#Ge·no·zid·blogger e.V.
25 Okt 2017

Text: Corinna

#Wer sind die Rohingya?

Die Rohingya sind eine muslimische Minderheit in Myanmar, die hauptsächlich im nördlichen Rakhine-Staat, an der Grenze zu Bangladesch, lebt. Die Rohingya werden schon seit Jahrzehnten systematisch per Gesetz diskriminiert und von der buddhistischen Bevölkerung des Landes gehasst. Das 1982 eingeführte Staatsangehörigkeitsgesetz erkennt die Rohingya nicht als Staatsbürger an, obwohl sie schon seit Generationen in Myanmar leben. Sie gelten somit als staatenlos und werden infolgedessen immer wieder in ihren grundlegendsten Menschenrechten beschnitten. Ihnen werden ihre Identität und eine Heimat verwehrt, sie haben kein Recht zu studieren, zu arbeiten, zu reisen, zu heiraten oder ihre Religion auszuüben. Sie erhalten keine Ausweisdokumente und können daher nirgendwo eine Staatsbürgerschaft oder den Flüchtlingsstatus beantragen. Aufgrund ihrer Situation werden sie häufig ausgenutzt und misshandelt.

Foto: Jordi Bernabeu Farrús/www.flickr.com/Creative Commons

Darüber hinaus werden die Rohingya und andere muslimische Minderheiten auch immer wieder Opfer interkommunaler Gewalt. Einige einflussreiche Mönche bezeichnen die Rohingya als Inkarnation von Schlangen und Insekten und sollten daher wie Ungeziefer vernichtet werden. So kam es z.B. 2012 zu religiösen und ethnischen Ausschreitungen zwischen den Rakhine-Buddhisten und Rohingya, die zu zirka 200 Toten und 140.000 Vertriebenen führten. Seitdem kommt das Land nicht mehr zur Ruhe. Zehntausende Rohingya mussten auf Grund immer wieder aufflammender Gewalt in den darauffolgenden Jahren fliehen, doch kein Staat in Südostasien möchte sie aufnehmen. So strandeten z.B. im Mai 2015 tausende schutzsuchende Rohingya auf hoher See im Golf von Bengalen, da Malaysia, Thailand und Indonesien die Schiffe immer wieder zurück aufs Meer drängten. Hunderte Menschen starben.

#Wie ist die aktuelle Situation in Myanmar?

Seit dem 25. August 2017 führt das myanmarische Militär sogenannte „Säuberungsoperationen“ im Rakhine-Staat durch. Auslöser dafür war ein koordinierter Angriff auf verschiedene Polizeiposten und eine Militärbasis durch eine bewaffnete Gruppe Aufständischer, die sich selbst die „Arakan Rohingya Salvation Army (ARSA) nennt. Seitdem gibt es mehrere Berichte, wie Sicherheitskräfte alle Mitglieder der Rohingya bestrafen. Sie töten rechtswidrig Zivilisten, brennen ganze Dörfer nieder und vertreiben tausende Menschen. Überlebende im Flüchtlingscamp Cox’s Bazar in Bangladesch erzählen von grausamen Erlebnissen. Sie sahen, wie Regierungssoldaten Babys erstachen, Jungen die Köpfe abschlugen und Mädchen vergewaltigten. Sie werfen Granaten in Wohnhäuser, exekutieren unbewaffnete Zivilisten und verbrennen ganze Familien. Diese Art der Gewalt ist brutal und persönlich – sie entsteht aus einer langen Geschichte von ethnischem Hass. Es handelt sich um organisierte Massaker mit dem Ziel, die gesamte Rohingya Bevölkerung auszulöschen. Menschenrechtsermittler gehen von bis zu 5.000 Toten aus.

Rajumas‘ Geschichte

Soldaten gingen auf die zierliche junge Frau mit den hellbraunen Augen und den zarten Wangenknochen zu. Ihr Name ist Rajuma, sie stand bis zur Brust im Wasser und drückte ihren 18 Monate alten Sohn an sich, während ihr Dorf hinter ihr niederbrannte. „Du“, sagte einer der Soldaten und zeigte mit dem Finger auf sie. Sie erstarrte. „Du!“ Sie drückte ihr Baby fester an sich. Im nächsten Moment schlug der Soldat Rajuma mit einer Keule ins Gesicht, entriss ihr ihren Sohn und warf ihn ins Feuer. Anschließend schleppten die Soldaten die junge Frau in ein Haus und vergewaltigten sie. Im selben Raum wurden auch ihre zwei jüngeren Schwestern vergewaltigt und getötet. Im Raum nebenan erschossen die Soldaten ihre Mutter und ihren zehnjährigen Bruder. Irgendwann verlor sie das Bewusstsein – die Soldaten glaubten wahrscheinlich, sie wäre tot und setzten das Haus in Brand. Rajuma konnte sich in den nahegelegenen Wald retten. Zurzeit lebt sie in einem Flüchtlingscamp in Bangladesch.[1]

Foto: Erin Harper/www.vimeo.com

Mehreren Augenzeugenberichten zufolge sollen die „Säuberungsoperationen“ schon vor dem 25. August und den Angriffen durch die ARSA begonnen haben. Demnach wurden schon einen Monat vorher viele Rohingya-Männer unter 40 Jahren eingesperrt, Menschen wahllos getötet und gefoltert sowie Kinder vergewaltigt, um ein Klima von Angst und Schrecken zu verbreiten. Dabei wurden die Sicherheitskräfte von bewaffneten Rakhine-Buddhisten unterstützt.

