#Ge·no·zid·blogger e.V.
4 Sep 2016

Text: Corinna

#Diskriminierung und Verfolgung

Die Sinti und Roma, früher auch „Zigeuner“ genannt, haben ihre historisch-geografische Herkunft im indischen Raum und kamen zwischen dem 8. und 12. Jahrhundert nach Europa, wo sie vorerst freundlich aufgenommen wurden. Die Menschen integrierten sich schnell und viele konvertierten zum Christentum. Ab den 16. Jahrhundert jedoch, begannen die Menschen die Sinti und Roma zu diskriminieren, zu verfolgen, zu enteignen und zu vertreiben. Noch heute wird dieser Minderheit viel Misstrauen und Vorurteile entgegengebracht.

Auch die Nazis machten sich den Grundhass gegen diese Gruppe zu Nutze und verfolgte die Sinti und Roma aus rassistischen Gründen, denn sie gehörten für die sie zu den „Untermenschen“.

Denkmal der ermordeten Sinti & Roma, BerlinDenkmal zur Erinnerung der ermordeten Sinti & Roma, Berlin

Im Juli 1933 erließen die Nazis das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses, welches zur Grundlage für die Zwangssterilisation tausender Sinti und Roma wurde. Mit dem Erlass der Nürnberger Rassengesetze wurden die Sinti und Roma genauso entrechtet wie die Juden und zu Bürgern zweiter Klasse degradiert. Ihnen wurden gewisse Rechte entzogen, Berufsverbote ausgesprochen und die Verbindung mit „Deutschblütigen“ verboten. Sie durften bestimmte Verkehrsmittel und Läden nicht mehr benutzen und erhielten keinen Zutritt mehr zu kulturellen und öffentlichen Einrichtungen. Ab 1941 durften die Kinder nicht mehr zu Schule gehen und ab 1942 entließ man alle Sinti und Roma aus der Wehrmacht.

„Zu den artfremden Rassen gehören […] in Europa außer den Juden regelmäßig nur die Zigeuner.“ – ehemaliger Reichsinnenminister Frick

Ab Sommer 1936 wurden hunderte Menschen, die zu den Sinti und Roma gehörten, in diverse Konzentrationslager interniert und zur Arbeit gezwungen. In vielen Städten, u.a. in Köln, Berlin, Frankfurt am Main, Magdeburg, Düsseldorf, Essen, Kassel, Wiesbaden und Hamburg, errichteten die Nazis Arbeitslager. Zwischen Juni 1938 und Juni 1939 wurden zirka 2.000 Sinti und Roma ab 12 Jahren in die Konzentrationslager Sachsenhausen, Mauthausen, Buchenwald, Ravensbrück und Dachau verschleppt. Der Erlass gegen Berufsverbrecher (1933) in Verbindung mit dem Asozialen-Erlass (1937) lieferte für die Polizei eine Blankovollmacht um die „Zigeuner“ als Berufsverbrecher und Asoziale unbefristet im KZ zu inhaftieren.

MassenmordDenkmal zur Erinnerung der ermordeten Sinti & Roma, Berlin

#Erste Schritte der Vernichtung

Im November 1937 errichteten die Nazis im Reichsgesundheitsamt die Rassenhygienische und Bevölkerungsbiologische Forschungsstelle, unter der Leitung von Dr. Robert Ritter. Diese Forschungsstelle spielte eine wichtige Rolle bei der Erfassung der Sinti und Roma im Deutschen Reich. Dr. Ritter und seine Mitarbeiter verfassten bis 1944 ca. 24.000 Rassegutachten, welche als Grundlage für die Zwangssterilisation und Ermordung in Auschwitz und anderen Vernichtungslagern dienten. Die notwendigen Unterlagen und Informationen zur Erstellung dieser Gutachten stellten die Polizei, Behörden und die Kirche der Forschungsstelle zur Verfügung.

Auf Befehl von Heinrich Himmler richtete man im Oktober 1938 im Reichskriminalpolizeiamt die Reichszentrale zur Bekämpfung des Zigeunerwesens ein, welche die Erfassung und Verfolgung der „Zigeuner“ koordinierte. Im Dezember des gleichen Jahres ordnet Himmler die „endgültige Lösung der Zigeunerfrage“ an und somit die Erfassung aller Sinti und Roma im Deutschen Reich. Die Sinti und Roma durften infolgedessen ihren Wohnsitz bzw. Aufenthaltsort nicht mehr verlassen und mussten sich bei der örtlichen Polizei melden.

