#Ge·no·zid·blogger e.V.
6 Jun 2016

Text: Corinna

#Warum töten wir?

Bevor wir uns etwas tiefer mit dieser schweren Frage beschäftigen, möchte ich kurz anmerken, dass dieser Post das Thema hier nur oberflächlich angehen kann. Ich bin a) keine ausgebildete Psychologin, b) haben selbst die besten Wissenschaftler noch keine eindeutige Antwort auf diese Frage gefunden, und c) würde das einfach Rahmen und Umfang eines Blogs sprengen.

Desweiteren möchte ich noch erwähnen, dass Mord niemals zu akzeptieren und Massenmord durch nichts zu entschuldigen ist, ganz gleich, was auch immer für Erklärungsversuche aufgelistet werden. Der Mensch hat immer die Möglichkeit zu wählen, rational zu denken und seine Handlungen zu reflektieren, denn das unterscheidet uns von den Tieren.

KZ SachsenhausenFoto: Thomas Matthias

#Massenmörder

Warum töten Menschen, und warum werden nur manche zu Mördern, andere wiederum nicht? Wer sind diese Menschen? Sind sie Psychopathen? Von Grund auf schlechte Menschen? Oder ganz normal, so wie Du und Ich?

Wenn das außergewöhnlich Böse nicht die Norm unseres Alltags ist (Hand hoch: Wer kennt einen Mörder?), was läuft dann schief? Wie werden wir so außergewöhnlich böse, dass wir einen anderen (oder tausende) Menschen einfach so umbringen? Seit den napoleonischen Kriegen (1803-1815) führt die Menschheit jedes Jahrzehnt durchschnittlich 6 internationale und 6 nationale (Bürger-)Kriege. Allein seit Ende des 2. Weltkriegs wurden 150 Kriege ausgefochten, und bei den kriegerischen Auseinandersetzungen des 20. Jh. sind etwa 100 Mio. Menschen umgekommen.1

Wenn man sich die verschiedenen Genozide anschaut, dann sieht man, dass die Täter meist ganz normale Leute waren. Ich meine, Nazi-Deutschland, Bosnien, Ruanda, Kambodscha etc., die ganzen Nationen konnten doch nicht nur aus pathologisch krankhaften Bürgern bestehen, oder? Hier scheint Hannah Arendts These von der „Banalität des Bösen“ einleuchtend. Demnach ist „das Böseste in der Welt das Böse, welches von „Nobodies“ begangen wird. Böses, begangen von Menschen ohne jedes Motiv. Ohne Überzeugungen, ohne bösen Charakter oder dämonischen Willen, von menschlichen Wesen, die sich weigern, Individuen zu sein“.2

Aber so einfach scheint es dann doch nicht zu sein, die Psyche des Menschen ist einfach zu komplex. Seit Jahrtausenden beschäftigen sich Philosophen, Denker und Psychologen mit der Natur des Menschen, und es gibt 4 verschiedene Hauptströmungen. Demnach sind wir Menschen von Natur aus:

#Neutral – wie ein weißes Blatt, das mit Erfahrungen, Eindrücken, etc. gefüllt und beschrieben wird. Gut und Böse sind Reflexionen unserer sozialen Umwelt und Erfahrungen.

#Gut – vor allem in den Religionen wird angenommen, dass jede Seele durch die göttliche Schöpfung von Grund auf Gut ist.

#Böse – Menschen sind von Grund auf böse, gefährlich und impulsiv.

#Beides – der Mensch hat eine gute und eine böse Seite inne, die in einem ewigen Kampf miteinander stehen.3 Demnach sind wir alle ein bisschen Dr. Jekyll und Mr. Hyde.

Holocaust Mahnmal BerlinFoto: Thomas Matthias

Ok, also verfolgen wir diese 4 Ansätze. Der französische Philosoph Descartes war der Meinung, dass nur wir Menschen dazu fähig sind, rationale und reflektierte Entscheidungen zu treffen. Wir handeln aus freiem Willen, denken über diesen nach und verhalten uns dementsprechend.4

Oder handeln wir doch nur aus angeborenen Instinkten heraus, so wie es der Darwinismus beschreibt? Demnach ist der Wettkampf unsere Natur. Ganz nach dem Thema „Survival of the fittest“ stehen wir schon seit Tausenden von Jahren in Konkurrenz zu anderen Individuen und Gruppen. Natürliche Selektion hat uns geprägt, und das Töten/ Verletzen von anderen brachte uns mögliche Vorteile. Demnach schlummert das Böse in Form von Instinkten in uns. Auch Sigmund Freud war der Ansicht, dass alle Menschen von Instinkten getrieben werden und wir nicht nur einen Instinkt zur Selbstverteidigung besitzen, sondern auch einen zur Zerstörung.5

