#Ge·no·zid·blogger e.V.
9 Aug 2018

Text: Corinna

#Sri Lanka

In Sri Lanka wütete fast drei Jahrzehnte lang ein brutaler Konflikt zwischen der Regierung Sri Lankas und den Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE). Die letzte Phase des Krieges, welcher offiziell am 19.05.2009 mit dem Sieg der Regierung über die LTTE endete, war besonders brutal, und es stellt sich die Frage: Konstituieren die begangenen Verbrechen Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit oder sogar Völkermord?

Foto: Michael Theis/www.flickr.com/Creative Commons

Sri Lanka ist ein Inselstaat im Indischen Ozean, östlich der Südspitze Indiens. Der Staat ist ethnisch, religiös und linguistisch divers. Von den rund 21 Millionen Einwohnern gehören 75% der Menschen zu der Gruppe der Singhalesen (Religion: Buddhismus, Sprache: Sinhala), 15,4% sind der Volksgruppe der Tamilen zugehörig (Religion: Hinduismus, Sprache: Tamil), 7% identifizieren sich als Muslime, die überwiegend Tamil sprechen.

Sri Lanka, welches bis 1972 Ceylon hieß, litt rund 400 Jahre unter portugiesischer, niederländischer und zum Schluss britischer Kolonialherrschaft. 1948 erlangte der Staat schlussendlich die Unabhängigkeit, mit welcher jedoch die ethnischen Spannungen begonnen, denn mit der Unabhängigkeit kam auch die singhalesische Elite an die Macht. Diese Elite verfolgte nur kurzfristige Ziele, welche auf kommunalen und ethnischen Sentiments basierten, um Stimmen und Macht zu gewinnen. Langfristige Ziele, und damit der Aufbau einer inklusiven Gesellschaft, die alle Ethnien wiederspiegelt, wurde vernachlässigt. Sri Lanka wurde so ein Land für Singhalesen und Buddhisten; Tamilen und andere Minderheiten wurden auf Grund ihrer Ethnie aus der Politik ausgeschlossen und Sinhala als einzige Amtssprache festgelegt.

In den 1950er Jahren formierten sich Angehörige der Tamilen zu friedlichen Protesten, aber auf Grund der anhaltenden Unterdrückungen wurden die Aktionen immer gewaltsamer. In den 1970er Jahren begannen junge, desillusionierte Tamilen aus dem Norden Sri Lankas, mit Hilfe von militanten Mitteln und bewaffneten Revolten gegen den Staat zu protestieren. Statt den zugrundeliegenden ethnischen Konflikt und die Ungleichheiten zu beseitigen, ordnete die sri-lankische Regierung diese Unruhen als „Gefahr für die nationale Sicherheit“ ein und antwortete mit Gewalt, Verschwindenlassen, außergerichtlichen Hinrichtungen und Folter. Gewalttätige Repressionen durch singhalesische Nationalisten verstärkten nur die Intensität und Häufigkeit der tamilischen Gegenattacken gegenüber staatlichen Sicherheitskräften. Der Konflikt wurde so zur Reflektion politischer und ethnischer Linien.

1977, 1979, 1981 und 1983 kam es zu sogenannten Tamilen-Pogromen, welche teilweise von der Regierung unterstützt wurden. Als die gewaltsamsten Übergriffe werden die Attacken von 1983 angesehen; diese gelten als offizieller Kriegsbeginn. Damals töteten Soldaten der politisch-militanten Gruppe Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE) in der nördlichen Provinz Jaffna 13 Soldaten der sri-lankischen Armee. Als Antwort darauf organisierte die Regierung Busse, mit welchen der singhalesische Mob in die Tamilenprovinz fahren konnte und stellte diesem Mob offizielle Wählerlisten zur Verfügung, um Tamilen identifizieren und angreifen zu können. Tausende Tamilen wurden getötet oder vertrieben; die Repressionen verschärften sich.

