#Ge·no·zid·blogger
29 Jun 2015

Text: Corinna

#Mayas & Ladinos

Guatemala, bis 1821 spanische Kolonie, erlebte zwischen 1960 und 1996 einen fast vier Jahrzehnte währenden Bürgerkrieg. Das Land hat mit etwa 60% den größten indigenen Bevölkerungsanteil weltweit, jedoch gibt es hier die Seltenheit, dass die Minderheit über die Mehrheit regiert. Die Kluft zwischen Arm und Reich, zwischen den Ladinos und Mayas auf der einen und den ehemaligen Besatzern auf der anderen Seite, ist groß. Die Mayas und Ladinos (eine eher kulturelle als ethnische Identität) wurden jahrzehntelang von den Latinos ausgebeutet und diskriminiert; Naturkatastrophen und die ökonomisch schlechte Situation des Landes trafen sie am härtesten.1

GuatemalaFoto: Dennis Jarvis/www.flickr.com/Creative Commons

#Kommunistische Guerillas

Schließlich formierte sich 1960 eine linke Guerillabewegung, um gegen die Ungerechtigkeit anzukämpfen. Die Bewegung konnte kaum Erfolge verzeichnen, ein geplanter Putschversuch misslang. Sie begangen hauptsächlich ökonomische Sabotagen und griffen Sicherheitskräfte der Regierung an. Die vier Hauptgruppen der Guerilla waren die:

# Guerillaarmee der Armen (EGP – Ejército Guerrillero de los Pobres)

# Revolutionäre Organisation des bewaffneten Volkes (ORPA – Organización Revolucionario del Pueblo en Armas)

# Streitkräfte bewaffneter Rebellen (FAR – Fuerzas Armadas Rebeldes)

# Guatemaltekische Arbeiterpartei (PGT – Partido Guatemalteco del Trabajo)

Ab 1982 formierten sich alle vier Gruppen zur Guatemaltekischen Nationalen Revolutionären Einheit (URNG – Unidad Revolucionaria Nacional Guatemalteca). Vor allem unter den Mayas konnten sie eine breite Unterstützerbasis mobilisieren, denn sie kämpften gegen Diskriminierung und Ausbeutung. Sie folgten dem Marxismus und behaupteten, die Regierung Guatemalas versklave die Menschen und Ressourcen des Landes an die USA.2

Guatemala 2Foto: Christopher Crouzet/www.flickr.com/Creative Commons

#Höhepunkt der Gewalt

Seit 1960 befand sich das Land im Bürgerkrieg. Die Gewalt erlebte aber in den Jahren zwischen 1981 und 83 ihren traurigen Höhepunkt. Insgesamt wurden rund 200.000 Menschen in diesem Krieg getötet, davon 150.000 unbewaffnete Zivilisten allein in diesen zwei Jahren. 1,5 Mio. Menschen wurden vertrieben, 200.000 flohen nach Mexiko und unzählige starben bei ihrer Flucht durch die Berge. Etwa 83% aller Todesopfer gehörten der indigenen Bevölkerungsgruppe (davon waren die meisten Mayas) an. Das guatemaltekische Militär beging Massenmord, Folter und Vergewaltigungen an Männern, Frauen, Kinder und Alten, ließ tausende gewaltsam verschwinden und betrieb eine „Politik der verbrannten Erde“. Insgesamt wurden 626 Dörfer niedergebrannt und viele Einwohner in Konzentrationslager umgesiedelt.3

Es herrschte „[…] extreme Brutalität […] (wie z.B.) der Mord an wehrlosen Kindern, oft, indem sie gegen Wände geschlagen oder lebend in Gruben geworfen wurden, in welchen sie später dann die Leichen der Erwachsenen entsorgten; die Amputation von Körperteilen; das Aufspießen der Opfer; das töten von Personen, indem sie mit Benzin übergossen und bei lebendigem Leibe verbrannt wurden […]“.4

„[…] in einem Dorf […] entfernten Soldaten einen Mann namens Juan Ordonez und einen Nachbar aus ihren Häusern und brannten diese an. Die Häuser waren aus Stroh. Als die Häuser brannten, warfen sie beide Männer, die fest gefesselt waren, in das Feuer [….]“.5

Guatemala 3Foto: Dennis Jarvis/www.flickr.com/Creative Commons

#Opfer

Der Aussage der Regierung zufolge handelte es sich bei den Gewalttaten lediglich um eine Reaktion auf den von kommunistischen Guerilla geführten Aufstand. Jedoch richtete sich die Gewalt nicht nur gegen die Guerilleros, sondern hauptsächlich gegen die Mayas, welche schon immer als minderwertig und potenziell gefährlich angesehen wurden, denn sie waren angeblich faul, barbarisch und primitiv und somit Schuld an der Armut des Landes. Zwar fand die Guerillabewegung hauptsächlich bei den Mayas Unterstützung, jedoch legt der Mord an Frauen, Kindern und Alten nahe, dass es sich nicht nur um eine Abwehraktion handelte, um die Guerillas zu besiegen, sondern dass die Zugehörigkeit zu der Ethnie der Mayas das Todesurteil bedeutete.6

Die vier größten Opfergruppen machten vor allem die Indianer der folgenden Stämme aus:

#Maya- Q’anjob’al & Maya-Chuj

#Maya- Ixil

#Maya-K’iché

#Maya-Achi7

Ergänzend sollte erwähnt werden, dass die Guerillagruppen nie die Fähigkeiten, Ressourcen und Ausrüstung hatten, um dem guatemaltekischen Staat überhaupt wirklich eine Gefahr zu werden. Die Gewalt mit welcher der Bewegung begegnet wurde, war also vollkommen überzogen.8

#Täter

Im Fall Guatemalas gab es keine Intervention von außen oder innen, der Krieg endete 1996 mit einem Friedensabkommen zwischen den Guerilla und der Regierung, jedoch blieb die Gewalt und Korruption in dem vom Bürgerkrieg gezeichneten Land konstant hoch.

