#Ge·no·zid·blogger e.V.
10 Aug 2015

#Völkermord & internationale Hilfe
Im Juli 1995 attackierte die serbische Armee Srebrenica und tötete unter den Augen der UN etwa 8.000 männliche Muslime. Im ganzen Land fielen rund 250.000 Menschen einer ethnisch motivierten Säuberungskampagne zum Opfer.

In Ruanda wurden 1994 fast 800.000 Tutsi innerhalb von nur 100 Tagen getötet. Beide Länder wurden infolge des Genozids und des Bürgerkriegs zerstört und traumatisiert.

RuandaFoto: configmanager/www.flickr.com/Creative Commons

Die USA und ihre Alliierten sandten ihre besten Diplomaten, Militäroffiziere und Entwicklungsexperten nach Bosnien, um das Daytoner Friedensabkommen umzusetzen. Für Ruanda interessierte sich kaum jemand, und man überließ das Land größtenteils sich selbst. Heute, 20 Jahre später, ist Ruanda eine Erfolgsgeschichte und Bosnien steht an der Schwelle erneuter Gewalt. Wie kann das sein?

#Bosnien und Ruanda – Äpfel und Orangen?
Auf den ersten Blick scheint es, als könnte man die beiden Länder nicht miteinander vergleichen. Bosnien liegt in Europa und grenzt mit der EU direkt an eine der größten Wirtschaften der Welt an. Ruanda hingegen liegt mitten in einer der ökonomisch unterentwickeltesten Regionen der Welt. Außer dem Völkermord haben sie doch nichts gemein, oder?

BosnienFoto:ICTY photos/www.flickr.com/Creative Commons

Datenmaterial der Weltbank zufolge haben Bosnien und Ruanda sogar relativ viel gemeinsam in Hinblick auf Größe, Ökonomie und Hilfsleistungen. Beide Länder sind relativ klein und vom Festland umschlossen. Bosnien hatte Mitte der 1990er Jahre rund 3,5 Mio. Einwohner, Ruanda 5,5 Mio. Das Bruttoinlandsprodukt belief sich auf $1,9 Mrd. im Falle Bosniens und $1,3 Mrd. im Falle Ruandas. Beide zählten somit zu den ärmsten Ländern der Welt. Auch die Höhen der erhaltenen internationalen Hilfsgüter gleichen sich: zwischen 1995 und 2014 erhielten sie Beihilfen in Höhe von $12,3 Mrd. (Bosnien) und $10.9 Mrd. (Ruanda).

#Bosnien
Im Vergleich zu anderen ehemaligen jugoslawischen Nationen entwickelte sich Bosniens Wirtschaft eher träge; die Arbeitslosenquote liegt bei ca. 45%. Laut Transparency International hat Bosnien eine der höchsten Korruptionsraten auf dem Balkan und liegt im weltweiten Vergleich auf Platz 80 von 175. Die ethnischen Gruppen sind auch heute noch zerstritten und tief voneinander getrennt. Die Nationalhymne hat z.B. immer noch keinen Text, weil sich die verschiedenen Ethnien nicht auf einen einigen können.

BosnienFoto:Raphael Schön/www.flickr.com/Creative Commons

#Ruanda
Ruanda hingegen ist zu einem „Vorzeigestaat“ auf dem afrikanischen Kontinent geworden. Investitionen in die Infrastruktur sowie in das Bildungs- und Gesundheitssystem des Landes ermöglichten ein bemerkenswertes Wachstum. Mit einer durchschnittlichen jährlichen Wachstumsrate von ca. 14% gehört das kleine Land zu den am schnellsten wachsenden Ökonomien der Welt. Die Beschäftigungsrate liegt laut Regierungsangaben bei 100% (viele Ruandesen betreiben existenzialistische Landwirtschaft). Der Korruptionslevel ist einer der niedrigsten in der Region (Platz 55 von 175). Ausbrüche ethnischer Gewalt sind äußerst selten geworden.

