#Ge·no·zid·blogger e.V.
1 Feb 2016

#Stalins Genozid in der Ukraine

Im Winter 1932/33 ließ Josef Stalin die Ukraine planmäßig aushungern, um jegliche Unabhängigkeitsbestrebungen im Keim zu ersticken. Die Ukrainer nennen dieses Ereignis Holodomor – “Tod durch Hunger”.

Der Holodomor ist in vielen Punkten nicht mit dem Holocaust zu vergleichen, dennoch bezeichnete Raphael Lemkin ihn als Genozid. Seiner Auffassung nach sollte nicht die gesamte ukrainische Bevölkerung ausgelöscht werden, sondern „nur“ die intellektuelle, politische und religiöse Elite, die zudem relativ klein und daher leicht zu eliminieren war. So wurden in den 1920er und 30er Jahren viele Lehrer, Schriftsteller, Künstler, Denker, Geistliche und Politiker verhaftet, deportiert oder gleich liquidiert.1

„Das ist nicht einfach ein Fall von Massenmord. Es ist ein Fall von Völkermord, von Zerstörung, nicht nur von Individuen, sondern auch einer Kultur und Nation.“2  Raphael Lemkin

Holodomor           Foto: Holodomor-Denkmal in Kiew von Steve Haslam/www.flickr.com/Creative Commons

Auch die ukrainischen Bauern sollten geschwächt werden, galten diese doch als Quelle der ukrainischen Tradition und Kultur. Sie besaßen großen Nationalstolz und wollten sich nicht dem Kommunismus und dessen Zwangskollektivierung beugen. Für Stalin wurden sie so zu einer Gefahr für die Sowjetunion, die beseitigt werden musste. Folglich ließ er im Winter 1932/33 zwischen fünf und zehn Millionen Menschen verhungern.3

Die Vernichtung der Gelehrten und der Priester sowie die gezielte Dezimierung der Bauern kommen der Auslöschung des gesamten Volkes gleich, denn diese drei Gruppen prägten Kultur und Werte der Ukraine im Wesentlichen und haben sie zu einer Nation gemacht.4

HolodomorFoto: 1933 Famine Photo’s of Kharkov, Ukraine, from Dr. Ewald Ammende’s 1935 ‚Muss Russland Hungern?’Cardinal Theodor Innitzer’s archives in Vienna in The 1933 Original Photographs from Karkiv, Ukraine.

#Liquidierung der Kulaken

Ender der 1920er Jahre entschloss sich die Regierung in Moskau zu einer radikalen Neuorientierung der Politik. Die Sowjetunion sollte zu einem modernen Industriestaat umgewandelt werden, daher konzentrierte sich Stalins Revolution vor allem auf die Industrialisierung und Zwangskollektivierung der Landwirtschaft. Dazu musste man jedoch den Widerstand auf dem Land eliminieren.5 Vor allem die Kulaken (reiche Bauern, aber auch jeder, der sich der Kollektivierung widersetzte) wurden als Problem angesehen und sollten liquidiert werden, denn der selbstversorgende Bauer war das Feindbild Stalins.

„Zunächst waren die Kulaken (die reichen Bauern) dran. Später auch die Dorfarmen. Wer nicht freiwillig in Kolchosen (Sowjetische Großbetriebe) eintrat, galt als Staatsfeind, erhielt keine Arbeit und wurde zwangsenteignet. Wer freiwillig in die Kolchosen eintrat, erhielt ein bisschen Geld, später nur noch eine Handvoll Essen.“6 – Juri Krawtschenko, Enkel eines Überlebenden

Allein in der Ukraine wurden etwa 200.000 Kulaken-Höfe geschlossen. Viele Besitzer wurden erschossen, hunderttausende deportierte man in den Osten der Sowjetunion, viele kamen auf dem Weg dorthin um. Viele Bauern leisteten starken Widerstand, sabotierten die Getreideablieferungen und organisierten teilweise gewaltsame Protestaktionen.7

HolodomorFoto: Alexander Wienerberger/ Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons

#Hunger als Mordwaffe

Den Umständen geschuldet, kam es Anfang der 30er Jahre zu zwei Missernten, die landwirtschaftliche Produktion ging zurück. Doch anstatt der Nahrungsmittelknappheit entgegenzuwirken, verstärkte die Sowjetunion ihre Zwangsmaßnahmen zur Beschlagnahmung von Getreide und löste somit im Winter 1932/33 eine Hungersnot aus, die für Millionen von Menschen den sicheren Tod bedeutete.8 Die Quoten für Getreideabgaben wurden unerfüllbar, und gegen ca. 90% der Kolchosen erhob das Zentralkomitee Naturalienstrafen. Auf Grund dieses Beschlusses mussten die Kolchosen zusätzlich Fleisch in Höhe der 15-fachen Monatsnorm abliefern.

