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4 Mai 2015

#Massenmord an den Assyrern und Pontosgriechen

Die Massenmorde an den Assyrern und Pontosgriechen sind untrennbar mit dem Völkermord an den Armeniern verbunden. Das Ziel der Jungtürken war es, ein türkisches Großreich zu errichten, mit nur einer Sprache und einer Religion. All den nicht-muslimischen Minderheiten wurde der „Heilige Krieg“ (Dschihād) erklärt. Insgesamt wurden über 5 Mio. Christen vertrieben, islamisiert oder ermordet.

AssyrierFoto: David Holt/www.flickr.com/Creative Commons

#Seyfo – Genozid an den Assyrern 1914 – 1918

Der Völkermord an den Assyrern (auch bezeichnet als Aramäer, christliche Syrer, Chaldäer und Nestorianer) kommt in Ausmaß, Strategie und Brutalität etwa dem an den Armeniern gleich. Fast die Hälfte der assyrischen Bevölkerung starb durch Mord, Krankheiten, Hunger, Durst, Zwangsarbeit und Erschöpfung während des ersten Weltkriegs.

Die Heimat der Assyrer war seit etwa 3.000 v.Chr. der Norden Mesopotamiens (heute Irak). Assyrische Könige regierten nahezu 300 Jahre lang das bis dahin größte Imperium der Welt und errichteten die weltberühmten antiken Städte Aššur und Ninive.1 Sie waren aber auch im Südosten Anatoliens (Osmanisches Reich) ansässig. Zum Beginn des ersten Weltkriegs zählten sie noch rund 600.000 – 700.000 Menschen.2 Da sie Christen der ersten Stunde waren, ermordeten osmanische Krieger sie genauso kaltblütig wie die Armenier. Mindestens 250.000 Assyrer sollen bei dem Völkermord umgekommen sein, es gibt aber auch einige Wissenschaftler, die von mindestens 400.000 Toten ausgehen.3

Das Morden begann im Oktober 1914, erreichte seinen Höhepunkt an Grausamkeit aber erst in den Jahren 1915 und 1918. Soldaten des Osmanischen Reichs sowie kurdische und persische Milizen massakrierten, folterten, deportierten und entführten tausende Assyrer. Ziel war die komplette kulturelle und ethnische Zerstörung der osmanischen Christen. Die Brutalität der Massaker zeigte, welch sinnloser Hass sich in den Tätern aufgestaut hatte.

Die Christen wurden überall und auf jede erdenkliche Art und Weise getötet. Die meist waffenlosen und gefesselten Opfer wurden erschossen, erstochen, gesteinigt, zerquetscht, ertränkt, enthauptet, von Dächern geworfen, oder man schlitzte ihnen einfach die Kehlen auf. Gerüchten zufolge sammelten die Täter bestimmte Körperteile ihrer Opfer und bewahrten sie als Trophäen auf.4 Die dabei am häufigsten genutzte Mordwaffe war das Schwert – daher nennen die Assyrer den Massenmord auch Seyfo (das Schwert).5

Wie bei den Armeniern gehörten Mord, Plünderungen, Todesmärsche, Vergewaltigungen, Sklaverei und die Zerstörung von Kulturgütern zur grausamen Realität der Assyrer. Viele von ihnen flohen nach Persien und Mesopotamien, doch fast 65.000 starben auf der Flucht. Auch noch nach Ende des ersten Weltkriegs wurden sie aus ihren Häusern vertrieben und ihres Eigentums enteignet. Die meisten mussten in Flüchtlingslagern Schutz suchen. Noch heute leben ihre Nachkommen in diesen Flüchtlingsregionen im Kaukasus, Iran, Irak oder Syrien und werden immer wieder Opfer ethnischer Säuberungen.6

Genocide Memorial assyrians armeniansFoto: z@doune/www.flickr.com/Creative Commons