Foto: DFAT – Department of Foreign Affairs and Trade/www.flickr.com/Creative Commons

#Die Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE)

Die LTTE setzte sich als alleiniger Repräsentant der Tamilen unter all den militanten Gruppen durch. Um dies zu erreichen, betätigte sich die LTTE gewalttätiger Taktiken, um andere Tamilengruppen zum Schweigen zu bringen. Der LTTE-Anführer Velupillai Prabhakaran forderte absolute Loyalität und Aufopferung und kreierte eine Art Kult um seine Person. Interner Dissens wurde nicht geduldet, und wer verdächtigt wurde, mit der Regierung zu arbeiten bzw. kooperieren, wurde als Verräter gebrandmarkt und oftmals getötet. Die Gewalt der LTTE richtete sich nicht selten auch gegen tamilische Zivilisten und brachte Angst und Misstrauen hervor. Kinder, egal ob Mädchen oder Jungen, wurden als Kindersoldaten zwangsrekrutiert, im Norden lebende Singhalesen und Muslime wurden vertrieben. Seit den 1990er Jahren bis Mai 2009 kontrollierte die LTTE weite Teile des Nordens und Ostens Sri Lankas und betrachtete dieses Gebiet de facto als Staat mit eigener Polizei, Gefängnissen, Einwanderungsbehörde, Banken, Sozialsystem sowie Militär und Geheimdienst.

Die LTTE setzten im Krieg vor allem Selbstmordattentäter und Bomben gegenüber militärischen, politischen, aber auch zivilen Zielen ein. Bei diesen Selbstmordattentaten kamen vor allem viele Zivilisten und Politiker ums Leben, unter ihnen auch moderate Tamilen. Aufgrund dessen wurden sie von vielen Regierungen, wie z.B. der EU, USA, Kanada und Indien offiziell als Terroristen eingestuft.

#Der sri-lankische Staat

Trotz des Krieges ist Sri Lanka ein gut entwickeltes Land mit (augenscheinlicher) Demokratie, Mehrparteiensystem und niedriger Kindersterblichkeitsrate. Aber die Verfassung des Staates verankert weitreichende Macht im Amt des Präsidenten / der Präsidentin, der / die gleichzeitig Oberhaupt des Staates ist sowie das Oberhaupt der Regierung, Oberste(r) Befehlshaber(in) der bewaffneten Streitkräfte und oftmals auch Vorsitzende(r) verschiedener Ministerien. Viele Jahrzehnte wurde Sri Lanka unter Notstandsgesetzen regiert, welche den staatlichen Behörden weitgehende Vollmachten einräumten. Dies begünstigte die Stellung des Präsidenten / der Präsidentin, die Politisierung staatlicher Institutionen und die Schwächung der Gewaltenteilung und Justiz. Auch das 1979 eingeführte Anti-Terror-Gesetz sowie der globale Krieg gegen den Terror begünstigten fundamentale Menschenrechtsverletzungen. Menschen verschwanden, wurden umgebracht oder gefoltert, geschlechtsspezifische Gewalt, Vergewaltigungen, sexuelle Ausbeutung und Belästigung blieben ungesühnt. Medien und Journalisten wurden eingeschüchtert, internationale NGOs aus dem Land ausgeschlossen.

Foto: Adam Jones/www.flickr.com/Creative Commons

#Schlussphase des Kriegs

Zwischen Februar 2002 und Januar 2008 bestand zwischen der sri-lankischen Regierung und der LTTE ein Waffenstillstand, welcher von der internationalen Gemeinschaft unterstützt wurde. Jedoch kam es ab August 2006 wieder zu gewaltsamen Anfeindungen. Am 16.01.2008 startete die sri-lankische Regierung erneut eine militärische Operation gegen die LTTE (die LTTE hatte den Waffenstillstand ihrerseits bereits im April 2003 aufgehoben). Die LTTE reagierte mit erneuten Selbstmordattentaten auf Zivilisten, welche alarmierende Ausmaße annahmen. Daraufhin wurde das Militärbudget erhöht und das Regierungsheer um das Dreifache auf ca. 300.000 Personen aufgestockt. Ausländische NGOs und UN-Vertreter wurden aus von Tamilen besetzten Zonen unter dem Vorwand, die Regierung könne die Sicherheit nicht mehr garantieren, ausgewiesen. Die LTTE ließ die ausländischen Mitarbeiter ausreisen, aber nationalen Mitarbeitern (ca. 320) wurde die Ausreise verboten; diese mussten in der Region verbleiben. Somit waren nur noch singhalesische und tamilische Ärzte und Journalisten in der Region und eine unabhängige Beobachtung sowie Berichtserstattung des Konflikts nicht mehr möglich.

