#Ge·no·zid·blogger e.V.
11 Jul 2016

Text: Corinna

#Modelllager
Das Konzentrationslager Sachsenhausen wurde im Sommer 1936 auf Befehl von Heinrich Himmler in Oranienburg (Brandenburg) erbaut. Entworfen wurde das KZ von dem SS-Architekten Bernhard Kupier und sollte als idealtypisches KZ den Prototyp eines „modernen, vollkommen neuzeitlichen und jederzeit erweiterungsfähigen Konzentrationslagers“ (H. Himmler) darstellen.

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Konzipiert wurde das Lager als gleichschenkliges Dreieck, und alle Gebäude innerhalb der Fläche (Häftlingslager, Kommandantur, SS-Truppenlager) wurden symmetrisch um die Mittelachse angelegt. Auf der Grundlinie des Dreiecks stand der Wachturm A, von wo aus ein Maschinengewehr alle 68 Häftlingsbaracken erreichen konnte, welche wiederum in vier Ringen um den halbkreisförmigen Appellplatz angelegt wurden. Ein Erdbunker, diverse Foltervorrichtungen, mehrere Galgen, ein Krematorium, eine Gaskammer und eine Genickschussanlage gehörten ebenfalls zur „Standardausrüstung“ des KZ.

KZ Sachsenhausen

Zu dem zirka 388 Hektar großen Areal gehörten außerdem noch umfangreiche Wohnsiedlungen für die Familien höherer SS-Dienstgrade sowie bis zu 100 Außenlager. Nach dem Bau stellte sich jedoch heraus, dass die Anlage nicht beliebig erweiterbar war.

#Sonderstellung im KZ-System
Auf Grund der Nähe zur Reichshauptstadt Berlin und damit auch zur Gestapozentrale hatte das KZ Sachsenhausen eine Sonderrolle im KZ-System. So wurde dort, neben den Gefangenen, ein großes SS-Kontingent stationiert und diente als Ausbildungsort für die Allgemeine SS, KZ-Kommandanten und anderes Überwachungspersonal. So wurde z.B. der spätere Auschwitz-Kommandant Rudolf Höß in Sachsenhausen geschult und war dort 1938 Schutzhaftlagerführer.

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Waschstelle KZ Sachsenhausen

Ab 1938 hatte auch der Führer der SS-Totenkopfverbände seinen Sitz in Sachsenhausen, welcher für die zentrale Verwaltung und Überwachung aller Konzentrationslager im deutschen Machtbereich zuständig war.

#Häftlinge
Zwischen 1936 und 1945 wurden etwa 200.000 Menschen aus über 40 Nationen im KZ Sachsenhausen inhaftiert. Zuerst waren es hauptsächlich politische Gegner des NS-Regimes und Sonderhäftlinge, die die Gestapo dort inhaftierte, wie z.B. den Hitler-Attentäter Georg Elsner, den Von-Rath-Attentäter Herschel Grynszpan (Stichwort Reichskristallnacht) oder den ehemaligen österreichischen Bundeskanzler Kurt Schuschnigg sowie andere prominente Häftlinge.

Foto Thomas Matthias

Später kamen Mitglieder aller „rassisch und sozial minderwertigen Gruppen“ dazu. Hierzu zählten Juden, Homosexuelle, Sinti und Roma, Zeugen Jehovas, Arbeitsunwillige, Verbrecher und „Asoziale“. Nach der Reichskristallnacht vom 09./10. November 1938 wurden um die 6.000 Juden nach Sachsenhausen gebracht. Ab 1939 kamen tausende Häftlinge, Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene aus den besetzten Gebieten Europas nach Sachsenhausen. Aufgrund dessen erweiterte man schon 1938 das KZ um das „Kleine Lager“, in dessen Baracken fast ausschließlich Juden untergebracht wurden. Die meisten von ihnen wurden bis Oktober 1942 nach Auschwitz deportiert.

KZ Sachsenhausen

Sachsenhausen diente außerdem ab 1944 auch der „Sonderkommission 20. Juli“ als Haftlazarett. Die Hitler-Gegner Hans von Dohnanyi, Hasso von Boehmer, Siegfried Wagner und Carl Hans Hardenberg, die in Haft erkrankt waren bzw. einen Suizidversuch begangen hatten, wurden dort wieder aufgepäppelt – entweder für weitere Vernehmungen oder für ihre Hinrichtung.