RuandaFoto: Leandro Neumann Ciuffo/www.flickr.com/Creative Commons

#Internationale Beihilfen
Obwohl die Wichtigkeit ausländischer Zuwendungen in den letzten Jahrzehnten abgenommen hat, so sind sie für Nachkriegsländer immer noch von hoher Bedeutung, denn die heimische Wirtschaft ist oft zerstört, und ausländische Investoren sind rar. Allgemein gilt der Grundsatz, dass hohe Spenden den Wiederaufbau beschleunigen.

Im Fall von Ruanda kann man das bestätigen, ausländische Hilfsmittel wurden effektiv investiert, und die Wirtschaft floriert. Im Fall von Bosnien kann man dies jedoch ganz und gar nicht behaupten: obwohl die Korruption immer einen Faktor in dieser Entwicklung spielt, so haben Untersuchungen ergeben, dass das politische System eines Landes der ausschlaggebende Faktor für den Erfolg beim Wiederaufbau ist.

#Politisches System Bosniens
Das Friedensabkommen von Dayton sah vor, aus Bosnien einen ethno-föderalistischen Staat zu machen. Das Land wurde in drei ethnisch verschiedene Verwaltungseinheiten untergliedert, und jede Einheit hat seinen eigenen Präsidenten, der die jeweilige Ethnie repräsentiert. Diese drei Präsidenten wechseln sich alle 8 Monate in der Position als führendes Staatsoberhaupt ab. Jeder Präsident besitzt allerdings auch ein Vetorecht in Gesetzesangelegenheiten; daher kommt es oft zum politischen Stillstand. Das System hat ein Bürokratiemonster erschaffen, das nur wenig Spielraum für Reformen lässt.

Gleichzeitig steht der Internationale Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien (ICTY) in der Kritik, nicht effektiv zu arbeiten und sich zu sehr von der Politik beeinflussen zu lassen. Gerichtsverfahren auf lokaler Ebene sind größtenteils nicht erfolgreich, viele Verbrecher laufen noch frei herum; Täter und Opfer leben gewissermaßen Tür an Tür.

SarajevoFoto: Michal Huniewicz/www.flickr.com/Creative Commons

#Politisches System Ruandas
Die Rwandan Patriotic Front (RPF) beendete damals den Völkermord; ihr Anführer Paul Kagame wurde als Präsident eingesetzt. Um ethnischer Polarisierung vorzubeugen, wurde es ethnischen Gruppen verfassungsmäßig verboten, sich als Partei zu formieren. Geschlechtergleichheit wird groß geschrieben, 64% aller Parlamentarier sind Frauen. Das Land ist politisch stabil, öffentliche Mittel werden effektiv zur Verfügung gestellt. Ruandas Wirtschaft ist eine Vorzeigeökonomie inmitten einer Region, die von Gewalt und Armut geprägt ist.

Der Internationale Strafgerichtshof für Ruanda (ICTR) steht in der Kritik, weil die Verbrechen der RPF nicht verfolgt werden, aber lokale „Wahrheitskommissionen“ haben dafür gesorgt, dass tausende Verbrecher wegen der Beteiligung am Völkermord bestraft wurden.

Kigal, RuandaFoto: Oledoe/www.flickr.com/Creatice Commons

#Fazit
Bosnien muss sein politisches System revolutionieren, um endlich politisch und wirtschaftlich voranzukommen. Die Regierung Ruandas muss beweisen, dass sie bereit ist, ein politisches System zu erschaffen, welches allen Menschen politische Freiheit und Menschenrechte gewährt. Die Macht darf nicht bei der RPF verbleiben, und Paul Kagame muss 2017 in einer demokratischen Wahl seinem Nachfolger Platz gewähren.

Versagen die beiden Länder bei diesen Aufgaben, ist ein erneuter Ausbruch ethnischer Gewalt nicht auszuschließen. Haben sie Erfolg, könnten sie einer Zukunft in relativem Wohlstand und Frieden entgegenblicken.

Dieser Text ist eine deutsche Zusammenfassung von „Life After Genocide – Comparing Bosnia and Rwanda“ von M.F. Harsch und T. Y. Headly. Den Originaltext findet ihr hier.

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