#Ge·no·zid·blogger e.V.
23 Mai 2016

#Täter, Opfer, Zuschauer und Helfer

„Es gibt die Ungeheuer, aber sie sind zu wenig, als dass sie wirklich gefährlich werden könnten. Wer gefährlicher ist, das(s) sind die normalen Menschen.“ Primo Levi1

An einem Völkermord sind in der Regel immer die 4 Gruppen beteiligt: die Täter, die Opfer, die Zuschauer und die Helfer.*

KZ SachsenhausenFoto: Thomas Matthias

#Täter

„Ich war nie grausam.“ – Hermann Göring2

Diese Gruppe stellt – prozentual gesehen – eine relativ kleine, allerdings auch die gefährlichste Gruppe in einem Völkermord dar. Ihr gehören neben den „ganz normalen Menschen vor allem die Armee, das Paramilitär und der Verwaltungsapparat eines Staates an. Das Militär und Paramilitär spielen hier eine besonders zentrale Rolle, denn oft sind die Generäle, die die Befehle geben, und die Soldaten, die die Befehle ausführen, die Haupttäter. Militärisches Personal, allem voran Soldaten, sind für Gewaltsituationen trainiert, für den Kampf gewappnet und auf Gehorsam getrimmt.3

Sie entwickeln, wie auch andere Berufsstände (Ärzte, Sozialarbeiter, Polizisten etc.), eine sogenannte „Rollendistanz“, welche es ihnen erlaubt, einen Abstand zwischen der eigenen Person und dem Beruf zu schaffen. Sie vollziehen Handlungen, die menschlich eventuell problematisch sein könnten, ohne große Reue, denn sie empfinden die Taten auf professioneller Ebene vollkommen okay. Diese „Rollendistanz“ schafft eine Brücke zwischen Sollen und Wollen. Die Täter folgen, ihrer Auffassung nach, nur der gesellschaftlichen Aufforderung zur Unmenschlichkeit.4

Manche Staaten besitzen zudem ein Paramilitär, welches keine Verteidigungsfunktion hat. Es soll lediglich so viele Menschen wie möglich terrorisieren und mobilisieren. Innerhalb des Paramilitärs herrscht oft eine Stimmung des Hasses, in welcher Folter, Gewalt und Grausamkeit normal sind. Es handelt sich hierbei nicht um eine offizielle staatliche Institution, entsprechend kann sich der Staat somit der Verantwortung für Gräueltaten entziehen.5

Beispiele für Täter:6

# Militär & Paramilitär

# „Normale Menschen“

# Ärzte & medizinisches Personal

# Rechtsanwälte & Richter

# Ministerien & Ämter (Innen-, Justiz-, Bildungs-, Finanz-, Verkehrs-, Kultur- , Wirtschaftsministerium etc.)

# Banken & Unternehmen

# Ausländische Regierungen

# Polizei, Sonder- & Spezialeinheiten

# Kirchen & andere Religionsgemeinden

Waschstelle KZ SachsenhausenFoto: Thomas Matthias

#Opfer

„Im Krieg ist die Wahrheit das erste Opfer“ – Aischylos

Die Opfer sind die einzigen „Mitglieder“ eines Völkermords, die sich ihre Rolle nicht aussuchen können: sie werden in die Position des Opfers gedrängt, ohne dass ihnen – im Gegensatz zu den anderen Gruppen – eine Alternative geboten wird. Ist der Völkermord erst einmal in vollem Gange, können sie meist nichts mehr tun, um sich selbst zu helfen; sie können sich maximal gegenseitig unterstützen. Sie haben in der Regel nur noch wenige Optionen zur Verfügung: fliehen, verstecken oder kämpfen.7

Gemäß der Völkermord-Konvention gibt es nur 4 schützenswerte Opfergruppen:

# Nationale,

# Ethnische,

# Rassische und

# Religiöse Gruppen.

Diese vier „geschützten“ Gruppen lassen sich nur schwer definieren, besonders die Merkmale der Ethnie und der Rasse, da es sich hierbei um nicht-objektive Merkmale handelt, sondern immer um ein soziales Konstrukt. Die Merkmale einer Gruppe werden also immer von einer anderen Gruppe festgelegt und sind entsprechend nicht unveränderlich.8

Per Definition fallen somit soziale, kulturelle und politische Gruppen nicht unter die Opfergruppen der Völkermordkonvention. Sie können natürlich dennoch Opfer von Massengräueltaten werden.

Dynamik VölkermordFoto: Thomas Matthias

#Zuschauer

„Die Welt ist viel zu gefährlich, um darin zu leben – nicht wegen der Menschen, die Böses tun, sondern wegen der Menschen, die daneben stehen und sie gewähren lassen.“ – Albert Einstein

Die Zuschauer bilden meist die größte Gruppe und sind daher unglaublich wichtig für den Ausgang eines Genozids, denn sie definieren die Geschehnisse durch ihre Empathie oder Indifferenz. Der Unterschied zum Täter ist jener, dass der Zuschauer zwar nicht aktiv an der Vernichtung teilnimmt, seine Passivität und damit Billigung der Tat lässt ihn aber zum indirekten Täter werden.