Die Haupttäter waren das guatemaltekische Militär, allen voran die Topgeneräle Efraín Ríos Montt, Óscar Humberto Mejía Víctores, Fernando Romeo Lucas García und Benedicto Lucas García. Alle vier wurden in den USA ausgebildet. Allerdings hatte das Militär auch Unterstützung durch von der Regierung erschaffene Söldnergruppen und Todesschwadronen wie z.B. der PAC (Patrullas de Autodefensa Civil), La Mano Blanco und die Geheime Antikommunistische Armee.9

Gemäß der UN-gestützten Kommission für Historische Aufklärung in Guatemala (Comisión para el Esclarecimiento Histórico) ist die Armee für 93% aller Verbrechen verantwortlich, 3% wird den Guerillas zugeschrieben und 4% können nicht eindeutig zugeordnet werden. Die Gewalt war zentral organisiert und gut koordiniert mit täglichen Einsatzbesprechungen auf höchstem Level.10 Die Kommission bestätigte weiterhin, dass genozidähnliche Handlungen begangen wurden. Die Absicht Guatemalas bestand demnach nicht darin, die Gruppe der Indigenen auszurotten, sondern verfolgte bestimmte politische, ökonomische, soziale und militärische Ziele, welche nur durch die Auslöschung der Gruppe erreicht werden konnten. Das Töten der Mayas war der Weg zum Ziel.11

Inzwischen wurden indes einige Täter verhaftet und verurteilt, der Großteil lebt aber noch auf freiem Fuß. Im Mai 2013 wurde General Ríos Montt wegen Völkermord und Kriegsverbrechen angeklagt und zu 80 Jahren Gefängnis verurteilt; doch seine Verurteilung wurde zehn Tage später vom Guatemaltekischen Verfassungsgericht aufgrund von Verfahrensfehlern aufgehoben. Im Januar 2015 wurde der Fall wieder aufgenommen und nach diversen Verzögerungen und Gerichtsentscheidungen begann das Wiederaufnahmeverfahren 2017. Es wurde gerichtlich entschieden, dass Ríos Montt vor Gericht gestellt werden konnte, aber wegen seines Alters und seiner Gesundheit nicht verurteilt werden konnte. Ríos Montt starb 2018 im Alter von 91 Jahren. Das Gerichtsverfahren war zu der Zeit noch nicht abgeschlossen. General Mejía Víctores wurde körperlich und geistig für verhandlungsunfähig erklärt. General Fernando Romeo Lucas García starb 2006 in Venezuela, sein Bruder General Benedicto Lucas García wurde im Januar 2016 im Zusammenhang mit den Verbrechen zwischen 1981 und 1988 verhaftet. Im Mai 2018 wurde Benedicto Lucas Garcia wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu 58 Jahren Gefängnis verurteilt.

Guatemala 4Foto: Marcoe Reyes via www.pixabay.com/Creative Commons

#USA & der Kalte Krieg

Der Völkermord in Guatemala ereignete sich während des Kalten Krieges mit der Unterstützung der USA. Sie bildeten das Militärpersonal aus und lieferten Waffen und Equipment, um „die Gefahr von links abzuwenden“. Die CIA arbeitete eng mit dem guatemaltekischem Geheimdienst zusammen, einige Geheimdienstler wurden sogar von der CIA bezahlt, obwohl sie für ihre Menschenrechtsverbrechen bekannt waren. Der US-Präsident Carter verurteilte relativ spät das Vorgehen Guatemalas und stellte kurzzeitig die Lieferung amerikanischer Hilfsgüter ein. Guatemalas Regierung jedoch ignorierte dieses Vorgehen; der Folgepräsident Reagan stellte daraufhin die Verbindungen zu Guatemala wieder her und verteidigte sogar das Vorgehen des Militärs.12

Quellen:

Jones, A. (2010) Genocide – A comprehensive Introduction. 2nd Edition. London and New York: Routledge.

Oettler, A. (2006) “Guatemala in the 1980s: A genocide turned into a ethnocide?”. In GIGA working Papers, No. 19. Abrufbar unter http://www.giga-hamburg.de/de/system/files/publications/wp19_oettler.pdf (Stand 24.05.15)

Spencer, P. (2012) Genocide since 1945 – Making of the Contemporary World. London and New York: Routledge.

www.combatgenocide.org Guatemala 1981- 1983. Abrufbar unter: http://combatgenocide.org/?page_id=158 (Stand 24.05.15)

www.ppu.org.uk Guatemala. Abrufbar unter: http://www.ppu.org.uk/genocide/g_guatemala1.html (Stand 24.05.15)

1 Spencer, P. (2012) S. 72
3 Spencer, P. (2012) S. 74
4 Jones, A. (2010) S. 143
5 Spencer, P. (2012) S. 73
6 Spencer, P. (2012) S. 76
7 Oettler, A. (2006) S. 12
8 Oettler, A. (2006) S. 7
9 Spencer, P. (2012) S. 75
10 Spencer, P. (2012) S. 75
11 Oettler, A. (2006) S. 12
12 Spencer, P. (2012) S. 72, 79 / ppu.org.uk

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