#Ge·no·zid·blogger
15 Jun 2015

Text: Corinna

#Indonesien

Indonesien, bis 1948 niederländische Kolonie, wurde zwischen Oktober 1965 und März 1966 von einer Welle der Gewalt heimgesucht. Der Massenmord an den Kommunisten wurde weder vollständig aufgeklärt, noch wurden die Täter bestraft. Im Gegenteil, sie werden noch heute als Helden gefeiert.

IndonesienFoto: www.pixabay.com/Creative Commons

In den 1960er Jahren vereinte die „Nationale Befreiungsbewegung“ unter Präsident Sukarno viele verschiedene Parteien und Ideen zu dem Konzept NASAKOM (Nationalismus, Religion, Kommunismus). Hauptsächlich versuchte er, das Land in die linke politische Richtung zu führen und wandte sich daher vom Westen und der UN ab und den kommunistischen Staaten Asiens zu. Die PKI (Indonesische Kommunistische Partei) profitierte am meisten von diesem Vorgehen. Mitte der 60er Jahre brach die Wirtschaft Indonesiens zusammen und die PKI gewann an immer mehr Mitgliedern. So wurde sie inmitten des Kalten Kriegs mit ca. 3,5 Mio. Mitgliedern zur größten nicht-regierenden kommunistischen Partei der Welt.

#Putsch oder Plot?

In der Nacht auf den 30. September 1965 ereignete sich etwas, was bis heute nicht vollständig geklärt ist. Eine Gruppe mittelhoher kommunistischer Offiziere der indonesischen Armee entführten und töteten sechs Generäle, einen Leutnant und verletzten die 6-jährige Tochter des Verteidigungsministers tödlich. Die Gruppe nannte sich „Bewegung des 30. September“ (G-30-S). Sie behaupteten, die Tat begangen zu haben, um einen Putsch rechtsgerichteter Militärs zu verhindern. Generalmajor Suharto startete daraufhin am 01. Oktober 1965 eine Vergeltungskampagne, mit dem Ziel das Land von allen Kommunisten zu säubern.1

Fraglich bleibt bis heute, ob es sich bei dem Ereignis tatsächlich um einen Putsch handelte oder doch um einen Plot. Bisherigen Erkenntnissen zu Folge wussten wohl einige Funktionäre der PKI von dem Putschversuch, die Partei steckte aber nicht dahinter. Der Öffentlichkeit war das egal: die Presse behauptete, die getöteten Generäle wären vor ihrem Tod gefoltert und verstümmelt wurden. Die „Gerwani“, eine mit der PKI verbundene Frauenbewegung, soll den Opfern die Augen herausgerissen, die Genitalien abgeschnitten und eine regelrechte Orgie gefeiert haben. Sie wurden als „blutrünstige und sexuell sadistische Monster“ bezeichnet. Ein Autopsiebericht bezeugte, dass es sich dabei um Lügen handelte, dieser wurde jedoch nie veröffentlicht.2

IndonesienFoto: www.pixabay.com/Creative Commons

#Opfer

Alle Mitglieder der PKI und ihrer verbündeten Organisationen (bis zu 23 Mio. Menschen), aber auch in Indonesien lebende Chinesen wurden wie Tiere gejagt, verhaftet, gefoltert und getötet. Die Opfer wurden meist nachts mittels Macheten getötet und zerstückelt. In einigen Fällen sollen die Täter sogar das Blut der Opfer getrunken haben.3 Während das Militär die Opfer vorzugsweise erschoss, wählten die Milizen einen viel brutaleren Weg. Sie schlugen ihre Opfer zusammen, schnitten ihnen die Kehle durch oder enthaupteten sie. Die Leichen wurden entweder in Flüssen oder in Massengräbern entsorgt. Der Höhepunkt der Geschmacklosigkeit wurde erreicht, als die Leichen auf Flößen aufgestapelt und mit wehender PKI-Fahne die Flüsse hinab geschickt wurden.4

„Ich habe keine Menschen umgebracht. Ich habe wilde Tiere umgebracht.“5

Frauen wurden besonders brutal behandelt. In Bali wurden tausende von ihnen in die Regionalbüros gebracht und auf sexuelle Aktivität untersucht, welche die Mitgliedschaft zu den „Gerwani“ beweisen sollte. Oft wurden die Frauen dabei vergewaltigt, zu tote gehackt oder aufgeschlitzt; nicht einmal Schwangere wurden verschont.6

Die Gewalt erstreckte sich über das ganze Land, hatte ihre Epizentren aber vor allem in Java und Bali. Wahrscheinlich sind zwischen Oktober 1965 und März 1966 500.000 bis 1.000.000 Menschen umgekommen. Genaue Aufzeichnungen gibt es dazu nicht, da Indonesien keine Aufzeichnungen führte.7