#Massenmord an den Pontosgriechen 1908 – 1923

Pontos ist das antike griechische Wort für „Meer“ und bezeichnet die Küstenregion des Schwarzen Meers, wo seit der frühen Antike viele Griechen siedelten. Ab 1461 gehörte die Region mit zum Osmanischen Reich, und die Pontosgriechen standen seitdem unter besonderem Druck, zum Islam zu konvertieren. Viele Jahrhunderte erlaubten es ihnen verschiedene geografische, ökonomische und historische Faktoren sowie ihr dynamischer Zusammenhalt, sich gegen diesen Druck zu wehren und ihre tief verwurzelten Traditionen, ihre unverwechselbare Kultur und ihren Dialekt zu behalten. Im 17. und 18. Jh. wurden jedoch etwa 250.000 Pontosgriechen gewaltsam zur Konvertierung gezwungen, woraufhin viele nach Russland und in den Kaukasus flohen.7

Wie auch die Armenier und Assyrer wurden die Pontosgriechen wegen ihres christlichen Glaubens zum Feind des türkischen Reichs erklärt, jedoch begann ihre brutale Verfolgung schon im Jahr 1908 und dauerte bis 1923 an. Auf den ersten Weltkrieg folgte unter Mustafa Kemal (ab 1934 „Atatürk“) der Griechisch-Türkische Krieg und leitete die intensivste Phase der Gewalt ein. Das CUP und Mustafa Kemal bedienten sich derselben Methoden wie bei den anderen beiden ethnischen Gruppen. Um die Pontosgriechen zu vernichten, sollten zuerst alle kampffähigen Männer eliminiert und dann die restliche Bevölkerung ins Landesinnere nach Kurdistan und Syrien deportiert werden. Auf dem Weg starben sie an Hunger, Durst, Erschöpfung, Krankheiten, etc. Viele Frauen und Kinder wurden vergewaltigt oder als Sklaven entführt. Kulturgüter und Religionsstätten wurden zerstört, Eigentum zwangsenteignet und Häuser niedergebrannt. Insgesamt starben Schätzungen zufolge bis zu 350.000 Pontosgriechen.8

„Die Armenier sind nicht das einzige Opfervolk in der Türkei, das unter der türkischen Politik (…) leidet. Die Geschichte, die ich über die Armenier erzählt habe, könnte ich mit ein paar bestimmten Änderungen auch über die Griechen und Syrer (Assyrer) erzählen. Die Griechen waren, in der Tat, sogar die ersten Opfer dieser nationalen Idee.“ – Henry Morgenthau, Augenzeuge und damaliger US-Botschafter

1923 endete der Griechisch-Türkische Krieg, und mit dem Vertrag von Lausanne wurde ein „Völkeraustausch“ zwischen den beiden Ländern vereinbart: alle Pontosgriechen wurden nach Griechenland zwangsumgesiedelt, was das Ende der antiken griechischen Zivilisation in der Schwarzmeerregion bedeutete.9

Quellen:

Atman, S. (2014) „Remembering the Assyrian Genocide: An Interview with Sabri Atman“, www.armenianweekly.com. Abrufbar unter: http://armenianweekly.com/2014/01/08/remembering-the-assyrian-genocide-an-interview-with-sabri-atman/ (Stand 24.03.15)

Jones, A. (2010) Genocide – A comprehensive Introduction. 2nd Edition. London and New York: Routledge.

Pontian Society of Chicago „Xeniteas“ (2006) „A Brief History of the Pontian Greek Genocide (1914- 1923)“. Abrufbar unter: http://www.stbasiltroy.org/pontos/pontoshistory.pdf (Stand 24.03.15)

Seyfo Center (2009) von Gaunt, D. „The Assyrian Genocide of 1915“, Abrufbar unter: http://www.seyfocenter.com/ (Stand 24.03.15)

Travis, H. (2006) „„Native Christians massacred“: The Ottoman Genocide of the Assyrians during World War 1“, Genocide Studies and Prevention: An International Journal: Vol. 1:Iss.3:Article 8. Abrufbar unter: http://scholarcommons.usf.edu/gsp/vol1/iss3/8/?utm_source=scholarcommons.usf.edu%2Fgsp%2Fvol1%2Fiss3%2F8&utm_medium=PDF&utm_campaign=PDFCoverPages (Stand 24.03.15)

1 Travis (2006) S. 328
2 Seyfo Center (2009)
3 Atman, S. (2014)
4 Jones (2010) S. 161 – 162
5 Atman, S. (2014)
6 Jones (2010) S. 162
7 Pontian Society of Chicago „Xeniteas“ (2006)
8 Pontian Society of Chicago „Xeniteas“ (2006)
9 Pontian Society of Chicago „Xeniteas“ (2006)

 

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