#Ge·no·zid·blogger e.V.
4 Okt 2016

Text: Corinna

#Homosexuelle und die Nazis

Obwohl in der Weimarer Republik homosexuelle Handlungen unter Strafe standen, florierte die homosexuelle Szene in Deutschland. Die gesellschaftliche Akzeptanz gegenüber Schwulen und Lesben stieg, Vereine wurden gegründet, Bars und Clubs eröffnet und Magazine herausgebracht. Die Nazis fanden das dekadent, daher sahen sie sich dazu verpflichtet, das Laster der Homosexualität auszumerzen. Mit der Machtübernahme 1933 begannen sie mit der Verfolgung homosexueller Männer. Hunderte wurden ins Konzentrationslager geschickt, Vereine und Verbände wurden aufgelöst, die Bars und Clubs geschlossen, jegliche schwule Publikationen verboten und die Homosexuellen in den Untergrund gedrängt.

Homosexuelle im Dritten ReichFoto: Ludovic Bertron/www.flickr.com/Creative Commons

Hitler und seine Gefolgsleute sahen in den schwulen Männern eine Gefahr für die „Herrenklasse“. Sie waren der Überzeugung, Homosexuelle seien krank, schwach, weibisch und dienten weder der Fortpflanzung der arischen Rasse noch könnten sie für das Reich kämpfen. Jedoch konnten die „Abtrünnigen“ auch wieder in die „Herrenklasse“ aufgenommen werden, wenn sie ihren Lebensstil und „perversen Handlungen“ aufgaben. Wie viele andere auch, glaubten die Nazis, Homosexualität wäre eine Krankheit, die sich durch Demütigung und körperlich schwere Arbeit heilen lässt.

Lesben galten im Übrigen nicht als gefährlich und wurden daher auch nicht systematisch verfolgt. Wenn sie verhaftet wurden, dann unter dem Deckmantel der Prostitution oder aber, weil sie als „Asoziale“ galten. Zudem beschränkte sich die Verfolgung der schwulen Männer auf Deutsche und Österreicher.

#die Verfolgung beginnt

Am 06. Mai 1933 führte die Sturmabteilung (SA) eine Razzia in dem „Institut für Sexualwissenschaften“ in Berlin durch und konfiszierte zirka 12.000 Bücher und 35.000 Bilder, welche sie bei der Bücherverbrennung am 10. Mai auf dem Berliner Opernplatz ins Feuer warfen. Das Institut wurde 1919 gegründet und erforschte diverse Bereiche rund um das Thema Sexualität, u.a. Eheprobleme, Geschlechtskrankheiten, Sexualverbrechen, Abtreibung und eben auch Homosexualität.

Am 24. Oktober 1934 ordnete die Gestapo die reichsweite Erfassung „sämtlicher Personen, die sich irgendwie homosexuell betätigt haben“ an, die sogenannte „rosa Liste“. Am 28. Juni 1935 verschärfte das Justizministerium den bereits bestehenden Paragraphen 175 Strafgesetzbuch (StGB). Nun war nicht mehr nur die „widernatürliche Unzucht“ strafbar, sondern allein die Absicht auf homosexuellen Geschlechtsverkehr. Lesbischer Geschlechtsverkehr fiel übrigens nicht unter den §175 StGB.

Im Oktober 1936 richtete Heinrich Himmler die „Reichszentrale zur Bekämpfung der Homosexualität und der Abtreibung“ ein, um höhere Geburtsraten im deutschen Reich zu fördern. Von da an wurden Schwule noch systematischer verfolgt, indem man z.B. homosexuelle Treff- und Versammlungspunkte durchsuchte, (angeblich) schwule Männer festnahm und ihre Adressbücher beschlagnahmte. Die Gestapo hatte auf Grundlage des §175 StGB nun die Erlaubnis, schwule Männer in „Schutz- bzw. Präventionshaft“ zu nehmen, wenn sie gefährlich für die deutsche Moral waren – gerne auch ohne Gerichtsverfahren.