Denkmal der ermordeten Sinti & Roma, BerlinDenkmal zur Erinnerung der ermordeten Sinti & Roma, Berlin

#Porajmos – „das Verschlingen“

Ab Mai 1940 fanden die ersten Deportationen der Sinti und Roma in die Ghettos nach Polen statt, von wo aus sie mit den Juden in die Vernichtungslager Treblinka, Sobibor und Chelmno gebracht und vergast wurden. Mit dem Einmarsch in die Sowjetunion im Sommer 1941 erschossen die Einsatzgruppen der SS systematisch tausende Sinti und Roma in Osteuropa.

„Es bestand kein Unterschied zwischen den Zigeunern und den Juden. Für beide galt damals der gleiche Befehl.“ – Otto Ohlendorf, ehemaliger SS-Einsatzgruppenleiter

Am 16. Dezember 1943 erließ Heinrich Himml­­er schlussendlich den Auschwitzerlass, aufgrund dessen tausende Sinti und Roma aus dem Deutschen Reich und Osteuropa in das sogenannte „Zigeunerlager“ in Auschwitz deportiert wurden. Dieser Lagerabschnitt B II e bestand aus 240 Baracken für bis zu je 800 Menschen und war durch elektrischen Stacheldrahtzaun vom Rest des Lagers getrennt. Insgesamt wurden in diesem Lager 20.000 bis 23.000 „Zigeuner“ interniert. Ein Drittel von ihnen starb an Hunger, Krankheit, Misshandlung oder wurde Opfer medizinischer Experimente. In der Nacht vom 02. zum 03. August 1944 löste die SS das gesamte „Zigeunerlager“ auf und schickte die verbliebenen 2.897 Frauen, Männer und Kinder ins Gas.

Sinti und RomaDenkmal zur Erinnerung der ermordeten Sinti & Roma, Berlin

Die Sinti und Roma haben für dieses Verbrechen ihren eigenen Namen: Porajmos – das Verschlingen. Insgesamt kamen während des Holocaust schätzungsweise eine halbe Million Sinti und Roma ums Leben, doch wurde der Völkermord an ihnen Jahrzehnte lang verleugnet.  Nach dem Holocaust hieß es, die Sinti und Roma wurden nicht aus rassistischen Gründen, sondern wegen ihrer asozialen und kriminellen Lebensweise inhaftiert. Erst am 17. März 1982 erkannte der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt, unter massiven öffentlichen Druck, den Völkermord an den Sinti und Roma an.

„Den Sinti und Roma ist durch die NS-Diktatur schweres Unrecht zugefügt worden. Sie wurden aus rassischen Gründen verfolgt. Diese Verbrechen haben den Tatbestand des Völkermords erfüllt.“ – Helmut Schmidt, ehemaliger Bundeskanzler

Mehr zu dem Thema sowie eine ausführliche Chronologie des Völkermords an den Sinti und Roma findet ihr auch auf der Website des Dokumentations- und Kulturzentrum Deutsche Sinti und Roma.

Quellen:

# Deutsches Historisches Museum (2015) „Der Völkermord an den Sinti und Roma“ von Scriba, A. Abrufbar unter: https://www.dhm.de/lemo/kapitel/der-zweite-weltkrieg/voelkermord/voelkermord-an-sinti-und-roma.html (Stand: 23.08.2016)

# Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma „Vernichtung“. Abrufbar unter: http://www.sintiundroma.de/sinti-roma/ns-voelkermord/vernichtung.html (Stand: 23.08.2016)

# www.planet-schule.de „Sinti und Roma in Deutschland“. Abrufbar unter: https://www.planet-schule.de/wissenspool/spuren-der-ns-zeit/inhalt/hintergrund/sinti-und-roma.html (Stand: 23.08.2016)

# Zukunft braucht Erinnerung (2014) „Der Holocaust an Sinti und Roma“ von Loubichi, S. Abrufbar unter: http://www.zukunft-braucht-erinnerung.de/der-holocaust-an-sinti-und-roma/ (Stand: 23.08.2016)

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