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23 Feb 2015

#Osttimor – der blutige Weg zur Unabhängigkeit

Osttimor, auch Timor-Leste genannt, ist ein Teil einer kleinen Insel im Indischen Ozean, umgeben von Australien und Indonesien. Wenn man sich per Google Maps einen Kurztrip dorthin gönnt, glaubt man erst einmal, im Paradies mit weißen Stränden und türkisblauem Wasser angekommen zu sein. Aber das kleine Land hat eine schreckliche Geschichte zu erzählen, denn der Weg in die Unabhängigkeit war lang und blutig.

OsttimorFoto: yeowatzup/www.flickr.com/Creative Commons

#Geschichte

Mitte des 17. Jh. wurde der östliche Teil der Insel Timor von den Portugiesen kolonialisiert, der Rest gehörte zu Niederländisch-Indien. Im 2. Weltkrieg jedoch ließen sich die Portugiesen von den Japanern verdrängen. Daraufhin erhoben sich die Osttimoresen, und mit der Unterstützung Australiens kämpften sie gegen die japanischen Besetzer an. Als sich jedoch Australien rarmachte, schlachteten die Japaner 60.000 der Inselbewohner ab, was etwa 13 Prozent der gesamten Bevölkerung ausmachte.1 Nach dem 2. Weltkrieg wurde Niederländisch-Indien zu Indonesien, und Portugal errichtete wieder seine Herrschaft über Osttimor. Als im April 1974 die faschistische Regierung in Lissabon durch einen Putsch die Macht verlor und eine Demokratische Regierung in Portugal errichtet wurde, zogen die Portugiesen fast Hals über Kopf aus ihren Kolonien ab und überließen diese ihrem Schicksal.2

Zunächst sah es ganz gut aus für Osttimor: politische Parteien sprangen ins Leben, 1976 sollten Wahlen für eine verfassungsgebende Nationalversammlung abgehalten werden, drei Jahre später dann die Unabhängigkeit folgen. 1975 gewann die politische Partei Fretilin (Frente Revolucionária do Timor-Leste Independente Revolutionäre Front für die Unabhängigkeit Osttimors) die Wahlen auf ländlichem Niveau. Ihr Gegner, die UDT (União Democrática TimorenseTimoresische Demokratische Union), wollte diesen Wahlsieg jedoch nicht anerkennen und startete einen Putschversuch. Es gab mehrere tausend Tote und die UDT-Führung floh letztendlich nach Indonesien. Am 28. November 1975 erklärte Fretilin die Unabhängigkeit Osttimors.3

#Invasion

Kaum eine Woche später, am 07. Dezember 1975, begann Indonesien mit einer Invasion per Land, Luft und Wasser. US-Präsident Ford und US-Außenminister Kissinger gaben bei ihrem zeitgleichen Besuch in Indonesien grünes Licht hierzu, denn das Land war ein wichtiger politischer, ökonomischer und strategischer Partner. Es ist unter den Top fünf der bevölkerungsreichsten Staaten der Welt und war eine Bastion gegen den Kommunismus in Asien.4 In der größten Stadt Osttimors, Dili, verübte das indonesische Militär ein Massaker, bei dem tausende Menschen hingerichtet wurden.

„[…] 59 Männer, Chinesen und Timoresen, wurden an den Kai gestellt […], die Männer wurden einer nach dem anderem erschossen […]. Den Opfern wurde befohlen sich an den Rand des Piers zu stellen, mit dem Gesicht zum Wasser, so dass sie, wenn sie erschossen wurden, direkt ins Wasser fielen. Weitere indonesische Soldaten standen bereit und feuerten auf die Körper im Wasser, falls es noch ein Lebenszeichen gab.“5

Die Parteimitglieder von Fretilin flohen in die Berge, wohin ihnen in den folgenden Jahren zehntausende Zivilisten folgten. Sie bevorzugten es, lieber unter harten Lebensumständen als unter der Gewalt und den Repressionen Indonesiens zu leben.6