Über 500.000 Rohingya sind bisher schon nach Bangladesch geflohen, um der Gewalt zu entkommen. Es gibt Reporte, dass Myanmar Landminen an der Grenze zu Bangladesch platziert, um die Rohingya von der Rückkehr abzuhalten. Am 11. September 2017 bezeichnete der Hohe Kommissar der UN für Flüchtlingsangelegenheiten, Zeid bin Ra’ad Zeid Al-Hussein, die Aktionen der myanmarischen Sicherheitskräfte als ein „Bilderbuchbeispiel für Ethnische Säuberung“. Am 13. September erklärte ein Regierungssprecher Myanmars, dass die Sicherheitskräfte im Zuge der „Säuberungsaktionen“ erfolgreich 176 Rohingya-Dörfer geräumt haben.

Vor nicht mal einem Jahr führte die Regierung Myanmars schon eine viermonatige Operation durch, um die angeblich aufständischen Rohingya zu bekämpfen. Damals kam es zu Massenverhaftungen, Folter, Vergewaltigungen, sexueller Gewalt, außergerichtlichen Hinrichtungen und der Zerstörung von Häusern und Moscheen, nachdem bewaffnete Militanten Grenzposten des Militärs angegriffen hatten.

Inzwischen bezeichnet die UN diese Verbrechen als Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Myanmar hat interne Untersuchungen eingeleitet, um diese Vorwürfe zu widerlegen, erlaubt jedoch gleichzeitig keine vom UN-Menschenrechtsrat beauftragten Ermittler im Land. Der UN-Generalsekretär António Guterres forderte am 02. September 2017 per Brief den Präsidenten des UN-Sicherheitsrates auf, die Situation in Myanmar zu adressieren und eine humanitäre Katastrophe zu verhindern, aber bis heute hat der UN-Sicherheitsrat weder ein Statement zu der Situation gegeben noch eine Resolution verfasst. Auf Grund der anhaltenden Gewalt, der Landminen und der zerstörten Lebensgrundlage ist es den Rohingya unmöglich, in ihre Heimat zurückzukehren, jedoch droht ihnen in Bangladesch die Internierung in speziellen Camps.

Die grausame Ironie an dieser schrecklichen Situation? Die Premierministerin von Myanmar ist Aung San Suu Kyi – Friedensnobelpreisträgerin (1991) und gefeierte Ikone im Kampf gegen Unterdrückung und sozialer Ungerechtigkeit. Jetzt verleugnet sie die Verbrechen an den Rohingya.

Quellen:

# Amnesty International Australia (2017) “Who are the Rohingya and what is happening in Myanmar?”, abrufbar unter: https://www.amnesty.org.au/who-are-the-rohingya-refugees/ (21.10.17)

# Aljazeera.com (2017) “What’s happening in Myanmar is genocide” von Starr Kinseth, A., abrufbar unter: http://www.aljazeera.com/indepth/opinion/Happening-myanmar-genocide-171016114145271.html (21.10.17)

# Global Centre for the Responsibility to Protect (2017) “Populations at Risk: Current Crisis Myanmar (Burma)”, abrufbar unter: http://www.globalr2p.org/regions/myanmar_burma (21.10.17)

# New York Times (2017) “Rohingya Recount Atrocities: ‘They Threw My Baby Into a Fire’” von Gettleman, J., abrufbar unter: https://mobile.nytimes.com/2017/10/11/world/asia/rohingya-myanmar-atrocities.html (21.10.17)

# Reuters (2017) “Brutal Myanmar army operation aimed at preventing Rohingya return: U.N.” von Nebehay, S., abrufbar unter: https://www.reuters.com/article/us-myanmar-rohingya-un/brutal-myanmar-army-operation-aimed-at-preventing-rohingya-return-u-n-idUSKBN1CG10A (21.10.17)

# United Nations Human Rights Office of the High Commissioner (2017) “Mission report of OHCHR rapid response mission to Cox’s Bazar, Bangladesh”, abrufbar unter: http://www.ohchr.org/Documents/Countries/MM/CXBMissionSummaryFindingsOctober2017.pdf (21.10.17)

# UN Dispatch (2017) “New Evidence Suggests that What’s Happening in Myanmar is no longer a “potential” genocide. It’s the real thing.” Von Curtis, K., abrufbar unter: https://www.undispatch.com/new-evidence-suggests-whats-happening-myanmar-no-longer-potential-genocide-real-thing/ (21.10.17)

[1] New York Times Gettleman, J. (2017)

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