Doch auch das war nicht mehr möglich, infolgedessen konfiszierten Polizisten in vielen Dörfern sämtliche Nahrungsmittel, Vieh und Wertgegenstände. Jeder, der sich wehrte oder versuchte, Getreide zu verstecken, wurde entweder erschossen oder nach Sibirien abtransportiert.9 Sogenannte „schwarze Listen“ wurden erstellt, und alle darauf stehenden Dörfer wurden gezwungen, den gesamten Handel vollständig einzustellen und alle Waren abzugeben. Im Januar 1933 erließen Stalin und Molotow, Vorsitzender des Rates der Volkskommissare der Sowjetunion, an alle Partei- und Staatsorgane in der Ukraine und dem Nordkaukasus die Direktive, alle Grenzen zu schließen.10

Viele Bauern gingen in die Städte und bettelten dort um Essen, doch man nahm sie fest und schickte sie zurück aufs Land. Zehntausende Kinder wurden in diesem Winter von ihren Eltern ausgesetzt, in der Hoffnung sie so zu retten.11

„Im schrecklichen Frühjahr 1933 sah ich Menschen Hungers sterben. Ich sah Frauen und Kinder mit aufgedunsenen Bäuchen, sah sie blau werden, noch atmend, aber mit leeren, leblosen Augen. Und Leichen – Leichen in abgerissenen Schafspelzen und billigen Filzstiefeln, Leichen in Bauernhütten…“12 – Lew Kopelew, Schriftsteller

HolodomorFoto: Unbekannt/ Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons

Während die eigene Bevölkerung verhungerte, exportierte die Sowjetunion über 1,8 Millionen Tonnen Getreide in europäische Länder, umso die Industrialisierung voranzutreiben. Verschiedenen Quellen zufolge sollen die strategischen Getreidereserven der Sowjetunion die Grenze von drei Millionen Tonnen überstiegen haben – genug, um die Hungernden zu sättigen.13 Ausländische Lebensmittelspenden hingegen wurden an der Grenze abgewiesen, Journalisten nicht ins Land gelassen.

Es wird geschätzt, dass die tägliche Sterberate in der Ukraine bei 25.000 lag. Die Menschen ernährten sich von Blättern und Knospen sowie Tierkadavern, und auch Fälle von Kannibalismus sind bekannt.14 Die entvölkerten Gebiete wurden anschließend gezielt mit russischen Bauern besiedelt.15

„Ich hatte große Angst, als ich hörte, dass unsere Nachbarin ihre beiden Kinder tötete und aß, während ihr Ehemann in Sibirien als Holzfäller arbeitete. Ihr Hunger war mächtiger als ihr Mutterinstinkt. Sie hat trotzdem nicht überlebt.“16 – Natalia Mikitiwna Nidzelska, Überlebende

Es gibt keine genauen Zahlen, wie viele Menschen wirklich gestorben sind, u.a. auch, da viele offizielle Dokumente und Statistiken in den 30er Jahren gefälscht oder zerstört wurden – wahrscheinlich um den Massenmord zu vertuschen. Man schätzt, dass es zwischen fünf und zehn Millionen Todesopfer sind. Bisher sind die Namen von 880.000 Opfern bekannt.17

StalinFoto: „Josef Stalin“/ Bundesarchiv, Bild 183-R80329 / CC-BY-SA 3.0 / Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 de über Wikimedia Commons

#Der Holodomor heute

Viele Jahrzehnte wurde über die Hungersnot geschwiegen – aus Angst vor weiteren Repressalien. Nach der orangenen Revolution 2004 öffnete die Ukraine ihre Archive und Überlebende begannen, ihre Geschichte zu erzählen. Die ukrainische Staatsanwaltschaft eröffnete sogar ein Gerichtsverfahren gegen Stalin, welches man jedoch bald darauf wieder einstellte, da der Angeklagte bereits 1953 verstarb. Im November 2006 erließ die ukrainische Regierung das Gesetz „Über den Holodomor in der Ukraine“, erkannte ihn somit als Genozid an und stellte dessen Leugnung unter Strafe.18

Auch viele andere Länder haben den Holodomor bisher als Genozid anerkannt, darunter u.a. die USA, Kanada, Australien, Mexico, Brasilien, Kolumbien, Estland, Ecuador, Georgien, Ungarn, Italien, Lettland, Litauen, Paraguay, Peru und Polen. Im Oktober 2008 erkannte die europäische Union den Holodomor als Verbrechen gegen die Menschlichkeit an.19

„Das kollektive Gedächtnis kann nicht zerstört werden. Es war eine bewusste und systematisch durchgeführte Ermordung von Millionen Menschen, während Stalin am Schwarzen Meer Urlaub machte.“20 – Miklos Kun, Historiker

HolodomorFoto: Unbekannt/ Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons

#Genozid-Kritiker

Schon während des Holodomor sprach Stalin „vom Märchen einer Hungersnot“. Die Sowjets stritten ab, dass es in weiten Teilen der Union eine Nahrungsmittelknappheit gab. Auch heute noch verharrt Russland, Rechtsnachfolger der Sowjetunion, auf dem Standpunkt, dass die Hungersnot Unwetter, Missernten und der Rebellion ukrainischer Bauern geschuldet und somit kein Genozid war.21