Da ein Genozid jedoch auch nie in einem geschlossenen System stattfindet, sondern immer auch in einem globalen Kontext, gibt es nicht nur interne Zuschauer, sondern auch externe.9

#Interne Zuschauer

Diese sind normalerweise Teil der nationalen Bevölkerung und profitieren von dem Völkermord meist direkt oder indirekt (Geld, Wohnungen, Jobs, Geschäfte etc.). Sie müssen sich entscheiden, ob sie die Täter gewähren und morden lassen oder ob sie den Opfern helfen und sich als Opposition organisieren. Bei dieser Entscheidung spielt die vorherige Ausgrenzung der Opfer (siehe 10 Phasen eines Völkermords) eine große Rolle, denn die eingetrichterte Ideologie macht es schwer, Protest zu organisieren und Anhänger zu finden. Ausgrenzung kann nur durch tiefe soziale Akzeptanz entstehen.10

In der Regel jedoch sehen sie die Taten und Verbrechen der Täter, entscheiden sich aber dazu, nichts zu unternehmen, da sie nicht direkt betroffen sind. Sie schauen zu, auch wenn sie wegschauen. Gelegentlich leisten sie Hilfe, wenn sie gefahrlos ist, z.B. wenn sie ein Opfer warnen, ihnen den Weg weisen, Essen, Kleidung oder Geld geben.11

#Externe Zuschauer

Externe Zuschauer bilden die internationale Gemeinschaft, Regierungs- und Nichtregierungsorganisationen sowie die Bürger aller Staaten. Alle müssen so schnell und zeitig wie möglich auf die ersten Warnzeichen eines Genozids reagieren. Unsere Passivität erlaubt es den mordenden Regierungen weltweit, einfach weiterzumachen. Manchmal unterstützen wir sogar die Täter durch wirtschaftliche oder militärische Hilfsleistungen, indem Geschäfte mit ihnen abgewickelt werden oder Sportevents (Olympische Spiele, Weltmeisterschaften etc.) in diesen Ländern abgehalten werden. Dadurch werden die Opfer verhöhnt und die Täter in ihrem Verhalten bestätigt.

Oft bleiben die einzelnen Staaten auch untätig, da man nicht die Souveränität des Täter-Staats verletzen will, sich nicht zuständig fühlt oder eigene nationale Interessen verfolgt. (Militärische Interventionen und die Schutzverantwortung der Staaten sind im internationalen Recht stark umstrittene Themen.)

VölkermordFoto: Thomas Matthias

#Helfer

„Großherzigkeit, genauso wie Boshaftigkeit, beginnt oft mit kleinen Schritten. Helden entwickeln sich, sie werden nicht geboren.“ – Ervin Straub

Nach Expertenmeinungen stellen die Retter eine größere Anzahl dar als bisher geglaubt. Man geht davon aus, dass diese Gruppe einen Anteil von 15 bis 20% der Bevölkerung ausmacht – genauso viele wie die Gruppe der Täter. Und obwohl diese Zahl nicht gerade gering ist, handelt es sich bei den meisten Rettern doch um außergewöhnliche Menschen, denn es bedarf der Courage, sich gegen die Täter und passiven Zuschauer zu stellen. Die Menschen riskieren oft selbst ihr eigenes Leben, und doch ist es vielen von ihnen egal, ob die Opfer die gleiche Nationalität, Religion, Rasse oder Ethnie wie sie haben. Für sie sind die menschlichen und moralischen Werte universell. Sie empfinden eine Verpflichtung gegenüber der Demokratie und glauben an soziale Gerechtigkeit. Oft sind ihre Handlungen nicht unbedingt durchdacht, sondern eher aus dem Moment heraus geboren. Für sie zählt die Menschlichkeit.

Jedoch sollte man auch immer bedenken, dass sogar die Helfer ihre Meinung ändern und unter Druck selbst zu Tätern werden können. Je länger ein Genozid andauert, umso mehr nimmt die Solidarität unter der Bevölkerung ab und umso größer werden die Risiken für die Helfer, aber auch die Größe und Schnelligkeit des Genozids, die Nähe zu sicheren Plätzen, ökonomische Ressourcen und soziale, politische und lokale Netzwerke sind für die Retter und ihre Handlungen mit ausschlaggebend.12

#Fazit

„Stell dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin“ – Carl Sandburg

Außer den Opfern hat jeder Beteiligte eines Völkermords die Wahl, welche Rolle er oder sie einnimmt. Uns Menschen wurde die Fähigkeit zum logischen Denken und zur freien Willensbildung gegeben. Wir können wählen – ob wir an einem Völkermord teilnehmen, zuschauen, etwas dagegen unternehmen oder ob wir es überhaupt so weit kommen lassen.

*Der Einfachheit halber, wird im gesamten Text die männliche Form genutzt.

Quelle:

Barth, B. (2006) Genozid – Völkermord im 20. Jahrhundert: Geschichte, Theorien, Kontroversen. München: Verlag C. H. Beck oHG.

Hilberg, R. (1992) Täter, Opfer, Zuschauer – Die Vernichtung der Juden 1933 – 1945. Frankfurt am Main: S.Fischer Verlag.

Spencer, P. (2012) Genocide since 1945 – Making of the contemporary World. London and New York: Routledge.

Welzer, H. (2005) Täter – wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden. Frankfurt am Main: S.Fischer Verlag.

1 Welzer, H. (2005) S.12
2 Hilberg, R. (1992) S. 13
3 Spencer, P. (2012) S. 43 – 44
4 Hilberg, R. (1992) S. 39 – 40
5 Spencer, P. (2012) S. 43 – 44
6 Hilberg, R. (1992) S. 35 – 36
7 Spencer, P. (2012) S. 52 – 53
8 Barth (2006) S. 18 – 19
9 Spencer, P. (2012) S. 50 – 52
10 Spencer, P. (2012) S. 50 – 52
11 Hilberg, R. (1992) S. 215 / 234
12 Spencer, P. (2012) S. 54 – 55

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