#Ge·no·zid·blogger e.V.
15 Aug 2016

Text: Corinna

#Die Vernichtung der europäischen Juden 1941 – 1945

Teil 1 findet ihr hier

#Die Judenvernichtung in…

#Polen

In Polen lebten 1939 so viele Juden wie in keinem anderen europäischen Staat – rund 3,3 Millionen. Alle Juden, die im deutschen Besatzungsgebiet lebten, wurden in Ghettos interniert und später in verschiedene Konzentrationslager deportiert.

Das erste Vernichtungslager auf polnischem Boden errichteten die Nazis in Chelmno. Das Lager war von Anfang Dezember 1941 mit Unterbrechungen bis Januar 1945 in Betrieb. In Chelmno wurden hauptsächlich Juden aus dem Ghetto Lodz getötet. Mit nur drei Gaswagen wurden zirka 300.000 Juden sowie 5.000 Sinti und Roma ermordet.

Krematorium AuschwitzFoto:  Krematorium Auschwitz von Jorge Láscar/www.flickr.com/Creative Commons

Im März 1942, kurz nach der Wannseekonferenz, bauten die Nazis die drei Vernichtungslager Belzec, Sobibor und Treblinka. Diese drei Lager waren reine Vernichtungslager und dienten der „Endlösung“. Die Menschen wurden nicht selektiert, sondern allesamt direkt nach der Ankunft ins Gas geschickt und anschließend im Wald verscharrt oder in Gruben verbrannt. Das Ganze dauerte nur wenige Stunden und man konnte so täglich mehrere Transporte „abfertigen“. Etwa 1,7 Millionen Menschen fanden hier den Tod.

Ende 1941 eröffneten die Deutschen in Majdanek ein Lager für sowjetische Kriegsgefangene, welches 1942 mit Gaskammern und Krematorien ausgestattet wurde. Bis zur Befreiung durch die Rote Armee wurden in diesem Lager zirka 78.000 Menschen getötet.

#Deutschland & Österreich

Mit Ausbruch des Zweiten Weltkriegs lebten in Deutschland weniger als 500.000 Juden; wer es sich leisten konnte, war bereits in den vorhergehenden Jahren geflohen. Die jüdische Bevölkerung in Österreich zählte im September 1939 zwischen 60.000 und 65.000 Mitglieder, welche zumeist in Wien lebten. Fast alle wurden in diverse Konzentrations-, Arbeits- und Vernichtungslager deportiert, wo sie auf grausame Weise ermordet wurden.

DeportationFoto: Vorbereitung Deportation Ghetto Warschau – Żydowski Instytut Historyczny (Jewish Historical Institute in Warsaw)

#Sowjetunion

In den ersten Wochen der Invasion wurden hauptsächlich nur jüdische Männer erschossen, doch schon bald wurden auch Frauen und Kinder von den Nazis getötet, da sie als wertlose Esser ohne Arbeitskraft galten. Neben der Wehrmacht waren vor allem vier Spezialeinheiten der SS an der Ermordung beteiligt. Hunderttausende Juden konnten in das Landesinnere der Sowjetunion fliehen, dennoch töteten die Nazis zirka zwei Millionen Menschen in Wäldern, Tälern und auf Feldern.

„Die vollständig nackten Menschen gingen auf einer Treppe, die in die Lehmwand der Grube gegraben war, hinab, rutschten über die Köpfe der Liegenden hinweg bis zu der Stelle, die der SS-Mann anwies. Sie legten sich vor die toten oder angeschossenen Menschen…Dann hörte ich eine Reihe Schüsse. Ich schaute in die Grube und sah, wie die Körper zuckten oder die Köpfe schon still auf den vor ihnen liegenden Körpern lagen. Von den Nacken rann Blut.“

– Aussage von Hermann Friedrich Gräbe vor dem Internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg

#Estland

In Estland lebten zu Beginn des Kriegs zirka 4.500 Juden, die meisten davon in der Hauptstadt Tallin. 1940 übernahm die Sowjetunion die Kontrolle über das kleine baltische Land, das jedoch im Juli 1941 vom Deutschen Reich erobert wurde. Mit dem bald darauffolgenden Eintreffen der Einsatzgruppen begann auch die Vernichtung der estländischen Juden mit Hilfe lokaler Milizen. Bereits zum Zeitpunkt der Wannseekonferenz, im Januar 1942, galt Estland als „judenfrei“.