Dagegen anführen könnte man, dass auch Altruismus und Kooperation ein guter Weg zum Überleben sein konnten bzw. der effektivste Weg zu konkurrieren. Fest steht, wir Menschen sind Teil der Natur mit Instinkten, aber auch psychologischen Tendenzen. Daher sind wir weder neutral noch ausschließlich gut oder schlecht. Sowohl das Gute als auch das Böse sind zutiefst menschliche Eigenschaften und können nicht losgelöst voneinander betrachtet werden.6

Aber warum nun wird dieser zum Massenmörder, jener nicht? Hierauf versucht die evolutionäre Psychologie eine Antwort zu finden, indem sie der Annahme nachgeht, dass uns unsere Umwelt enorm beeinflusst und formt.7 Dabei gibt es interne und externe Faktoren, welche aber zusammenspielen müssen – ein Beispiel: nur eine bestimmte Religion oder eine instabile Wirtschaftslage allein lassen uns nicht zum Massenmörder werden.

Warum töten wirFoto: Rory MacLeod/www.flickr.com/Creative Commons

#Kulturelles Glaubenssystem – Die Kultur, in der wir leben, die Gemeinschaft, Familie, Freunde, Religion, etc. formen uns in Persönlichkeit und Charakter, indem sie uns Werte, Prinzipien und Moralvorstellungen vermitteln.8 Schon von Kindesbeinen an können so gute und schlechte Werte vermittelt werden.

#Obrigkeitsdenken – Jeder Mensch hat eine andere Einstellung gegenüber Autoritätspersonen. Prinzipiell wird in jeder Form des Zusammenlebens eine gewisse Autorität benötigt, jedoch gibt es Menschen, die sehr stark darauf ansprechen. So ist bei manchen das Autoritätsgefühl so stark ausgeprägt, dass diese Individuen ihrem Anführer mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit nicht widersprechen, ihn nicht hinterfragen oder sich ihm / ihr entgegensetzen, auch wenn zur Gewalt aufgerufen wird.9

#Totalitäre Staaten – Gesellschaften, in denen Völkermord begangen wurde, waren bisher sehr häufig autoritäre und totalitäre Staaten, denn Diktaturen zerstören jegliche Oppositionen, setzen repressive Streitkräfte, Geheimpolizei und paramilitärische Organisationen ein. Der Staat erwartet absoluten Gehorsam und verschafft sich diesen, wenn nötig auch durch Gewalt und Terror.10 Dieser Auffassung, dass die Täter gezwungen werden, am Töten teilzunehmen, widerspricht Daniel Goldhagen. Er behauptet, verschiedene Untersuchungen zum Holocaust haben bewiesen, dass die Deutschen nicht zur Teilnahme an den Gräueln des Dritten Reichs gezwungen wurden. Keiner, der sich weigerte, jemanden umzubringen, wurde getötet, bestraft oder ins KZ gesteckt. Seiner Meinung nach ist es für einen Staat sehr schwierig, wenn nicht sogar unmöglich, seine ganze Bevölkerung zu terrorisieren.11 Dieser Meinung möchte ich nicht komplett widersprechen, jedoch ist es Tatsache, dass Staaten oft paramilitärische Einheiten einsetzen, um die Bevölkerung zu terrorisieren und mobilisieren. Z.B. wurden Widerständler zu NS-Zeiten verfolgt, verhaftet, zum Tode verurteilt oder ins KZ geschickt, um ein klares Signal zu senden.

#Gruppenzwang – Menschen sind im Grunde soziale Wesen, und weil das Überleben in der Gruppe meist leichter ist, wollen wir zu einer dazugehören. Wir wollen weder ausgeschlossen, bestraft, ausgelacht oder gar selbst umgebracht werden.12 (Zu diesem Thema empfehle ich das Buch oder den Film „Die Welle“)

#Ideologie – wird sehr oft zur Lebenseinstellung und kann dem Leben Sinn und Bedeutung geben. Die Anhänger der jeweiligen Ideologie sehen ihren Lebensstil als den richtigen an und werden diesen verteidigen bzw. anderen aufzwingen.13

#Politische, soziale und wirtschaftliche Umstände – können ergänzend zur Ideologie den Prozess des Hasses unterstützen, denn Ideologie wirkt nur im kulturellen Kontext. Befinden sich Menschen in einer Extremsituation, wie sie z.B. ein Krieg, eine Wirtschaftskrise, eine Phase der politischen Instabilität oder der Kampf um natürliche Ressourcen wie Wasser, Land und Essen darstellt, erfolgt eine moralische Abkoppelung. Wenn die grundsätzlichen menschlichen Bedürfnisse nicht mehr erfüllt werden können, wird ein Sündenbock gesucht, und radikale Ideen und „Lösungsvorschläge“ finden so deutlich leichter Gehör. Wenn uns das Töten Vorteile gewährt, wie etwa Land, Essen, beruflicher Aufstieg, Wohlstand, Macht, Prestige, etc., dann sind wir versucht, dem zu folgen.14

MassenmörderFoto: Evaldas Liutkus/www.flickr.com/Creative Commons

#Emotionen – die Anführer eines Genozids sind oft Meister darin, grundlegende Gefühle wie Angst, Wut, Scham, Demütigung, Ekel und Hass zu mobilisieren. Sie aktivieren die Täter, indem sie ihnen einreden, sie seien in großer Gefahr und müssten „die Anderen“ zerstören, ehe diese ihren teuflischen Plan umsetzen können. Selbstverteidigung ist das einzige Mittel, um das eigene Überleben zu sichern. Aber auch der Wunsch nach Rache und Vergeltung (für angebliche vergangene Ungerechtigkeiten) kann zum Töten bewegen. Oder auch die Angst vor einem Vergeltungsschlag der Opfer – bevor diese sich rächen können, löscht man sie lieber ganz aus.15 Better safe than sorry.

