#Ge·no·zid·blogger e.V.
22 Mai 2018

Text: Lea

#Der andere deutsche Völkermord

Kürzlich habe ich von der Kommentarfunktion unter einem Zeitungsartikel bei Facebook Gebrauch gemacht. Dies habe ich sehr schnell bereut, als die Sprache auf den Völkermord an den Herero und Nama kam. Mir antwortete jemand, es habe keinen Völkermord an den Herero und Nama gegeben – die Deutschen hätten nicht die Intention gehabt, die ethnischen Gruppen der Herero und Nama auszulöschen und dazu sei es weiterhin auch nicht gekommen. Dies entspringt einem abstrusen historischen Verständnis. Verschiedene inhaltliche Aspekte, über die ich gerne schreiben möchte, spiegeln sich im Ansatz jedoch in der Aussage des Kommentators wider.

Foto: „Surviving Herero c1907“ von Unbekannt – Galerie Bassenge. Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons

#Handelte es sich um einen Völkermord an den Herero und Nama?
Wenn es darum geht, einen Völkermord nachzuweisen, ist der strittigste Aspekt tatsächlich häufig die Frage nach der „Absicht“. Gerade so, wie der eingangs zitierte Mensch die Frage aufbrachte, ob die Deutschen – entsprechend der Definition von Völkermord, welche in Artikel 2 der UN-Völkermordkonvention zu finden ist – die Absicht hatten, die ethnischen Gruppen der Herero und Nama „ganz oder teilweise zu zerstören“. Unter Wissenschaftler*innen wurde/wird ebendies durchaus kontrovers diskutiert. Es liegen jedoch zahlreiche historische Dokumente vor, welche uns das Geschehen in den Jahren 1904 bis 1908 rekonstruieren lassen: die Niederschlagung des Herero- und Nama-Widerstandes gegen die deutsche Kolonialmacht im damaligen Deutsch-Südwestafrika sowie ein systematisches Töten (u.a. Verhungern und Verdursten in der Omaheke-Wüste) von 40.000 – 60.000 Herero und etwa 10.000 Nama.

Verschiedene Dokumente, welche u.a. die vielzitierte Aussage von Generalleutnant Lothar von Trotha, „Ich glaube, dass die Nation als solche vernichtet werden muss (…).“[1], einschließen, legen schließlich in aller Grausamkeit sehr nahe, dass die Absicht bestand, die ethnischen Gruppen der Herero und Nama („ganz oder teilweise“) auszulöschen.

Rechtlich gesprochen mag es weiterhin problematisch sein, dass die UN-Völkermordkonvention erst 1951 in Kraft trat und keine rückwirkende Geltung hat. Entsprechend der vorangegangenen Argumentation vertreten wir von #Ge·no·zid·blogger e.V. jedoch die Auffassung, dass es sich um einen Völkermord an den Herero und Nama handelte. Ebenso sind der Diskurs und die Entwicklungen auf politischer Ebene fortgeschritten, sodass auch die deutsche Bundesregierung heute offiziell von einem Völkermord spricht.

Foto: Bundesarchiv, Bild 146-2003-0005 / Unknown / CC-BY-SA 3.0 [CC BY-SA 3.0 de (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en)], via Wikimedia Commons

#Was bedeutet dies heute und wie geht Deutschland mit ebendieser kolonialen Schuld um?
2004 hat die damalige Bundesentwicklungshilfeministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul anerkannt, dass die an den Herero und Nama verübten Gräueltaten das waren, „was heute als Völkermord bezeichnet würde“. Sie hat weiterhin erklärt: „Wir Deutschen bekennen uns zu unserer historisch-politischen, moralisch-ethischen Verantwortung (…)“. [2] Dies war zweifelsohne ein wichtiger Akt der Anerkennung und des Eingestehens der eigenen, deutschen Schuld.

Man mag jedoch über die gewählte, zugegeben sperrige Formulierung zur deutschen Verantwortung stolpern. Eine historisch-politische, moralisch-ethische Verantwortung schließt zunächst einmal bewusst eine rechtliche Verantwortung aus. Die deutsche Regierung mag sich damit rühmen, dass Namibia ein „Schwerpunktland der deutschen Entwicklungszusammenarbeit“ ist und zu den „am stärksten von Deutschland geförderten Empfängerstaaten in Afrika“ gehört.[3] Aber ist das eine adäquate Wiedergutmachung für einen Völkermord? Kritische Stimmen erklären zunächst, dass die Entwicklungshilfegelder primär von der namibischen Regierung verwaltet werden und daher nicht bei den Herero ankommen würden.

