#Ge·no·zid·blogger
21 Sep 2015

#Der Genozid an den irakischen Kurden

Das kurdische Volk bildet die viertgrößte Gruppe im Mittleren Osten und war schon öfter Opfer grausamer Menschenrechtsverletzungen, z.B. in Dersim.

Zwischen dem irakischen Staat und den Kurden schwelte ein jahrzehntelanger Konflikt, der aber erst in Völkermord umschlug, als Saddam Husseins‘ Baath-Partei an die Macht kam.1

Foto: Saddam Hussein von Amir Farshad Ebrahimi/www.flickr.com/Creative Commons

Das Baath-Regime verbreitete Angst und Schrecken in der gesamten Gesellschaft. Mit Beginn der 1970’er Jahre implementierte Saddam Hussein eine Kampagne der „Arabisierung“. Zirka 250.000 Kurden wurden von ihrem angestammten Land vertrieben, da die Regierung die volle Kontrolle über Ölfelder, fruchtbares Weideland und weitere Bodenschätze in den kurdischen Regionen erlangen wollte.2

#Iran-Irak-Krieg 1980- 88

Viele der vertriebenen Kurden flohen in den Iran, den Saddam Hussein 1980 angriff. Die kurdische Bevölkerung verbündete sich in diesem brutalen Konflikt mit dem Iran. Dadurch war es Saddam Hussein möglich, seine lang geplante Vernichtung der Kurden durch eine militärische Verteidigungsaktion zu tarnen.3

1983 beging das Baath-Regime einen „Mini-Genozid“ gegen den Barzani-Klan, dessen Kopf ein historischer kurdischer Anführer war. Alle Männer im Alter zwischen sieben und 70 Jahren wurden umgebracht sowie zirka 8.000 weitere Familienmitglieder.4

AnfalFoto: Brian Hillegas/www.flickr.com/Creative Commons

#Anfal

Die Anfal-Kampagne gegen die irakischen Kurden lief vom 23. Februar bis 6. September 1988 und kostete zwischen 50.000 und 100.000 Zivilisten das Leben. Die Operation bestand aus acht Attacken in sechs verschiedenen Regionen. Es sollte die „Endlösung“ für das kurdischen Problem sein.5

Jede Attacke folgte dem gleichen Muster. Zuerst warf die Luftwaffe Senf- und Nervengas über kurdischen Städten sowie Peschmerga-Stützpunkten ab. Diesen Luftangriffen folgten militärische Blitzaktionen. Dabei drangen Bodentruppen und die jash (nationales Verteidigungsbattalion) in die kurdischen Dörfer ein und zerstörten alles, plünderten Privathaushalte, beschlagnahmten Weidetiere und brannten die Dörfer und das Weideland nieder. Sie verstreuten Landminen damit niemand in die Dörfer zurückkehren konnte. 4.000 von nicht ganz 5.000 Dörfern wurden dabei zerstört.6

Die Dorfbewohner wurden in Konzentrationslager deportiert, wo sie separiert, gefoltert und getötet wurden. Die Männer wurden meist sofort erschossen, Frauen, Kinder und Alte starben zumeist an Krankheiten und Hunger. Flüchtlinge wurden massenweise gefangen genommen und durch Schießtruppen sofort getötet. Zirka 1,5 Mio. Kurden wurden in sogenannte Modeldörfer (Konzentrationslager) deportiert; über 60.000 flohen aus dem Land.7

Es war das erste Mal in der Geschichte, dass ein Staat Chemiewaffen gegen das eigenen Volk einsetzte und über einer unwissenden Zivilbevölkerung abwarf. Tausende Menschen starben sofort, andere erlitten Haut- und Augenverbrennungen sowie Folgekrankheiten wie Krebs, Geburtsdefekte, Unfruchtbarkeit usw.8

Der erste große Einsatz von Senf- und Nervengas fand im März 1988 gegen die Stadt Halabja statt, allerdings außerhalb der Anfal-Kampagne. Zirka 5.000 Zivilisten starben sofort, 10.000 wurden verletzt und starben zumeist an Folgekrankheiten.9

AnfalFoto: Adam Jones/www.flickr.com/Creative Commons

#Täter

Die Befehle für die Anfal-Kampagne und den damit einhergehenden Völkermord gab Ali Hasan al-Majid (Chemie Ali), Gouverneur in den irakischen Nordprovinzen und Cousin Saddam Husseins. Er war mit „außerordentlichen Befugnissen“ ausgestattet, um das Kurdenproblem zu lösen.10

Ihm behilflich waren verschiedene Armee- und Sicherheitseinheiten, u.a.:

# 1. & 5. Einheit der irakischen Armee

# verschiedene Kommandoeinheiten

# Luftwaffe

# Republikanische Garde

# Amn (interne Staatssicherheit)

# Istikhabarat (militärischer Nachrichtendienst)

# Mukhabarat (Nachrichtendienst der Baath-Partei)

# Einheiten des Baath-Militärs11

Einige Kurden (jash) wurden zur Kollaboration gezwungen, aber sie besaßen nie das volle Vertrauen des Staates, denn sie verhalfen ihren Mitmenschen oft zur Flucht.12