ExekutionFoto: Gefangene warten auf ihre Exekution im Wald – Robert A. Schmuhl – United States Holocaust Memorial Museum

#Lettland

In Lettland lebten um die 74.000 Juden. Mit dem Kriegsbeginn gegen die Sowjetunion fielen auch hier im Juli 1941 die deutschen Truppen ein und begannen einen Massenmord an der jüdischen Bevölkerung. Allein zwischen Juli und Oktober 1941 starben 34.000 Juden. Mehr als 32.000 wurden in zwei Ghettos in Riga inhaftiert. Im November 1941 wurde das größere der beiden Ghettos auf Befehl Heinrich Himmlers liquidiert; die verbliebenen 25.000 Menschen, die darin untergebracht waren, wurden innerhalb weniger Tage im nahegelegenen Rumbula-Wald ermordet. Nur kurze Zeit später trafen mehrere Transporte mit ca. 11.000 „Reichsjuden“ aus Deutschland, Wien und Prag im Rigaer Ghetto ein.

#Litauen

Litauen begann noch vor der Besatzung durch das Deutsche Reich, Pogrome gegen die 220.000 im Land lebenden Juden durchzuführen und diese zu ermorden. Der Einmarsch der Deutschen war begleitet von Mord, Vergewaltigung und Misshandlung. Die Opfer wurden auch hier in Wälder gebracht, erschossen und in Gruben verscharrt. Hierbei wurden Wehrmacht und SS von den Litauern tatkräftig unterstützt. Wenn einem der Opfer die Flucht gelang, wurde es anschließend von der Lokalbevölkerung verfolgt, gefangen und umgebracht. Der Wald in Ponar bei Wilna ist z.B. die Mordstätte von ca. 70.000 Juden.

Ergänzend errichteten die Nazis Ghettos in Wilna, Kaunas, Siauliai und Swienciany sowie diverse Arbeitslager, in denen bis zu 40.000 Menschen interniert wurden. Die Ghettos Wilna und Swienciany liquidierte man im Herbst 1943. Viele Menschen wurden ermordet oder in die Arbeits- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau oder Dachau geschickt. Die anderen beiden Ghettos wandelte man zu Konzentrationslagern um. Nur zirka 32.000 lettische Juden überlebten den Holocaust.

Auschwitz Block 16Foto: Auschwitz von Jennifer Boyer/www.flickr.com/Creative Commons

#Slowakei

Die Slowakei kollaborierte aktiv mit den Nazis und deportierte um die 58.000 Juden in die Vernichtungslager Majdanek und Auschwitz-Birkenau. Nur 25.000 bis 30.000 slowakische Juden überlebten den Holocaust; 70.000 starben.

#Jugoslawien

Im April 1941 eroberten die Deutschen Serbien und sperrten tausende Männer, Frauen und Kinder in das Lager Sajmiste in der Nähe von Belgrad ein, wo sie zwischen März und Mai 1942 in Gaswagen ermordet wurden.

Das unabhängige Kroatien ermordete unter der Regierung von Ante Pavelic hunderttausende Juden, Serben und Regimegegner. Südlich von Zagreb errichtete man das größte Lager des Landes, wo bis zu 25.000 Juden aus Kroatien, Bosnien-Herzegowina und Serbien sowie tausende Sinti und Roma starben. Insgesamt fielen in Jugoslawien 66.000 von 80.000 Juden den Nazis zum Opfer.

Selektionsrampe AuschwitzFoto: ungarische Juden an der Rampe in Auschwitz – Bundesarchiv, Bild 183-N0827-318 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de

#Ungarn

Der ungarische Diktator Miklos Horthy schloss mit den deutschen Nazis eine mörderische Allianz. Ungarn erließ antisemitische Gesetze und zwang 100.000 jüdische Männer in Arbeitsbrigaden zu arbeiten – 40.000 von ihnen starben. Mit den Kriegseintritt Ungarns gegen die Sowjetunion lieferte das Land zirka 18.000 jüdische Flüchtlinge an Deutschland aus. Jedoch begann die „richtige“ Vernichtung der ungarischen Juden erst im März 1944, als die Nazis Ungarn eroberten. Zu der Zeit lebten um die 800.000 Juden im ungarischen Reich (durch die Annexion der Slowakei, Rumänien und Jugoslawien). Im Mai 1944 begannen die deutschen Truppen unter dem Kommando von Adolf Eichmann, mehr als 424.000 Juden nach Auschwitz zu deportieren. Zehntausende wurden auf Todesmärsche in Richtung Österreich geschickt.

#Rumänien

Rumänien, ein – zumindest damals – zutiefst antisemitisches Land mit zirka 757.000 Juden, unterstützte die Nazis bei deren Vernichtung. Mit dem Einfall der Deutschen in die Sowjetunion ermordeten rumänische Soldaten, Polizisten und Zivilisten etwa 15.000 Juden in der Stadt Jassy. Auf den Befehl des Diktators Ion Antonescu, die Juden im Norden Rumäniens zu töten, beteiligte sich die lokale Bevölkerung an der Mordkampagne der Wehrmacht und SS. 150.000 Menschen wurden ins rumänische Besatzungsgebiet Transnistrien deportiert und dort ermordet oder starben an Kälte, Hunger und Krankheiten.

