#Ge·no·zid·blogger e.V.
16 Nov 2015

#Blutige Geschichte

Menschenrechtler und Politiker sind in Sorge um Burundi. In dem kleinen zentralafrikanischen Land ist die Situation sehr angespannt. Seit den Wahlen im April 2015 sind bereits über 240 Menschen bei Protesten gestorben und auch der Hohe Kommissar der Vereinten Nationen für Menschenrechte Zeid Ra‘ad Al Hussein spricht von einer großen Menschenrechtskrise in Burundi. Erste Experten fragen sich, ob nicht ein erneuter Völkermord bevorsteht.

BurundiFoto: Christine Vaufrey/www.flickr.com/Creative Commons

Diese Angst ist nicht ganz unbegründet, liest sich die blutige Geschichte Burundis in kurz doch etwa so: 1965 töten die Hutu die Tutsi, 1966 und 1969 töten die Tutsi die Hutu, zudem töten sich die Tutsi zwischen 1966 und 1972 gegenseitig, 1972 töten die Hutu wieder die Tutsi und etwas später die Tutsi die Hutu, 1988 töten die Tutsi erneut die Hutu und 1993 töten sich die beiden Gruppen gegenseitig. In dieser turbulenten Geschichte sticht vor allem das Massaker von 1972 mit zirka 150.000 bis 300.000 Toten hervor.

#Kontext

Burundi liegt in Zentralafrika, ist ziemlich klein, überbevölkert und arm. Die Bevölkerung setzt sich zu ca. 84 % Hutu, 15 % Tutsi und 1% Twa zusammen. Die Stämme der Hutu und Tutsi entstammen derselben Ethnie, sprechen dieselbe Sprache und teilen sich eine Kultur und Religion. Und doch gibt es Spannungen zwischen den zwei Gruppen, was sich unter anderem auf die Kolonialherrschaft des Deutschen Reichs (1896 – 1916) und Belgiens (1916 – 1962) zurückführen lässt.1

Die Deutschen begannen, die Bewohner ihrer Kolonien zu klassifizieren. Alle Afrikaner, die „europäisch“ aussahen, wurden als Nachkommen des biblischen Ham (Sohn Noahs) und somit als schlauer und geschickter angesehen. Nach dem Ende des 1. Weltkriegs übernahm Belgien die Kolonialherrschaft über Burundi von Deutschland. Die neuen Kolonialherren sahen in den Tutsi die „europäische Rasse“ und setzten sie in offizielle Ämter und Posten ein, während sie den Hutu die höhere Schulbildung verboten. Im nächsten Schritt wurden Pässe eingeführt, welche die Bewohner offiziell in Hutu und Tutsi kategorisierten. Zur Klassifizierung war unter anderem die Nasengröße ausschlaggebend: so hatten Tutsi angeblich eine 55,8 mm lange und 38,7 mm breite Nase, die der Hutu hingegen war nur 52,4 mm lang, dafür aber 43,2 mm breit. Im Ergebnis wurden 84% der Bevölkerung als Hutu klassifiziert, 15% als Tutsi und 1% als Twa.2

BurundiFoto: Christine Vaufrey/www.flickr.com/Creative Commons

#Hutu-Aufstand von 1965

Am 19.10.1965 kam es zu einem Hutu-Aufstand der Gendarmerie und Armee, um das Tutsi-Regime zu Fall zu bringen. Die Aufständischen stürmten den königlichen Palast und lösten damit eine Welle ethnischer Gewalt aus. Hutu-Banden begannen, unschuldige Tutsi-Zivilisten zu töten. König Mwambutsa floh in die Schweiz; hunderte Menschen wurden getötet. Als Antwort darauf verhaftete die Tutsi-Regierung 38 Hutu-Offiziere und 10 Politiker, die erschossen wurden. 86 weitere Todesurteile verhängten diverse Ad-hoc-Militärgerichte gegen Hutu-Rebellen.3

#Massengewalt von 1966 & 1969

1966 erlangte Burundi die Unabhängigkeit und beendete zugleich die konstitutionelle Monarchie. Der Nachfolgekönig Ntare V. floh nach Europa, und die Tutsi übernahmen die volle Kontrolle über die Regierung und Armee; den Hutu wurde der Zugang zum Staatsdienst verwehrt.