Den Kritikern zufolge sind vor allem die Kulaken daran schuld, dass die ukrainische Bevölkerung verhungerte, denn diese hetzten die Kleinbauern zur Rebellion auf. Daraufhin töteten viele Bauern ihr Vieh aus Angst vor Zwangsenteignungen und vernichteten somit wertvolle Arbeitskräfte und Nahrungsmittel. Weiterhin, so den Kritikern zufolge, riefen die Kulaken dazu auf, nur zu ernten, was für den Eigenbedarf benötigt wurde. Der Rest der Ernte verfaulte auf den Feldern. Als Höhepunkt des Widerstandes schlossen sich viele Kulaken den Kolchosen an, übernahmen dort leitende Positionen und widersetzten sich den Getreideabgaben.22

Die Kritiker argumentieren, der Regierung blieb gar nichts anderes übrig, als Gewalt und Zwang anzuwenden, um den Sozialismus zu verteidigen. Außerdem war die Kollektivierung angeblich nötig, um die Landarbeiter und Bauern vor der Ausbeutung durch die Kulaken zu schützen. Die gezielte Ansiedlung von russischen Bauern in den nun entvölkerten Gebieten diente dem Zwecke der Ausbildung. Durch diesen Schritt wurde die Produktivität der Kollektivwirtschaft qualitativ gesteigert und das Bündnis zwischen Arbeitern und Bauern gestärkt. Viele Holodomor-Kritiker beziehen die Stellung, dass die ganze Genozid-Debatte nur Bestandteil einer antikommunistischen Kampagne zur Kriminalisierung des Kommunismus sei.23

#Fazit

Anzumerken ist, dass viele Menschen innerhalb der Sowjetunion unter Hunger leiden mussten, aber nirgendwo so intensiv wie in der Ukraine. Die Nahrungsmittelknappheit war nicht ausschließlich Folge von natürlichen Missständen und Rebellion, sondern der skrupellosen Politik Stalins geschuldet. Die Grenzen wurden absichtlich geschlossen und die Bauern an der Flucht gehindert. Hunger wurde von der Sowjetunion als Waffe eingesetzt, um die ukrainische Nation zu dezimieren und den Widerstand zu brechen. Millionen von Menschen mussten für den sowjetischen Kommunismus ihr Leben lassen.24

Quellen:

www.bpb.de (2013) „Analyse: 80 Jahre Holodomor – die Große Hungersnot in der Ukraine“. Von Gerhard Simon. Abrufbar unter: http://www.bpb.de/internationales/europa/ukraine/174179/analyse-80-jahre-holodomor-die-grosse-hungersnot-in-der-ukraine?p=all (Stand 13.01.16)

Jones, A. (2010) Genocide – A comprehensive Introduction. 2nd Edition. London and New York: Routledge.

Kappeler, A. (2014) „Kleine Geschichte der Ukraine“. München: Verlag C. H. Beck OHG.

Lemkin, R. (2014) „Soviet Genocide in the Ukraine“ – The Holodomor: occasional paper series #1. Basierend auf einer Rede des Autors 1953 in New York City. Kingston, Ontario: Kashtan Press.

www.mlpd.de (2011) „Hungersnot in der Ukraine vor 75 Jahren – „Völkermord Stalins“?“. Abrufbar unter: https://www.mlpd.de/2011/kw40/hungersnot-in-der-ukraine-vor-75-jahren-2013-201evoelkermord-stalins201c (Stand 13.01.16)

www.spiegel.de (2007) „Ukraine: Als Stalin die Menschen zu Kannibalen machte“. Von Fanny Facsar. Abrufbar unter: http://www.spiegel.de/politik/ausland/ukraine-als-stalin-die-menschen-zu-kannibalen-machte-a-458006.html

(Stand 13.01.16)

United Human Rights Council „Ukraine Famine“. Abrufbar unter: http://www.unitedhumanrights.org/genocide/ukraine_famine.htm (Stand 13.01.16)

www.welt.de (2013) „Stalins brutalstes Mordwerkzeug war der Hunger“. Von Gerhard Gnauck. Abrufbar unter: http://www.welt.de/geschichte/zweiter-weltkrieg/article122152364/Stalins-brutalstes-Mordwerkzeug-war-der-Hunger.html (Stand 13.01.16)

 

1 Lemkin, R. (2014), S. 11
2 Lemkin, R. (2014), S. 15
3 Lemkin, R. (2014), S. 12
4 Lemkin, R. (2014), S. 14
5 Kappeler, A. (2014) S. 197
7 Kappeler, A. (2014), S. 199 / 200
8 Kappeler, A. (2014), S. 200
11 Lemkin, R. (2014), S. 13
12 Kappeler, A. (2014), S. 200
13 Jones (2012), S. 193
19 United Human Rights Council
24 Kappeler, A. (2014) S. 201

 

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