozialismus, Euthanasie. Von der Verhütung zur Vernichtung „lebensunwerten Lebens“ 1890–1945“. 2. Auflage. Vandenhoeck & Ruprecht: Göttingen

# WDR (2016) „Stichtag 09. Oktober 1939 – Das Euthanasie-Programm der Nazis läuft an“. Abrufbar unter: http://www1.wdr.de/stichtag/stichtag4424.html (Stand 09.09.16)

# Zukunft braucht Erinnerung (2014) „“Aktion T4“ – Systematischer Mord der Nazis an behinderten Menschen“ von Stefan Loubichi. Abrufbar unter: http://www.zukunft-braucht-erinnerung.de/aktion-t4-systematischer-mord-der-nazis-an-behinderten-menschen/ (Stand 10.09.16)

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