2015 wurden schließlich Verhandlungen zwischen Deutschland und Namibia um die Anerkennung und Entschädigung für den Völkermord aufgenommen. Bisher führten diese Verhandlungen jedoch zu keinen gewünschten Ergebnissen – vor allem eine offizielle Entschuldigung von Seiten der deutschen Regierung steht weiterhin aus. Zuletzt tauchte der Völkermord anlässlich der Anfang 2017 vor einem US-Gericht von Vertreter*innen der Herero und Nama eingereichten Klage verstärkt in medialen Diskursen auf. Auf Grundlage des sogenannten Alien Tort Claims Act fordern die Vertreter*innen der Herero und Nama eine direkte Beteiligung an Verhandlungen mit der deutschen Regierung sowie Reparationszahlungen.[4] Deutschland verweigert sich bisher und erklärt, dass die Klage vor dem New Yorker Gericht nicht zulässig sei. Tatsächlich könnte man dem Gerichtsverfahren und darüber hinaus der Ausgestaltung des Völkerrechts, welches quasi keine Möglichkeiten bietet, Reparationsansprüche für koloniale Verbrechen geltend zu machen, einen weiteren Artikel widmen.

Eines soll jedoch an dieser Stelle formuliert werden. So nachvollziehbar die Vorbehalte der deutschen Regierung und die Angst, einen Präzedenzfall zu schaffen, welcher zahlreiche weitere Reparationsforderungen nach sich ziehen könnte, sind, so ist es doch eine sehr halbherzige Position, nur eine „moralische Verantwortung“, nicht aber eine rechtliche tragen zu wollen.

Deutschland hat den Holocaust auf eine Art und Weise aufgearbeitet, die weltweit als Vorbild gelten kann. Bei einem Völkermord, der knappe 40 Jahre zuvor stattgefunden hat und der 80% der Herero- und 50% der Nama-Bevölkerung das Leben gekostet hat, soll es nun nicht einmal möglich sein, Entschädigungen zu zahlen?[5] Ich hoffe aus ganzem Herzen, dass es in dieser Frage zu weiteren Entwicklungen kommen wird und Deutschland ehrlicher und umfänglicher zu dieser Schuld stehen kann.

Foto: Bundesarchiv, Bild 105-DSWA0093 / Walther Dobbertin / CC-BY-SA 3.0 [CC BY-SA 3.0 de (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en)], via Wikimedia Commons

#Wie findet der Völkermord an den Herero und Nama Eingang in Diskurse in der deutschen Gesellschaft?
Manch eine*r mag sich am Titel des Artikels, „Der andere deutsche Völkermord“, oder der Referenz zum Holocaust im vorangegangenen Absatz stören. Selbstverständlich geht es auch nicht darum, einen direkten Vergleich der beiden Geschehnisse anzustellen.
Was mich allerdings beschäftigt, ist die Tatsache, dass es sich bei dem Völkermord an den Herero und Nama de facto um einen anderen deutschen Völkermord handelt, dies aber – wage ich zu behaupten – einer Mehrheit der Deutschen in dieser Form nicht bewusst ist.

Ich erinnere mich, dass wir im Geschichtsunterricht in der Schule die Kolonialzeit behandelt haben. Es ging vor allem um die Engländer und Franzosen, wenig um die Deutschen. Über den Völkermord an den Herero und Nama habe ich erst später in einem außerschulischen Kontext gelernt.

In der letzten Zeit haben postkoloniale Diskurse in Deutschland sicherlich zugenommen. Gleichzeitig sind die deutsche koloniale Rolle und der Völkermord an den Herero und Nama jedoch immer noch Themen, die meiner Wahrnehmung nach im öffentlichen Diskurs, in Medien und vor allem Bildung deutlich zu wenig Beachtung finden. Ein deutsches Geschichtsverständnis, das auch Schuld und Verantwortung – wo angebracht – einschließt, sollte doch auch etwas mehr als 100 Jahre zurückreichen oder nicht?

[1] Kynast, Andreas (2018) “In Namibia wächst die Wut auf Deutschland” in: ZDF. Abrufbar unter: https://www.zdf.de/nachrichten/heute/voelkermord-an-herero-wut-auf-deutschland-waechst-100.html (05.05.2018)

[2] Rede von Heidemarie Wieczorek-Zeul bei den Gedenkfeierlichkeiten zum 100. Jahrestag der Herero-Aufstände (2004). Abrufbar unter: http://www.baerfilm.de/PDF/RedeWieczorek-ZeulNamibia.pdf (05.05.2018)

[3] Deutscher Bundestag (2013): „Zur kolonialen Vergangenheit Deutschlands in Namibia“. Abrufbar unter: https://www.bundestag.de/blob/405272/fc16f05eb5fea3b4da9ece62b7c3abef/wd-1-069-13-pdf-data.pdf (05.05.2018)

[4] Habermalz, Christiane (2017) „Viel Druck im Kessel bei Verhandlungen mit Namibia“ in: Deutschlandfunk. Abrufbar unter: http://www.deutschlandfunk.de/voelkermord-an-herero-und-nama-viel-druck-im-kessel-bei.1773.de.html?dram:article_id=397153 (05.05.2018)

[5] Becker, Heike (2017) „Genocide and Memory: Negotiating German-Namibian History” in: Review of African Political Economy. Abrufbar unter: http://roape.net/2017/01/09/genocide-memory-negotiating-german-namibian-history/ (05.05.2018)

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