Als im September 1969 Gerüchte über einen erneuten Hutu-Aufstand aufkamen, exekutierte die Tutsi-Regierung mehrere Hutu-Persönlichkeiten, sodass es keine Anführer mehr für einen möglichen Aufstand gab. Gleichzeitig schwelte aber auch seit 1966 ein inter-ethnischer Konflikt zwischen den Banyaruguru-Tutsi und den Hima-Tutsi, welcher das Land fast in der Anarchie versinken ließ.4

#1972 – Zwei Völkermorde?

1972 kam es zum Ausbruch monatelanger, brutaler und exzessiver Massenmorde. Dabei lassen sich die Täter nicht ganz einfach benennen, gab es doch eigentlich zwei Völkermorde.

Am 29.04.1972 kam es auf Grund der Unterdrückung und Diskriminierung der Hutu zu einem erneuten Aufstand. Die Rebellen erlangten die Kontrolle über die Stadt Rumonge in Westburundi und befahlen den Hutu in der Region, alle Tutsi umzubringen; wer sich weigerte, wurde selbst getötet. Zirka 1.000 Tutsi-Zivilisten, Beamte und Soldaten wurden in den folgenden Tagen umgebracht. Die Rebellen kontrollierten in sehr kurzer Zeit einen ca. 70 km langen Streifen entlang des Tanganjika-See von Rumonge bis Nyanza Lac, welchen sie zur Unabhängigen Republik Martyazo ausriefen.5

BurundiFoto: Cliff/www.flickr.com/Creative Commons

Nach nur ein paar Tagen gelang es der Regierungsarmee, den Hutu-Aufstand niederzuschlagen. Der Tutsi-Präsident Michel Micombero ordnete die Ermordung des aus dem Exil zurückgekehrten König Ntare V. an, und der burundische Außenminister Artémon Simbabaniy erteilte am 12.05.1972 der extremistischen Jugendbewegung „Jeunesses Révolutionnaieres Rwagasore“ (JRR) die Erlaubnis zum Töten. Noch am selben Tag wurden alle Hutu-Mitglieder der JRR abgeschlachtet und Todeslisten erstellt. Alle Kommandeure der Polizei und Armee wurden angehalten, ihre Unterstellten mit Hutu-Abstammung zu töten. Über 300 Polizisten und 750 Soldaten wurden an diesem Tag umgebracht. Die nächsten Ziele waren alle Priester, Staatsbeamten, Lehrer, Professoren, Studenten und Schüler. Selbst Grundschüler wurden nicht verschont. Tausende Hutu wurden getötet.6

„Es heißt, dass 12 Hutu-Priester umgebracht wurden und tausende protestantische Pastoren, Schuldirektoren und Lehrer.“7

Tutsi-Schüler erstellten Listen mit den Namen ihrer Klassenkameraden und misshandelten sie. Nicht selten wurden die Opfer von ihren eigenen Freunden zu Tode geprügelt. Mitglieder der Armee und JRR erschienen in den Klassenräumen und nahmen alle Hutu-Schüler mit – sie wurden nie wiedergesehen. Jeder Tutsi, der sich wehrte oder weigerte, an der Gewalt teilzunehmen, wurde selbst umgebracht.8

„Den Tutsi-Mädchen wurden Bambushölzer gegeben. Sie sollten mit diesen töten, indem sie diese Bambushölzer von unten (Vagina) bis zum Mund rammten. Es ist ein Verbrechen gegen das Gesetz Gottes.“9

Alle gebildeten Hutu sollten systematisch ausgerottet werden, um die Macht der Tutsi zu sichern. Für sie war es die einzig logische Konsequenz, um ihr eigenes Überleben zu sichern. Und der Plan ging auf. Ende August 1972 gab es zwischen 150.000 und 300.000 Tote und unzählige Flüchtlinge. Alle gebildeten Hutu in Burundi waren tot, was für etwa 16 Jahre den Frieden sicherte.10 Alle Posten in der Regierung, Verwaltung, Armee und Wirtschaft wurden mit Tutsi besetzt.11

„Wenn du ein Student bist, ist das ein Grund, dich umzubringen; wenn du reich bist, ist das ein Grund; wenn du ein Mann bist, der sich traut ein wahres Wort an die Gemeinschaft zu richten, ist das ein Grund, dich umzubringen. Kurz gesagt, es ist Rassenhass.“12

Bis heute hat das Land keine Versuche unternommen, die Geschehnisse von 1972 aufzuarbeiten. Eher wurde es aus dem kollektiven Gedächtnis Burundis gestrichen.13