#Täter

Anführer des Massenmords war General Suharto und seine treuen Generäle. Haupttäter war somit die Indonesische Armee, hatte aber Hilfe durch lokale Milizen und Zivilisten. Das Militär organisierte junge Anführer antikommunistischer und religiöser Organisationen und stattete sie mit Waffen aus und trainierte sie für ein paar Tage.8

Auf der lokalen Ebene war vor allem die materielle Komponente des Konflikts wichtiger als die ideologische, denn es gab zwischen den Bauern vor allem Streit um Landrechte, aber auch über ökonomische und soziale Ungleichheit. Für die Militärelite und ihre Verbündeten (politische, religiöse, soziale und ökonomische Konservative) war die Zugehörigkeit zum Kommunismus ausschlaggebend, denn dieser wurde als Gefahr betrachtet.9

Die Opfer hatten keine echte Chance sich zu verteidigen, denn es herrschte ein großes Ungleichgewicht zwischen den Tätern und Opfern. Der Massenmord wurde durch den Staat schnell und koordiniert umgesetzt. Die Täter bekamen sogar durch die US-Botschaft Listen mit Namen von angeblichen Kommunisten zugesteckt. Die Opfer hingegen wussten nichts von der G-30-S Bewegung und wurden von der Welle der Gewalt regelrecht überrollt.10

IndonesienFoto: Riza Nugraha/www.flickr.com/Creative Commons

#Internationale Gemeinschaft

Im Fall von Indonesien gab es keine Intervention, weder von außen noch von innen. Die Täter stoppten erst, nachdem sie ihrer Meinung nach, genügend Kommunisten getötet hatten. Die Täter blieben sogar in den folgenden Jahrzehnten an der Macht und konnten ihre Ideologie im Nachbarstaat Ost-Timor fortführen. Niemand fragte nach, was in den sechs Monaten geschehen war, es gab weder Aufklärung noch Bestrafung. Im Gegenteil, da gerade der Kalte Krieg herrschte, wurde die Vernichtung der Kommunisten in der westlichen Welt als gute Nachricht aufgefasst. Die USA war zufrieden mit der Beseitigung der Feinde und der Bedrohung in der Region. Die Verbündeten der USA gaben daraufhin auch keinen Deut auf das Verbrechen. China schwieg die ganze Sache tot, denn man wollte keine Aufmerksamkeit erregen. Die indonesischen Kommunisten waren schlecht auf die Situation vorbereitet, und man wollte es vermeiden kritische Fragen zur eigenen Führung aufkommen zu lassen.11

#Massenmord oder Völkermord?

Das indonesische Militär versuchte das Land von allen Kommunisten zu befreien. Streng genommen fällt dieses Ereignis daher nicht unter den juristischen Begriff Genozid, da die Völkermord-Konvention politische Gruppen nicht als schützenswert ansieht. Eine Zeit lang versuchte man daher zu argumentieren, dass sich das Morden auf die in Indonesien lebenden Chinesen richtete, doch das wäre nur eine andere Form der Verleugnung und den anderen Opfern gegenüber respektlos. Alle Kommunisten, egal welcher Ethnie, wurden als Staatsfeind betrachtet und sollten als Gruppe ausgelöscht werden. Die indonesische Gesellschaft sollte komplett neu rekonstruiert werden, eine „Neue Ordnung“ und „saubere Umgebung“ geschaffen werden. Daher wurden auch in den folgenden Jahren alle Nachkommen und Verwandten der Mordopfer diskriminiert. Wollte man im Staatsdienst arbeiten, musste man sich zertifizieren lassen, dass man keine Verbindungen zum Kommunismus hat. Nach Ansicht des Staates wurde die politische Identität somit nicht gewählt, sondern vererbt.12

Quellen:

Spencer, P. (2012) Genocide since 1945 – Making of the Contemporary World. London and New York: Routledge.

Thaler, K. (2012) “Foreshadowing Future Slaughter: From the Indonesian Killings of 19651966 to the19741999 Genocide in East Timor“. In Genocide Studies and Prevention 7, no. 2/3. Abrufbar unter: http://scholarcommons.usf.edu/cgi/viewcontent.cgi?article=1038&context=gsp (Stand 24.05.15)

1 Thaler (2012) S. 205- 206
2 Thaler (2012) S. 206
3 Spencer (2012) S. 59
4 Thaler (2012) S. 208
5 Thaler (2012) S. 206
6 Thaler (2012) S. 209
7 Spencer (2012) S. 57- 58
8 Thaler (2012) S. 207
9 Spencer (2012) S. 59- 60
10 Spencer (2012) S. 59- 60 / Thaler (2012) S. 208
11 Spencer (2012) S. 61
12 Spencer (2012) S. 60

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