#Ge·no·zid·blogger
24 Aug 2015

#Dersim – Zufluchtsort für Verfolgte

Dersim, eine Provinz in Ostanatolien, liegt inmitten einer unzugänglichen Bergregion mit bis zu 3600m hohen Bergen und tiefen Schluchten. Aufgrund der Berge, Täler und Wälder bot die Region den verfolgten Aleviten des Osmanischen Reichs Zuflucht vor den sunnitischen Osmanen, die gegen alle ethnischen und religiösen Gruppen vorgingen, die nicht ins Bild des Reichs passten.

DersimFoto: Jan Sefti/www.flickr.com/Creative Commons

Angesichts der geografischen Gegebenheiten war es Dersim weitgehend möglich, einen autonomen Status und eine gemischte Lebenskultur mit altiranischen, altanatolischen, alttestamentlichen, christlichen und islamischen Elementen aufrechtzuerhalten. In den 1930er Jahren lebten rund 150.000 Aleviten in dieser Region.1

Dennoch litten die Aleviten unter dem Kalifat des Osmanischen Reichs und begrüßten daher die Gründung der Türkischen Republik (1923) unter Mustafa Kemal Atatürk. Dieser versprach allen Bürgern gleiche Rechte, unabhängig der ethnischen oder religiösen Zugehörigkeit.2

Die Aleviten stellten jedoch bald mit 10 – 20% die größte religiöse Minderheit der Türkei dar, und Atatürk begann, sich an ihnen zu stören. Seiner Meinung nach standen sie der Republik und deren Modernisierung im Weg. Er war besessen von dem Gedanken eines homogenen türkischen Staates unter sunnitischer Prägung. Nicht-türkische Bürger wurden in syrische Grenzregionen vertrieben oder zur Ausreise gedrängt. Kurdische Aufstände wurden immer wieder niedergeschlagen. Dersim wurde zu einem „innenpolitischen Problem“.3

In seiner Rede zu Parlamentseröffnung 1936 bemerkte Mustafa Kemal Atatürk:

„Um diese Wunde, diesen furchtbaren Eiter in unserem Innern, samt der Wurzel anzupacken und zu säubern, müssen wir alles unternehmen – egal was es koste.“4

Dersim 2Foto: Jan Sefti/www.flickr.com/Creative Commons

#Massaker von Dersim

Als sich Gerüchte verbreiteten, dass in Dersim ein Aufstand organisiert würde, beschloss die türkische Zentralmacht am 04.05.1937 die Operation „Züchtigung und Deportation“. Das türkische Militär marschierte mit 50.000 Soldaten in die Bergregion ein und tötete unzählige Menschen. Die Opfer wurden erschossen, erstochen, verbrannt oder deportiert. Dörfer wurden niedergebrannt und mit Kampfflugzeugen bombardiert. Einigen Quellen zufolge soll sogar Giftgas zum Einsatz gekommen sein.5

Männer, Frauen, Alte und Kinder wurden von der türkischen Armee erschossen oder – um keine Munition zu verschwenden – mit Bajonetten erstochen. Kinder wurden teilweise entführt und deportiert oder mit ihren Müttern in Heuschuppen gelockt und dort bei lebendigem Leibe verbrannt. Ganze Dörfer wurden ausgerottet.6

Im Winter 1937/38 bot die türkische Regierung auf Grund der Wetterverhältnisse einen Waffenstillstand samt Friedensvertrag und sogar Kompensationen an. Daraufhin begab sich der Aufstandsanführer Seyit Riza für Friedensgespräche nach Erzincan. Dort wurde er jedoch verhaftet, im Schnellverfahren zum Tode verurteilt und sofort hingerichtet.7

Im Frühjahr 1938 schlug das Militär erneut zu: da der alevitische Aufstand nun keinen Anführer mehr hatte und unkoordiniert reagierte, hatte das Militär leichtes Spiel, und die türkischen Soldaten gingen noch brutaler vor. Zivilisten, die in Berghöhlen Zuflucht suchten, wurden eingemauert, ausgeräuchert oder verbrannt. Selbst regierungstreue oder kapitulierende Stämme wurden angegriffen und vernichtet. Viele Opfer stürzten sich aus Verzweiflung von den Bergklippen, um nicht gefangen genommen zu werden. Noch heute finden sich Knochen der Toten in den Bergen unter losem Geröll oder werden vom Fluss angespült.8

Der Aufstand wurde letztendlich niedergeschlagen, Dersim in Tunceli (türk. Eiserne Hand) umbenannt und das Gebiet militärisch besetzt. Die türkische Regierung spricht von 14.300 Toten, doch Menschenrechtler und Wissenschaftler gehen eher von 40.000 – 70.000 Opfern aus. Etwa 50.000 Menschen sollen deportiert worden sein. Noch heute stehen in der Bergen von Dersim die Schriftzüge: „Ich bin stolz, ein Türke zu sein.“9

Dersim 3Foto: Jan Sefti/www.flickr.com/Creative Commons

#Genozid oder Ethnozid?

Die Wissenschaft streitet sich, ob der Massenmord von Dersim unter die Definition der Völkermordkonvention fällt. War es die Absicht des türkischen Staates, alle Aleviten zu vernichten? Oder war es ein Ethnozid, dessen Absicht es „lediglich“ ist, eine Kultur, Religion und Sprache zu zerstören, nicht aber die Menschen physisch zu vernichten?

Bekannt ist, dass die Türken selbst die ganze Operation eine Säuberungskampagne nannten und gut darauf vorbereitet waren. Es war kein spontaner Angriff als Antwort auf die Aufstände.

Dem Massaker fielen bis zu 70.000 Menschen zum Opfer, die alevitische Kultur, Religion und ihre Lebensgrundlage wurden zum Großteil zerstört.10 Wäre es ein Ethnozid gewesen, hätte die Regierung ihre Opfer „einfach nur“ in verschiedene Teile des Landes deportieren müssen; dort wäre ihre Kultur wahrscheinlich der Assimilierung zum Opfer gefallen. Jedoch entschied sich die Regierung für einen sogenannten „Overkill“ und tötete unbewaffnete Zivilisten, Verbündete und Menschen, die sich bereits ergeben hatten. Die Aleviten selber nennen das Massaker „Tertele“ (Vernichtung) und messen ihm die gleiche Bedeutung wie dem Völkermord an den Armeniern bei.

Quellen:

Hirsch, H. (2011) „Das vergessene Massaker der Türken an den Aleviten“ auf welt.de Abrufbar unter: http://www.welt.de/kultur/history/article13729423/Das-vergessene-Massaker-der-Tuerken-an-den-Aleviten.html (Stand 02.08.15)

van Bruinessen, M. (1994) „Genocide in Kurdistan? The suppression of the Dersim Rebellion in Turkey (1937-38) and the Chemical War against the Iraqi Kurds (1988)“. In: Georg J. Andreopoulos (ed.), Conceptual and historic dimensions of genocide. University of Pennsylvania Press, Seite 141 – 170.

 

1 Hirsch, H. (2011) auf welt.de
2 van Bruinessen, M. (1994) S. 3 – 9
3 Hirsch, H. (2011) auf welt.de
4 Hirsch, H. (2011) auf welt.de
5 Hirsch, H. (2011) auf welt.de
6 Hirsch, H. (2011) auf welt.de
7 van Bruinessen, M. (1994) S. 3 – 9
8 van Bruinessen, M. (1994) S. 3 – 9
9 Hirsch, H. (2011) auf welt.de
10 van Bruinessen, M. (1994) S. 3 – 9

 

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