Als Deutschland im Begriff war, den Krieg zu verlieren, und auf Warnungen der Alliierten hin, brach Rumänien seine Mordkampagne ab, welcher bis dahin um die 200.000 Menschen zum Opfer gefallen waren.

#Bulgarien

In Folge des Krieges annektierte Bulgarien Thrakien von Griechenland und Mazedonien von Jugoslawien und verhaftete alle Juden in diesen Regionen. Diese übergaben sie den Deutschen, welche sie dann in das Vernichtungslager Treblinka brachten. Rund 11.400 Menschen fanden dadurch den Tod.

Gleichzeitig bereitete die bulgarische Regierung die Deportation von 48.000 Juden vor. Als dieser Plan jedoch bekannt wurde, organisierten sich Parlamentsmitglieder, Kirchenoberhäupter und Personen des öffentlichen Lebens erfolgreich zum Widerstand – der Plan wurde aufgegeben.

Deportation JudenFoto: Unbekannt – Cartea Neagră, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2868916

#Belgien

Ab Juli 1942 konzentrierten die Nazis alle belgischen Juden im Durchgangslager Mecheln. Zuerst wurden alle „Asozialen“ und Juden nichtbelgischer Herkunft nach Auschwitz transportiert. Auf Bemühungen der Königinmutter Elisabeth und anderer Unterstützer hin, wurde die Deportation aller belgischen Juden für gut ein Jahr unterbrochen. Dennoch starben 29.000 von 65.000 Juden.

#Frankreich

In Frankreich regierte formal und staatsrechtlich gesehen Vichy-Regime über die „Grande Nation“ ohne Elsaß-Lothringen, faktisch jedoch erstreckte sich der Machtbereich nur auf die unbesetzte Südzone sowie die Überseegebiete. Das Regime kollaborierte mit den Nazis und erließ diverse antijüdische Gesetze, beschlagnahmte jüdisches Eigentum und inhaftierte viele Juden.

Im besetzten Norden war das Wort des deutschen Militärbefehlshabers Gesetz. Die französische Regierung in diesem Teil war zu wenig mehr als einer Marionette verkommen. Sie wurden quasi zur Kooperation gezwungen und verhalfen somit den Nazis bis zum Kriegsende 76.000 Juden nach Auschwitz zu deportieren.

#Italien

Die italienischen Juden, die in den von Deutschland besetzten Gebieten lebten, litten wie die „Reichsjuden“ unter den Rassengesetzen. Bis Kriegsende deportierten die Nazis ca. 12.000 Juden nach Auschwitz.

Überlebende HolocaustFoto: Holocaust-Überlebende von Lt. Arnold E. Samuelson – The National Archives and Records Administration, cataloged under the ARC Identifier 531271

#Die Niederlande

Ende 1941 eröffneten die deutschen Behörden die beiden Arbeitslager Westerbork und Vught und begannen im Januar 1942 mit den Deportationen. Zuerst kamen die Juden in die beiden Arbeitslager und wurden von dort aus weiter nach Auschwitz geschickt. Ein Großteil der niederländischen Polizei, Verwaltung und des Bahnpersonals half den Nazis bei diesem Vorhaben. 102.000 von 140.000 Juden kamen ums Leben.

#Dänemark

In Dänemark lebten um die 8.000 Juden, 1.500 von ihnen waren staatenlos. Da die Nazis das Verhältnis zur dänischen Regierung nicht belasten wollten, ordneten sie an, dass Dänemark sich selbst um die „Endlösung“ kümmern sollte. Am 01.10.1943 verhaftete man die ersten Juden, aber viele Dänen kamen diesen zu Hilfe. Sie versteckten die Juden und verhalfen ihnen zur Flucht. Innerhalb von nur drei Wochen flohen 7.200 Menschen nach Schweden. 500 von ihnen wurden gefasst und nach Theresienstadt gebracht, aber auf Druck der dänischen Regierung noch vor Kriegsende wieder ausgeliefert.

#Norwegen

Beim Einmarsch der Deutschen im April 1940 lebten etwa 1.700 Juden in Norwegen. Im Oktober 1942 ordneten die Nazis die Verhaftung aller norwegischen Juden an. 739 Menschen wurden nach Auschwitz deportiert, 900 konnten mit Hilfe des norwegischen Untergrunds nach Schweden fliehen.