RuandaFoto: configmanager/www.flickr.com/Creative Commons

#Internationale Gemeinschaft

Die internationale Gemeinschaft zeigte im Fall Burundis nichts Anderes als politisches Desinteresse. Nicht einmal die Medien interessierten sich groß für den Völkermord. In ihren Augen versuchte die Regierung lediglich, einen blutigen Aufstand niederzuschlagen, um wieder Recht und Ordnung herzustellen. Dass die Antwort auf den Aufstand viel zu brutal und exzessiv war, schienen sie hierbei zu ignorieren, obwohl z.B. die USA Kenntnisse über die Lage im Land hatten.14

„Was auf jeden Fall ein Völkermord ist, dauert fort. Rund um die Uhr werden Menschen verhaftet, und die Liquidierung der Hutu schreitet fort. Katholische Priester sind immer mehr angeekelt. Geschichten, die einen krank machen, erreichen uns jeden Tag; viele Hutu werden lebend begraben (…) Die Hauptwaffe für Exekutionen ist der Vorschlaghammer (…) Es gibt tausende Tote (…).“15 – Michael Hoyt, damaliger Stellvertretender Botschafter der US-Botschaft in Burundi

#Erneute Gewaltausbrüche 1988 & 1993

1988 kam es zu erneuten Gewaltausbrüchen zwischen den Ethnien in den Regionen Ntega und Marangara. Es wurden Gerüchte gestreut, dass die Tutsi einen erneuten Angriff auf die Hutu planen würden. Um diesem Plan zuvorzukommen, töteten Hutu-Rebellen hunderte Tutsi-Zivilisten. Daraufhin rückte das Militär aus und veranstaltete ein Blutbad unter der Hutu-Bevölkerung. Es gab geschätzte 20.000 bis 30.000 Tote und über 40.000 Flüchtlinge. Diesmal zeigte sich die internationale Gemeinschaft geschockt und reagierte mit politischem Druck und Sanktionen.

BurundiFoto: Dave Proffer/www.flickr.com/Creative Commons

1993 fanden im Zuge der Reformen erstmals demokratische Wahlen statt. Die Hutu-Partei Hutu Front des Démocrates du Burundi gewann die Wahl, und ein Hutu wurde erstmals Präsident von Burundi. Die Tutsi wurden infolgedessen „entthront“ und hatten nun Angst um ihre Existenzgrundlage. Tutsi-Extremisten sahen in der Hutu-Herrschaft eine Gefahr und töteten am 21.10.1993 den Hutu-Präsidenten Melchior Ndadaye.

Die blutige Antwort der Hutu ließ nicht lange auf sich warten, und der ganze Vorfall entwickelte sich zu einer regelrechten Orgie der Gewalt. Etwa 25.000 Tutsi wurden von Hutu-Milizen, aber auch von Nachbarn und Freunden abgeschlachtet. Die Armee reagierte daraufhin wenig zimperlich.16 Der sich daraus entwickelnde Bürgerkrieg dauerte bis August 2005 an und forderte bis zu 300.000 Leben.

Quellen:

Lemarchand, R. (2009) „The Burundi Genocide“ in Century of Genocide, 3. Ausgabe, S. 406 – 427. Taylor and Francis, Inc. Abrufbar unter: https://tandfbis.s3.amazonaws.com/rt-media/pdf/9780415871921/chapter10_theburundi_genocide.pdf (Stand 02.11.15)

Lemarchand, R. (2008) „The Burundi Killings of 1972“ in Online Encyclopedia of Mass Violence, S. 1 – 11. Abrufbar unter: http://www.massviolence.org/the-burundi-killings-of-1972 (Stand 02.11.15)

Neuffer, E. (2003) The Key to my neighbour’s house – Seeking justice in Bosnia and Rwanda. London: Bloomsbury

Publishing Plc.

www.combatgenocide.org „Burundi 1972“. Abrufbar unter: http://combatgenocide.org/?page_id=893 (Stand 02.11.15)

1Lemarchand, R. (2008) S. 2
2Neuffer, E. (2003) S. 88 – 89
3Lemarchand, R. (2008) S. 3
4Lemarchand, R. (2008) S. 3
5www.genocidewatch.org
6Genocidewatch.org
7Lemarchand, R. (2009) S. 413
8Lemarchand, R. (2009) S. 413
9Lemarchand, R. (2009) S. 422
10Lemarchand, R. (2009) S. 414
11Lemarchand, R. (2009) S. 407
12Lemarchand, R. (2009) S. 423
13Lemarchand, R. (2009) S. 406
14Lemarchand, R. (2009) S. 415
15Lemarchand, R. (2008) S. 7
16Lemarchand, R. (2009) S. 417 / 418

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