Kriegsschiff OsttimorFoto: Official U.S. Navy Page/www.flickr.com/Creative Commons

#Gewalt zwischen 1975 und 1999

Indonesien expandierte derweil seine Herrschaft durch Massaker an der Zivilbevölkerung über das ganze Land. Personen, die unter dem Verdacht standen, Unterstützer der Fretilin zu sein, und deren Familien wurden getötet, manchmal auch ganze Dörfer. So wie im Juli 1981 in der Aitana Region, wo ca. 10.000 Menschen starben:

„[…] (Sie) töteten jeden, von kleinen Babys bis hin zu alten Menschen. Unbewaffnete Personen, die nicht im Kampf verwickelt, aber einfach nur da waren, weil sie Fretilin treu waren oder frei in den Bergen leben wollten.“7

In den 1980er Jahren flaute die Welle der Gewalt etwas ab, verebbte aber nicht ganz. Wie z.B. im August 1983 in der Stadt Malim Luro. Indonesische Truppen fesselten Männer, Frauen und Kinder, insgesamt mehr als 60 Menschen. Dann zwangen sie ihre Opfer, sich hinzulegen, und überfuhren diese mit einer Planierraupe. Ein paar Zentimeter Erde sollten die zerquetschten Leichen verschwinden lassen. Überlebende des Verbrechens wurden in Konzentrationslager gesteckt, wo sie an Krankheiten, Mangelernährung und Zwangsarbeit verreckten.8

Auch Gebiete, die nicht unter indonesischer Besatzung standen, mussten Massenmord erleiden, denn Indonesien betrieb eine „Politik der verbrannten Erde“, warf Bomben ab, umzingelte die Gebiete und blockierte die Einfuhr von Nahrungsmitteln und anderen Waren. Zehntausende Menschen starben.9

#internationale Reaktion

Zwischen 1975 und 1999 sind etwa 180.000 Menschen in Osttimor ums Leben gekommen, das entspricht gut 25 Prozent der Bevölkerung. Die internationale Gemeinschaft akzeptierte größtenteils Indonesiens „Neue Ordnung“. Die UN verurteilte in einer Resolution den Angriff Indonesiens und forderte das Land auf, sich zurückzuziehen, dabei blieb es dann aber auch. Protest gegen den Völkermord kam nur von ein paar Timoresen im Exil, Menschenrechtsaktivisten und Wissenschaftlern.

Erst in den 1990er Jahren richtete sich der Blick der Weltöffentlichkeit verstärkt auf das kleine Land in Südostasien: dem Attentat vom 12. November 1991, bei dem 270 Zivilisten auf dem Friedhof Santa Cruz in Dili von indonesischen Truppen getötet wurden, folgte ein erster großer Aufschrei des Entsetzens. Ein paar ausländische Beobachter konnten mit belastendem wie verstörendem Filmmaterial fliehen.10 Die neue Internettechnologie kam den Osttimoresen dabei zugute. Es bildeten sich internationale Solidaritätsbewegungen, Demonstrationen wurden organisiert, Lobbyarbeit geleistet und die Regierungen dazu aufgefordert, das Verhalten Indonesiens zu verurteilen.

Militäreinsatz OsttimorFoto: Irish Defence Forces/www.flickr.com/Creative Commons

#Wendepunkt?