#Amnestie

Am 6. September 1988 erklärte die irakische Regierung ihren Sieg über die Kurden und rief eine Generalamnestie aus. Demnach sollten die Gewaltakte gegen die kurdische Bevölkerung beendet und die Gefangenen befreit werden. Doch die Gewalt hielt weiterhin an. Die Frauen, Kinder und Alten wurden aus den KZ’s entlassen, aber fast keine Männer. Alle Kurden wurden in Regionen ohne Infrastruktur, Kompensierung oder Unterstützung zwangsumgesiedelt. Viele Menschen fielen dort Hunger und Krankheiten zum Opfer.13

Kurden AnfalFoto: Jan Sefti/www.flickr.com/Creative Commons

#Völkermord oder Verteidigungsaktion?

Die irakische Regierung bezeichnete Anfal als Verteidigungsaktion gegen die Peschmerga, aber das schließt nicht aus, dass es sich nicht auch um einen Genozid handelte. Ein Völkermord kann gemäß der Völkermordkonvention in Zeiten von Krieg und Frieden stattfinden. Tausende Zivilisten wurden getötet, Dörfer zerstört und Chemiewaffen eingesetzt. Gefangene wurden oft erst Tage oder Wochen später getötet, also nachdem die unmittelbare Gefahr durch einen Angriff beseitigt wurde. Diese Tatsachen sprechen gegen eine reine Verteidigungsaktion.14

Nach dem Ende des 1. Golfkriegs 1992 und der Festnahme Saddam Husseins 2003 wurden unzählige Dokumente beschlagnahmt, die belegen, dass das kurdische Volk vernichtet werden sollte. Das Baath-Regime hatte über seine Taten detailliert Buch geführt.

Diese Dokumente enthielten unter anderem folgende Aussagen von al-Majid: „(…) führt unplanmäßige Bombardierungen durch (…) zu jeder Tages- und Nachtzeit, um so viele Menschen wie möglich zu töten“ und „(…) die im Alter zwischen 15 und 70 Jahren müssen exekutiert werden“.15

Bei einem Meeting mit Human Rights Watch im Jahre 1991 wies al-Majid die Aussage zurück, dass zirka 180.000 Menschen während der Anfal-Kampagne getötet wurden – mit dem Argument, dass es nicht mehr als 100.000 waren.16

#Internationale Gemeinschaft

Nur wenige zeigten Interesse an dem kurdischen Fall. Die USA waren mit dem Iran beschäftigt und sahen Saddam Hussein sogar als Verbündeten in der Region an. Russland und China protestierten nicht gegen das Vorgehen des Baath-Regimes. Auch andere Länder der Region gingen nicht gegen den Genozid vor. Im Gegenteil: Arabische, türkische und iranische Nationalisten unterstützen das Vorgehen sogar, weil sie die Kurden ebenfalls als Problem ansahen.17

#Gerechtigkeit?

Nach dem Sturz des Baath-Regimes wurden Versuche unternommen Gerechtigkeit walten zu lassen, jedoch wurde Saddam Hussein niemals wegen des Genozids an den Kurden zur Rechenschaft gezogen. Stattdessen wurde er wegen der Exekution von 148 Shiiten der Oppositionspartei zum Tote verurteilt. Die Anfal-Anklage wurde nach seiner Exekution fallen gelassen. Al-Majid und weitere Täter wurden vom obersten irakischen Strafgerichtshof wegen Völkermordes verurteilt und exekutiert.18

Den detaillierten Human Rights Watch Report “Iraq’s Crime of Genocide: The Anfal Campaign against the Kurds.” findet ihr hier: www.hrw.org/reports/pdf/i/iraq.937/anfalfull.pdf

Quellen:

HRW (1993) „Human Rights Watch Introduction: Genocide in Iraq: The Anfal Campaign against the Kurds“ Abrufbar unter: http://www.hrw.org/reports/1993/iraqanfal/ANFALINT.htm (Stand: 30.08.2015)

Spencer, P. (2012) Genocide since 1945 – Making of the Contemporary World. London and New York: Routledge.

 

1 Spencer (2012) S. 78- 79
2 Spencer (2012) S. 78- 79
3 Spencer (2012) S. 78- 79
4 Spencer (2012) S. 78- 79
5 HRW (1993)
6 HRW (1993)
7 Spencer (2012) S. 80
8 Spencer (2012) S. 80
9 Spencer (2012) S. 80
10 Spencer (2012) S. 80- 81
11 Spencer (2012) S. 80- 81
12 Spencer (2012) S. 80- 81
13 HRW (1993)
14 HRW (1993)
15 Spencer (2012) S. 81
16 Spencer (2012) S. 81
17 Spencer (2012) S. 82
18 Spencer (2012) S. 82

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