Am 15. November 1941 veröffentlichte Hitler den „Erlass des Führers zur Reinhaltung von SS und Polizei“ und ordnete die Todesstrafe für homosexuelle Handlungen durch Mitglieder der SS und Polizei an. Vor allem politischen Gegnern wurde Homosexualität vorgeworfen, um sie aus dem Weg zu räumen.

Foto: Bundesarchiv, Bild 146-1993-051-07 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5483566

#Schwule im Konzentrationslager

Von den schätzungsweise 1,2 Millionen Homosexuellen im Dritten Reich wurden zwischen 1933 und 1945 etwa 100.000 Männer verhaftet und die Hälfte von ihnen wegen homosexueller Handlungen verurteilt. Viele von ihnen verbüßten ihre Haftstrafe in normalen Gefängnissen, aber zwischen 5.000 und 15.000 Männer inhaftierte man in diversen Konzentrationslagern. Dort wurden sie nicht selten die „175er“ genannt und mussten einen rosafarbenen Winkel (Dreieck) an der Lageruniform tragen, damit sie sofort als Schwule zu erkennen waren.

Homosexuelle wurden von den Wärtern und auch den anderen Häftlingen besonders brutal behandelt. Schätzungen zu Folge starben ca. 60% der schwulen Insassen an Hunger, Krankheit, Erschöpfung, Kälte, Zwangsarbeit oder der brutalen Behandlung. An ihnen wurden auch medizinische Experimente durchgeführt, da man der grundsätzlichen Überzeugung war, Homosexualität sei eine Krankheit, die es zu heilen galt. So führte z.B. der dänische SS-Arzt Carl Værnet chirurgische Eingriffe an den Männern durch und setzte ihnen künstliche Hormondrüsen in der Leistengegend ein. Außerdem wurde den Häftlingen eine Haftverkürzung versprochen, wenn sie sich kastrieren lassen würden. Später konnten Richter und SS-Offiziere die Kastration auch ohne die Einwilligung des Häftlings anordnen.

Nach dem Ende des zweiten Weltkriegs wurden homosexuelle KZ-Häftlinge nicht als Opfer der NS-Verfolgung anerkannt und erhielten entsprechend auch keine Entschädigung. Es ist schwierig, eine Opferzahl zu nennen, denn dieses Kapitel der NS-Zeit wurde lange Zeit tabuisiert, und viele Opfer schwiegen aus Scham. Am 01. September 1969 erfuhr der §175 StGB seine erste Reform in der BRD – homosexuelle Handlungen unter Erwachsenen wurden straffrei. Aus dem deutschen Strafgesetzbuch endgültig entfernt wurde der Paragraph jedoch erst 1994.

Quellen:

# Autor Unbekannt Rosa Winkel: Das Schicksal Homosexueller im Dritten Reich und der lange Leidensweg der 175er“. Abrufbar unter: https://www.uni-oldenburg.de/fileadmin/user_upload/geschichte/projekte/ol.verfolgungsszenarien/download/Rosa_Winkel-script.pdf (Stand 16.09.2016)

# United States Holocaust Memorial Museum (2016) „Online Exhibition – Nazi Persecution of Homosexuals”. Abrufbar unter: https://www.ushmm.org/information/exhibitions/online-exhibitions/special-focus/nazi-persecution-of-homosexuals (Stand 15.09.2016)

# United States Holocaust Memorial Museum (2016) „Persecution of Homosexuals”. Abrufbar unter: https://www.ushmm.org/learn/students/learning-materials-and-resources/homosexuals-victims-of-the-nazi-era/persecution-of-homosexuals (Stand 15.09.2016)

# United States Holocaust Memorial Museum (2016) „Persecution of Homosexuals in the Third Reich”. Abrufbar unter: https://www.ushmm.org/wlc/en/article.php?ModuleId=10005261 (Stand 15.09.2016)

# Zinn, A. (2008) „Homosexuellenverfolgung im „Dritten Reich““. Abrufbar unter: http://homo-denkmal.de/index.php?option=com_content&view=article&id=5&Itemid=45 (Stand 15.09.2016)

Kommentare sind geschlossen.

FacebooktwitterInstagram