#Distanz – manche Menschen werden auch indirekt zu Massenmördern. Nicht, indem sie die Waffen erheben, sondern eher durch Bürokratie und Mithilfe. Sie nehmen zwar nicht direkt an den Gräueltaten teil, bereiten aber den Weg für einen Genozid in Form von Gesetzen, Regeln, Verwaltungsakten oder durch Ausarbeitung detaillierter Vernichtungspläne. Diese sogenannten „Schreibtischmörder“ sind oft Beamte, Anwälte, Richter, Staatsanwälte etc., die gar keinen direkten Kontakt zu den Opfern haben und daher auch gar nicht sehen, welches Leid ihr Handeln bereitet.16

#Völkermord als Prozess

Hier möchte ich noch einmal auf meinen Artikel über die Warnzeichen und Stufen eines Völkermords hinweisen. Ein Genozid geschieht nicht von heute auf morgen, sondern ist geplant, organisiert und entwickelt sich langsam, manchmal über Jahrzehnte. Die genozidale Ideologie wird den Menschen konstant und häppchenweise eingeflößt, so dass es die Menschen selbst nicht einmal mitbekommen.

Es beginnt mit der Einteilung in Gruppen („Wir“ gegen „Sie“) und der Verstärkung vorhandener Ressentiments, dem Rassismus wird der Boden bereitet. Die Opfer werden entmenschlicht (Kakerlaken, Krebs der Gesellschaft, schmutziges Pack, etc.), um jegliche menschliche Sympathie zu unterdrücken; Hassreden gehören zum Alltag. Die Täter lösen sich in einem aktiven Prozess moralisch los, um die Gräueltaten nicht mehr als schlimm zu empfinden. Der Täter beginnt, die Tat vor sich selbst zu rechtfertigen. Aus der Sicht der Täter können nur so die Werte der Gemeinschaft verteidigt und die Nation gerettet werden.17

Oft wird eine mildernde Sprache verwendet, um die wirkliche Grausamkeit zu vertuschen. Tote Zivilisten sind plötzlich Kollateralschäden, Menschen werden nicht getötet, sondern liquidiert, der Holocaust wird zur „Endlösung“, und das Einsperren in Ghettos und KZs ist Teil einer „Evakuierungs- und Umsiedlungsaktion“. Paul Hilberg analysierte tausende von Nazi-Dokumenten, nicht einmal fand er darin das Wort „töten“.18

#Fazit

Wie schon am Anfang erwähnt, sind das nur ein paar Beispiele und Erklärungsversuche, die nicht sehr in die Tiefe gehen. Warum Menschen zu Massenmördern werden, ist unglaublich komplex, aber man kann feststellen, dass die Charaktereigenschaften, die Herkunft, die Glaubens- und Wertevorstellungen einer Person mit ausschlaggebend sind, ob jemand zum Täter wird oder nicht. Wir müssen versuchen zu verstehen, wer die Täter sind, um zu verstehen, warum sie zu welchen werden.

Quellen:

Goldhagen, D. (2009) Worse than War – Genocide, Eliminationism and the ongoing Assault on Humanity. New York: Public Affairs.

Spencer, P. (2012) Genocide since 1945 – Making of the contemporary World. London and New York: Routledge.

Waller, J. (2002) Becoming evil: How ordinary People commit Genocide and Mass Killing. New York: Oxford University Press.

1 Waller, J. (2002) S. x
2 http://www.hannaharendt-derfilm.de/HA_Rede_dt_02.pdf
3 Waller, J. (2002) S. 136 – 138
4 Waller, J. (2002) S. 138
5 Waller, J. (2002) S. 140 – 141 / 149
6 Waller, J. (2002) S. 166 – 167
7 Waller, J. (2002) S. 145
8 Waller, J. (2002) S. 178
9 Waller, J. (2002) S. 180
10 Spencer (2012) S. 41 – 42
11 Goldhagen, D. (2009) S.149 – 152
12 Waller, J. (2002) S. 218
13 Waller, J. (2002) S. 182 – 183
14 Waller, J. (2002) S. 187 / 190 / Spencer (2012) S. 49
15 Spencer (2012) S. 47 – 48
16 Spencer (2012) S. 44 – 45
17 Waller, J. (2002) S. 185 – 186
18 Waller, J. (2002) S. 188 / 189

 

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