1998 gab es dann den finalen Anstoß im Unabhängigkeitsprozess, sowohl im guten wie im schlechten Sinne. Indonesien steckte in einer Wirtschaftskrise, der Militärdiktator General Suharto dankte ab, sein Vize B.J. Habibie übernahm das Amt. Dieser erklärte zur Überraschung der internationalen Gemeinschaft, dass sich Indonesien aus Osttimor zurückziehen würde, wenn die Bevölkerung für die Unabhängigkeit stimmt. Daraufhin organisierte die UN unter portugiesischer Führung ein Referendum für den 30. August 1999.11

Allerdings versuchte das indonesische Militär, das Referendum bzw. den Unabhängigkeitsprozess hinter dem Rücken der UN zu sabotieren, denn nach 25 Jahren Herrschaft wollten sie das Land nicht einfach wiederhergeben, unter anderem auch aus wirtschaftlichen Interessen. Sie beauftragten lokale Milizen, die Zivilbevölkerung zu terrorisieren, damit diese gegen die Unabhängigkeit stimme. Hunderte Osttimoresen, vor allem junge Aktivisten, wurden in diesem Prozess von Todesschwadronen oder in lokalen Massakern ermordet. Die UN überließ die Sicherheit dennoch den Händen der indonesischen Armee.12

#Eskalation

Überraschenderweise stimmte eine überwältigende Mehrheit von 78,5 Prozent bei einer Wahlbeteiligung von fast 98 Prozent für die Unabhängigkeit Osttimors. Daraufhin eskalierte die Gewalt. Internationale Beobachter und UN-Mitarbeiter versteckten sich in ihren Büros in Dili.13

„Während ich auf das UN-Gelände zulief, sah ich, wie ein Unabhängigkeitsunterstützer wie ein Tier gejagt wurde. Der junge Mann stürzte, nachdem er am Kopf mit einer Machete getroffen wurde. Dann fielen 6 schwarze T-Shirts über ihn her. […] Es dauerte nur 30 Sekunden, um diesen Mann in Stücke zu hacken. Die Attacke war so grausam, dass buchstäblich Stücke von ihm durch die Luft flogen…“14

Eine bisher unbekannte Zahl an Menschen wurde getötet, gefoltert, entführt oder vergewaltigt. Man geht von ca. 1.500 Toten aus, aber diese Angabe ist sehr wahrscheinlich viel zu niedrig, denn viele Leichen wurden von indonesischem Militär und timoresischen Milizen systematisch im Meer oder anderweitig entsorgt, um Beweise zu vernichten.15

Die Täter verbrannten weite Teile des Landes und Städte, um die Lebensgrundlage in Osttimor zu vernichten. Ca. 70 Proezent der Infrastruktur wurde dabei zerstört, Häuser, Shops und Lagerhallen geplündert. Bis zu 400.000 Menschen waren innerhalb des Landes auf der Flucht. Die UN evakuierte ihr Personal und überließ fast 2.000 Menschen, die auf dem UN-Gelände Zuflucht gesucht hatten, ihrem Schicksal.16

Timor LesteFoto:Department of Foreign Affairs and Trade (Australian Government)/www.flickr.com/Creative Commons

In Europa, Nordamerika und Australien gingen derweil hunderttausende Demonstranten auf die Straßen, um ihre Regierungen zum Handeln zu zwingen. Der UN-Generalsekretär Kofi Annan warnte Indonesien eindringlich, und auch die USA drohte, ihre militärischen Hilfeleistungen an das indonesische Militär einzustellen. Australien bot an, eine Einheit zur Stabilisation der Lage zu schicken und das Territorium zu patrouillieren. Daraufhin ließ Indonesien von Osttimor ab, und Ende September 1999 trafen UN-Truppen mit der Autorisierung des Sicherheitsrates ein.17

Im August 2001 erlangte Osttimor zwar endlich die Unabhängigkeit, aber kein Happy End. Das Land war materiell und menschlich zerstört, die Arbeitslosigkeit enorm hoch, und die Gewalt auf den Straßen eskalierte. Noch 2007 bezeichnete der Präsident Osttimors das Land als sehr zerbrechlich.18 Durch das Handeln Indonesiens wurde das ganze Land zerstört, und die Menschenrechte auf Essen, Arbeit, Bildung und medizinische Versorgung konnten nicht erfüllt werden.19