KZFoto: Jorge Láscar/www.flickr.com/Creative Commons

#Bilanz des Grauens

Während des Holocaust starben etwa:

# 2.700.000 polnische Juden

# 2.100.000 sowjetische Juden

# 550.000 ungarische Juden

# 500.000 Sinti & Roma

# 200.000 rumänische Juden

# 160.000 deutsche Juden

# 143.000 tschechoslowakische Juden

# 102.000 niederländische Juden

# 76.000 französische Juden

# 65.000 österreichische Juden

# 60.000 jugoslawische Juden

# 59.000 griechische Juden

# 28.000 belgische Juden

# 12.000 italienische Juden

# 11.000 bulgarische Juden

# Hinzu kommen noch 2 bis 3 Millionen Polen nichtjüdischen Glaubens, 3,3 Millionen sowjetische Kriegsgefangene sowie alle anderen Kriegsopfer des Zweiten Weltkriegs. Schätzungen zufolge sollen weltweit um die 55 Millionen Menschen durch den Krieg umgekommen sein.

Quellen:

# Bundeszentrale für politische Bildung „Informationen zur politischen Bildung“.

Abrufbar unter: http://www.deutschegeschichten.de/popup/objekt.asp?OzIID=5619&ObjKatID=106&ThemaKatID=1003 (Stand 31.07.16)

# Yad Vashem – Internationale Holocaust-Gedenkstätte: „Der Beginn der „Endlösung“- Einleitung“. Abrufbar unter: http://www.yadvashem.org/yv/de/holocaust/about/04/introduction.asp (Stand 31.07.16)

# Yad Vashem – Internationale Holocaust-Gedenkstätte: „Der Beginn der „Endlösung“ – Die Ermordung der rumänischen Juden“ Abrufbar unter: http://www.yadvashem.org/yv/de/holocaust/about/04/romania.asp (Stand 31.07.16)

# Yad Vashem – Internationale Holocaust-Gedenkstätte: „Der Beginn der „Endlösung“ – Die Ermordung der baltischen Juden“ Abrufbar unter: http://www.yadvashem.org/yv/de/holocaust/about/04/baltic.asp (Stand 31.07.16)

# Yad Vashem – Internationale Holocaust-Gedenkstätte: „Der Beginn der „Endlösung“ – Der Einmarsch in die Sowjetunion und der Beginn des Massenmordes“ Abrufbar unter: http://www.yadvashem.org/yv/de/holocaust/about/04/ussr.asp (Stand 31.07.16)

# Yad Vashem – Internationale Holocaust-Gedenkstätte: „Das Schicksal der Juden in ganz Europa – Einleitung“. Abrufbar unter: http://www.yadvashem.org/yv/de/holocaust/about/09/introduction.asp (Stand 31.07.16)

# Yad Vashem – Internationale Holocaust-Gedenkstätte: „Das Schicksal der Juden in ganz Europa – Die Ermordung der Juden des Balkans und der Slowakei“. Abrufbar unter: http://www.yadvashem.org/yv/de/holocaust/about/09/balkans.asp (Stand 31.07.16)

# Yad Vashem – Internationale Holocaust-Gedenkstätte: „Das Schicksal der Juden in ganz Europa – Die Ermordung der polnischen Juden“. Abrufbar unter: http://www.yadvashem.org/yv/de/holocaust/about/09/poland.asp (Stand 31.07.16)

# Yad Vashem – Internationale Holocaust-Gedenkstätte: „Das Schicksal der Juden in ganz Europa – Die Ermordung der Juden Westeuropas“. Abrufbar unter: http://www.yadvashem.org/yv/de/holocaust/about/09/europe.asp (Stand 31.07.16)

# Yad Vashem – Internationale Holocaust-Gedenkstätte: „Das Schicksal der Juden in ganz Europa – Die Ermordung der ungarischen Juden“. Abrufbar unter: http://www.yadvashem.org/yv/de/holocaust/about/09/hungary.asp (Stand 31.07.16)

# Yad Vashem – Internationale Holocaust-Gedenkstätte: „Die Durchführung der „Endlösung“ – Einleitung“. Abrufbar unter: http://www.yadvashem.org/yv/de/holocaust/about/05/introduction.asp (Stand 31.07.16)

# Yad Vashem – Internationale Holocaust-Gedenkstätte: „Die Durchführung der „Endlösung“ – Die Deportation der europäischen Juden in die Vernichtung“. Abrufbar unter:http://www.yadvashem.org/yv/de/holocaust/about/05/deportation.asp (Stand 31.07.16)

# Yad Vashem – Internationale Holocaust-Gedenkstätte: „Die Durchführung der „Endlösung“ – Die Vernichtungslager“. Abrufbar unter: http://www.yadvashem.org/yv/de/holocaust/about/05/death_camps.asp (Stand 31.07.16)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

FacebooktwitterInstagram