Zehntausende Menschen starben in diesem KZ durch Hunger, Krankheiten, Zwangsarbeit und Misshandlung, aber auch durch systematische Vernichtungsaktionen. So wurden z.B. im Herbst 1941 zirka 12.000 sowjetische Kriegsgefangene ermordet. In der nachträglich eingebauten Gaskammer wurden neue Vergasungstechniken erprobt. Auch vor medizinischen Experimenten wurde nicht zurückgeschreckt, so wurden zahlreichen Opfern mutwillig schwere Wundinfektionen zugefügt, andere wiederum mit Hepatitis B infiziert.

Eingang zum KZ Sachsenhausen, Berlin

#Zwangsarbeit
Zunächst wurden viele Häftlinge in den eigenen SS-Werkstätten und Betrieben auf dem benachbarten Industriehof eingesetzt. Dort gab es Schneiderei-, Tischler-, Schlosser- und Elektrikerwerkstätten. 1938 wurde das Strafkommando „Klinkerwerk“ eingerichtet, welches sehr gefürchtet war, denn unter großen Opferzahlen wurden in diesem Werk Ziegel produziert.

Ab 1940 gab es auf dem Appellplatz eine extra angelegte Schuhprüfstrecke mit unterschiedlichen Bodenbelägen. Häftlinge des Schuhläufer-Strafkommandos mussten tagelang auf dieser Strecke marschieren, um das Sohlenmaterial für Wehrmachtstiefel zu testen.

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Ab 1942 wurden die Häftlinge vermehrt in der Rüstungsindustrie eingesetzt, wie z.B. bei den Heinkel-Flugzeugwerken oder Industriebetrieben wie Siemens, AEG, DEMAG-Panzer, Henschel-Werke Berlin, Daimler-Benz und I.G. Farben. Arbeitsunfähige und Kranke wurden regelmäßig nach Auschwitz abtransportiert.

#Befreiung
Im Januar 1945 waren im KZ Sachsenhausen und seinen rund 100 Außenlagern etwa 80.000 Menschen inhaftiert. Als die Rote Armee immer näher rückte, befahl der Lagerkommandant am 01. Februar, die Räumung des Lagers vorzubereiten. Infolgedessen wurden alle kranken und
„besonders gefährlichen Häftlinge“ (sowjetische & britische Offiziere) ermordet. Die SS ließ tausende Häftlinge in westlich gelegene Lager verlegen, wie z.B. Mauthausen und Bergen-Belsen. Zur gleichen Zeit trafen aber auch Häftlinge aus Auschwitz und Ungarn in Sachsenhausen ein.

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Am 21. April 1945 wurde das KZ dann endgültig geräumt. 33.000 Menschen wurden in Gruppen von bis zu 500 Häftlingen auf Todesmärsche Richtung Nordwesten geschickt. Tausende starben auf diesen unmenschlich langen Strecken an Entkräftung oder wurden von der SS erschossen.

Die zirka 3.000 zurückgelassenen Kranken, Ärzte und Pfleger wurden am 22./ 23. April 1945 von sowjetischen und polnischen Truppen befreit. Um die 300 Häftlinge starben in den darauffolgenden Wochen an den Folgen der Haft und wurden in sechs Massengräbern an der Lagermauer im Bereich des Krankenreviers bestattet.

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#Speziallager Nr. 7
Ab August 1945 nutzte der sowjetische Geheimdienst „Volkskommissariat für Innere Angelegenheiten“ das KZ Sachsenhausen als „Speziallager Nr. 7“. Inhaftiert wurden hier nun ehemalige NSDAP-Funktionäre, Verurteilte der sowjetischen Militärtribunale oder auch willkürlich Verhaftete. Im Frühjahr 1950 schloss man das Speziallager. Bis dahin wurden ca. 60.000 Menschen inhaftiert, 12.000 von ihnen starben an Unterernährung und Krankheiten. Heute kann man das Konzentrationslager sowie seine Museen und Ausstellungen kostenfrei besuchen.

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#Adresse und Öffnungszeiten
Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen – Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten
Straße der Nationen 22
16515 Oranienburg

Der Eintritt ist frei!

Öffnungszeiten Sommer: 15. März bis 14 Oktober: täglich 8.30 – 18.00 Uhr
Öffnungszeiten Winter:  15. Oktober bis 14. März: täglich 8.30 – 16.30 Uhr (montags sind die Museen geschlossen, aber die Open-Air-Dokumentation „Mord und Massenmord im KZ Sachsenhausen“, der Gedenkort „Station Z“ sowie das Besucherinformationszentrum sind geöffnet.)

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