#Ge·no·zid·blogger e.V.
9 Okt 2018

„Rückkehr nach Lemberg: Über die Ursprünge von Genozid und Verbrechen gegen die Menschlichkeit.“ von Philippe Sands

(Original: „East West Street. On the Origins of Genocide and Crimes Against Humanity“)

„Rückkehr nach Lemberg“ ist ein sehr interessantes sowie aufschlussreiches Buch von Philippe Sands, in welchem die Leser*innen zwei Geschichten erzählt bekommen: einmal die persönliche Familiengeschichte von Sands‘ Verwandten vor, während und nach dem Holocaust und zum anderen die Geschichte, wie sich das internationale Recht im Kontext des Völkermords entwickelt hat und unser heutiges Verständnis von Menschenrechte geprägt hat.

Philippe Sands ist Spezialist für Internationales Recht und wurde daraufhin von der Nationalen Iwan Franko Universität Lemberg eingeladen, einen Vortrag über den Ursprung des internationalen Rechts zu halten. Und mit dieser Einladung beginnt das Buch. Philippe Sands besinnt sich nicht nur seiner persönlichen Wurzeln in Lemberg, sondern deckt in großartiger Art und Weise diverse Details politischer und juristischer Geschichte auf. Denn aus Lemberg und Umgebung kommt nicht nur ein Teil seiner Familie, welche in Vielfältiger Weise Opfer des Holocaust geworden ist, sondern auch die zwei jüdischen Anwälte Raphael Lemkin und Hersch Lauterpacht, welche das internationale Recht fundamental geprägt haben, studierten in Lemberg. Lemkin prägte den Begriff „Genocide“ (Fokus auf Gruppen) und Lauterpacht „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ (Fokus auf dem Individuum) – zwei gegensätzliche Konzepte, die noch heute unsere Auffassung von internationalem Recht und Menschenrechte definieren.

Besonders interessant ist das Buch für alle Leser*innen, welche sich für das Thema Völkermord, Menschenrechte und Internationales Recht und dessen Geschichte interessieren. Das Buch gibt nicht nur einen detaillierten Einblick in das Leben von Raphael Lemkin und Hersch Lauterpacht, sondern erläutert ihren Einfluss auf die Nürnberger Prozesse und dessen Rechtsprechung. Trotz der vielen geschichtlichen, juristischen und politischen Fakten ist „Rückkehr nach Lemberg“ doch auch gerade auf Grund der persönlichen Geschichten sehr gut lesbar und fesselt die Leser*innen.

Das Buch besteht aus zehn Kapiteln zuzüglich Prolog und Epilog und gibt, unter anderem, Aufschluss über das Leben von Leon Buchholz (Sands‘ Großvater), Hersch Lauterpacht (Verbrechen gegen die Menschlichkeit), Raphael Lemkin (Genocide), Hans Frank (der „Schlächter von Polen“) und Miss Tilney (Widerstandskämpferin), aber auch über die Nürnberger Prozesse und dessen Entscheidungen.

Interessant war vor allem zu erfahren, dass die Angeklagten Nazis zwar bekanntermaßen nicht wegen Völkermord verurteilt wurden, jedoch der Begriff Genocide von einigen Richtern und Anwälten durchaus benutzt wurde. Das Konzept Verbrechen gegen die Menschlichkeit erhielt hingegen einen zentralen Platz in den Gerichtsentscheidungen. Beide Konzepte wurden aber auf Grund der Prozesse als jeweils gängiges Element des internationalen Rechts anerkannt.

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