#Ge·no·zid·blogger
7 Sep 2015

#Geschichte

Auf Grund von religiösen Konflikten in Britisch-Indien wurde 1947 der Muslimstaat Pakistan gegründet, wobei das Land aus zwei geografisch voneinander getrennten Landesteilen bestand. Westpakistan (heute Pakistan) und Ostpakistan (heute Bangladesch) waren nicht nur durch das zwischengelagerte Indien räumlich etwa 1.600 km voneinander getrennt, sondern auch religiös und ethnisch gespalten. In Pakistan lebten überwiegend Muslime, Bangladesch hingegen beherbergte zwischen 10 und 12 Mio. Hindus (13% der Bevölkerung) und überwiegend bengalisch sprechende Muslime.1

Bangladesch-Pakistan

#Differenzen

Es bestanden viele linguistische, kulturelle und ethnische Differenzen. Pakistanische Muslime sahen die bengalischen Muslime als minderwertig an, weil sie angeblich zu sehr von der hinduistischen Kultur und Bevölkerung beeinflusst wurden. Die Militärdiktatur Pakistans intervenierte regelmäßig in Bangladesch, um die Bevölkerung und deren Willen zu unterdrücken. Viele Studenten und Bürger begannen, sich gegen die Diktatur Pakistans zu wehren, aber dies wurde nur mit noch mehr Restriktionen beantwortet. Daraufhin gründete sich die Awami-Liga, um die bengalischen Interessen zu schützen.2

#Endlösung

Bei den Wahlen im Dezember 1970 und im März 1971 gewann die Awami-Liga fast alle Sitze in der Nationalversammlung und war de facto zur führenden Partei Pakistans aufgestiegen. Da sich die Partei für die Unabhängigkeit Bangladeschs aussprach, war sie für die Militärdiktatur Pakistans inakzeptabel. Nach nur kurzen und eher halbherzigen Verhandlungen verbot der pakistanische Präsident Yahya Khan die Awami-Liga. Parallel dazu begannen die Generäle des pakistanischen Militärs, einen Völkermord zu planen, um die Unabhängigkeit Bangladeschs zu verhindern. Präsident Yahya Khan sprach am 22.02.1971 von der Endlösung: „Wir müssen 3 Mio. von ihnen töten, dann wird der Rest uns aus der Hand fressen“.3

BangladeschFoto: Adnan Islam/www.flickr.com/Creative Commons

#Operation Searchlight

Im März 1971 startete das pakistanische Militär die Säuberungskampagne „Operation Searchlight“, um die politische und militärische Opposition Bangladeschs zu zerstören. Alle ausländischen Journalisten wurden des Landes verwiesen. In der Nacht vom 25.03.1971 fiel das Militär in die bengalische Hauptstadt Dhaka ein und tötete fast 7.000 Menschen. Die Opfer waren überwiegend Studenten und Intellektuelle, Awami-Mitglieder, Bengalen, Hindus und Polizisten. Doch statt sich einschüchtern zu lassen, erklärte Bangladesch am nächsten Tag die Unabhängigkeit von Pakistan.4

Ad-hoc wurde eine Armee gegründet, aber diese war nicht dazu im Stande, das pakistanische Militär aus dem Land zu verdrängen. Das führte zu Chaos, Vertreibung und unzähligen Toten. Nahezu 30 Millionen Menschen flohen aus den Städten aufs Land, über 10 Millionen nach Indien. Während die bengalische Armee unkoordinierte Gegenangriffe durchführte, verübte das pakistanische Militär Massenmorde.5

Bangladesch 3Foto: joiseyshowaa/www.flickr.com/Creative Commons

Junge, kampffähige Männer wurden verhaftet, gefoltert und getötet. Ihre Leichen fand man in den Felder und Flüssen. Die Täter überprüften, ob die Jungen und Männer wie „ordentliche Muslime“ beschnitten waren. Waren sie es, dann durften sie meistens weiterleben, waren sie es nicht, bedeutete das den sicheren Tod. Todeslisten mit Namen von Hindus und Intellektuellen wurden abgearbeitet, ganze Dörfer ausgerottet.6

Massenvergewaltigungen an Frauen und Mädchen wurden als Kriegswaffe eingesetzt. Zwischen 200.000 und 400.000 Frauen zwischen 8 und 75 Jahren wurden zu Hause, vor den Augen ihrer Familien oder in Vergewaltigungscamps missbraucht.7

Daraufhin setzte Bangladesch immer mehr Guerillatruppen ein und bat die Internationale Gemeinschaft um Hilfe. Indien war mit den 10 Mio. Flüchtlingen überfordert und begann aus Angst vor der Destabilisierung der Region, die bengalischen Truppen zu unterstützen. Pakistan griff daraufhin Indien an und startete somit einen Krieg zwischen den beiden Ländern. Letzten Endes ergab sich Pakistan am 16.12.1971, und Indien konnte dem Völkermord ein Ende setzen.