#Gerechtigkeit

Bisher wurde den Opfern der Gewalt keine Gerechtigkeit zuteil, denn indonesische und timoresische Politiker und Beamte haben bis heute nicht darauf bestanden. Es gab ein paar Gerichtsverfahren vor indonesischen Gerichten, aber alle Angeklagten wurden freigesprochen oder nur vergleichsweise milde Strafen verhängt.20 2001 gründete die UN eine Kommission, um die Verbrechen zwischen 1975 und 1999 zu untersuchen. Der 2.500 Seiten umfassende Report wurde 2005 an die Regierung Osttimors übergeben, aber diese hielt ihn für Monate unter Verschluss. Man hatte Angst vor der Destabilisierung der fragilen Beziehung zum „großen Nachbarn“ und ehemaligen Besatzer Indonesien. „Wir müssen die Courage Indonesiens respektieren, dass es unsere Unabhängigkeit akzeptiert und nicht den demokratischen Prozess unterbricht, nur um formale Gerechtigkeit zu erlangen.“21

Der UN-Report gab bekannt, dass insgesamt zwischen 180.000 und 200.000 Menschen umgebracht wurden. Das indonesische Militär benutzte Hunger als Waffe der Ausrottung, aber auch Napalm und andere chemische Waffen wurden eingesetzt, um das Essen und Trinkwasser zu verseuchen. Es gab außergerichtliche Massenhinrichtungen, Massaker und Folter. Menschen wurden öffentlich enthauptet, entführt, bei lebendigem Leibe verbrannt oder vergraben, verstümmelt sowie Ohren, Genitalien oder andere Körperteile abgeschnitten, um die Familie des Opfers einzuschüchtern.

Der Report beschuldigt die US-Regierung, das indonesische Militär politisch, finanziell und militärisch unterstützt zu haben. Dasselbe gilt für Australien, Frankreich und Großbritannien, denen die gute Beziehung zum antikommunistischen Indonesien wichtiger war als das Leben tausender Menschen.22

 

Quellen:

Gendercide Watch (2000) Case Study: East Timor, 1975- 1999 von Adam Jones. Abrufbar unter: http://gendercide.org/case_timor.html (Stand 22.01.15).

Jones, A. (2010) Genocide – A comprehensive Introduction. 2nd Edition. London and New York: Routledge.

Kiernan, B. (2002) Cover-Up and Denial of Genocide: Australia, the USA, East Timor and the Aborigines. In Critical Asian Studies, S. 163- 192. Abrufbar unter: http://www.peacepalacelibrary.nl/ebooks/files/aborigines.pdf (Stand 19.01.15).

Robinson, G. (2009) If You Leave Us Here We Will Die: How Genocide Was Stopped in East Timor. Princeton University Press: New Jersey.

Saul, B. (2001) Was the conflict in East Timor ‚Genocide‘ and why does it matter? Melbourne Journal of International Law Vol. 2. Abrufbar unter: http://mjil.law.unimelb.edu.au/files/dmfile/downloadc6da1.pdf (Stand 19.01.15).

1 Jones (2010) S. 310
2 Jones (2010) S. 310
3 Jones (2010) S. 310
4 Robinson (2009) S.58 / Kiernan (2002) S. 170
5 Gendercide Watch (2000)
6 Jones (2010) S. 311
7 Jones (2010) S. 311
8 Jones (2010) S. 312
9 Jones (2010) S. 312
10 Jones (2010) S. 312
11 Jones (2010) S. 312
12 Jones (2010) S. 312
13 Jones (2010) S. 312
14 Gendercide Watch (2000)
15 Gendercide Watch (2000)
16 Robinson (2009) S. 1
17 Jones (2010) S. 313
18 Jones (2010) S. 313
19 Saul (2001) S. 9
20 Saul (2001) S. 14- 16
21 Jones (2010) S. 314
22 Jones (2010) S. 314

 

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