Bangladesh 2Foto: Nasir Khan/www.flickr.com/Creative Commons

# Ein Krieg zwischen den Reinen und den Unreinen

Insgesamt wurden in dem neunmonatigen Konflikt rund 3 Mio. Menschen getötet und über 40 Mio. zur Flucht gezwungen.8 Die Gewalt der pakistanischen Militärs konzentrierte sich von Anfang an nicht nur auf die bengalischen Rebellen, sondern auch gegen Zivilisten und eskalierte umgehend. Ganze Dörfer wurden zerstört, Massenexekutionen und -vergewaltigungen standen auf der Tagesordnung. Obwohl der Fokus der Zerstörung hauptsächlich auf den Hindus lag, so war die Mehrheit der Opfer bengalische Muslime, denn diese wurden als anders und minderwertig angesehen. Sie waren angeblich zu weich, zu tolerant und zu säkular.9 Pakistan versuchte, einen homogenen Staat mit loyalen und gläubigen Muslimen zu konstruieren.10

„Ein Krieg zwischen den Reinen und den Unreinen. Die Menschen hier haben vielleicht muslimische Namen und nennen sich selbst Muslime, aber im Herzen sind sie Hindus. Wir sortieren sie jetzt aus… diejenigen, die übrig bleiben, werden wahre Muslime sein.“11

Die pakistanische Armee schaffte es, verschiedene Gruppen zu mobilisieren, darunter Polizisten, fundamentalistische Muslime und Kriminelle. Doch all diese Täter entgingen bis heute einer Strafe, denn dem Völkermord folgten politische Unruhen und ein „nationales Vergessen“. Indien brachte den Fall zwar wegen der Verletzung der Völkermordkonvention vor den Internationalen Gerichtshof (≠ Internationale Strafgerichtshof), zog aber auf Grund eines diplomatischen Abkommens mit Pakistan die Anklage wieder zurück.12

Bangladesch 2Foto: Enamur Reza/www.flickr.com/Creative Commons

#Internationale Gemeinschaft

Die internationale Gemeinschaft wollte den Konflikt nicht als Völkermord ansehen, sondern eher als Sezessionskrieg. Die USA unterdrückten sogar interne Reporte, die behaupteten, es würde sich um einen Genozid handeln. Allerdings blieben auch die bekannten US-Kritiker im Fall von Bangladesch eher zurückhaltend, vermutlich, weil die USA keine prominente Rolle in dem Konflikt spielten.13

Bangladesch bat die Weltgemeinschaft mehrmals um Hilfe, und Indien appellierte an die UN zu intervenieren, doch diese sah die Souveränität Pakistans als höchste Priorität an. Dabei bekam Pakistan Unterstützung von nicht-arabischen muslimischen Staaten, den USA und China. Indien war letztendlich der einzige Staat, der den Bengalen zur Seite stand und wurde dafür scharf kritisiert.14

Quellen:

www.combatgenocide.org Bangladesh 1971. Abrufbar unter: http://combatgenocide.org/?page_id=88 (Stand 17.08.2015)

www.genocidebangladesh.org Bangladesh Genocide Archive: Genocide. Abrufbar unter: http://www.genocidebangladesh.org/ (Stand 17.08.2015)

www.genocidewatch.org The 1971 Bangladesh Genocide. Abrufbar unter: http://www.genocidewatch.org/bangladesh.html (Stand 17.08.2015)

Spencer, P. (2012) Genocide since 1945 – Making of the Contemporary World. London and New York: Routledge.

1 Genocidewatch.org
2 Genocidewatch.org
3 Combatgenocide.org
4 Spencer (2012) S. 63
5 Genocidewatch.org
6 Genocidebangladesh.org
7 Spencer (2012) S. 64
8 Genocidewatch.org
9 Spencer (2012) S. 63 – 64
10 Spencer (2012) S. 64 – 65
11 Spencer (2012) S. 65
12 Genocidebangladesh.org
13 Spencer (2012) S. 64
14 Spencer (2012) S. 65 – 66

 

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