Ab September 2008 umschloss die sri-lankische Armee die von den Tamilen regierte Vanni-Region von mehreren Seiten und schloss LTTE-Kämpfer sowie Zivilsten ein. Zwar verteilte die sri-lankische Armee Flugblätter und forderte die Zivilsten auf, die Region zu verlassen, konkretisierten dabei aber nicht, wie dies vonstattengehen sollte. Darüber hinaus erhielten die Zivilisten keine Ausreisegenehmigung durch die LTTE, viele blieben aber auch, da sie Angst vor der Regierung und gleichzeitig auch vor Vergeltungsschlägen durch die LTTE hatten. Wer versuchte, aus der Provinz zu fliehen, wurde erschossen

Unter Einsatz von schweren Waffen bombardierte die sri-lankische Armee die Region und zwang somit die dort lebenden Zivilisten, immer weiter in LTTE-kontrolliertes Gebiet zu fliehen und machten sie abhängig von humanitärer Hilfe.

Die LTTE war schon mit erneuten Beginn der Feindseligkeiten personell stark geschwächt und hatte Schätzungen zu Folge nur noch etwa 5.000 kampferprobte Mitglieder. Daher nahmen sie schlecht ausgebildete Kämpfer in ihre Reihen auf, rekrutierten unter Zwang vermehrt Kindersoldaten und nutzten Zivilisten als Schutzschild bzw. Kanonenfutter. Ende 2008 / Anfang 2009 verlor die LTTE Einfluss über ihre Schlüsselpunkte Kilinochchi und Puthukkudiyiruppu. Experten zufolge hatte die LTTE damit den Krieg schon verloren.

Foto: Daran Kandasamy/www.flickr.com/Creative Commons

#Verbrechen der sri-lankischen Regierung & Armee

Obwohl die sri-lankische Regierung offiziell eine Strategie ohne zivile Opfer verfolgte und die Rettung von Zivilsten vor der LTTE angeblich oberste Priorität hatte, so attackierte die Armee immer wieder zivile Objekte, wie z.B. Krankenhäuser, Übergangslager für verwundete Personen oder humanitäre Hilfsstellen. Ohne Zustimmung der LTTE errichtete die sri-lankische Armee drei „No Fire Zones“ (NFZ), sogenannte Sicherheitszonen, auf dem Gebiet der LTTE und forderte die Zivilisten per Flugblätter auf, sich dorthin in Sicherheit zu begeben. Beworben wurden diese Zonen mit Schutz vor Luft- und Bombenangriffen, 100 Sri Lanka Rupien pro Tag, TV, Telefon und Freizeiteinrichtungen.

Trotz des Versprechens, dass diese NFZ sicher seien, konnten sie nicht als sicher und neutral betrachtet werden, denn die NFZ befanden sich in einem Gebiet, zu welchem die sri-lankische Armee überhaupt keinen Zugang hatte und es gab auch keine Einigung mit der LTTE, dass diese Sicherheitszonen nicht beschossen werden. Darüber hinaus waren diese NFZ keine neu geschaffenen Einrichtungen, sondern bereits existierende Militärpositionen der LTTE. Eine Waffenruhe konnte in diesen Zonen folglich überhaupt nicht garantiert werden. Diese Aktion wirft Fragen zur Absicht der sri-lankischen Regierung auf, denn natürlich eröffnete die LTTE von diesen Militäreinrichtungen aus das Feuer und die sri-lankische Armee erwiderte es entsprechend.

Obwohl die sri-lankische Armee die Möglichkeit der Luftaufklärung nutzte und über Waffen verfügte, die eine akkurate Anvisierung des Ziels möglich machte, nutzte es z.B. Panzerabwehrraketen in einer Art und Weise, die die Reichweite und Genauigkeit der Geschosse veränderte und somit die anwesenden Zivilisten überproportional gefährdete. Satellitenbilder, welche dem UN-Expertenausschuss für Sri Lanka vorliegen, belegen, dass die sri-lankische Armee in den letzten fünf Monaten des Konflikts die NFZ aktiv und anhaltend anvisierten. Die Regierung behauptete hingegen, dass sie sich in den Grenzen des internationalen Rechts befanden, denn die LTTE wäre an dem Beschuss der NFZ selbst Schuld, da diese ihre Munition und strategisch wichtigen Stützpunkte mit Absicht in bewohnten Gebieten, den NFZ und Krankenhäusern errichtete und die Zivilisten willentlich als Schutzschilde benutzte. Zwar hat die LTTE tatsächlich selbst Verbrechen an den Tamilen begangen und die Zivilisten als Schutzschilde genutzt, aber dies entbindet den sri-lankischen Staat nicht davon, sich an geltendes Kriegsvölkerrecht zu halten und jegliche Vorkehrungen zu treffen, um keine Zivilisten zu verletzen. Die NFZ wurden jedoch ohne Vorwarnung und Evakuierungsmöglichkeiten beschossen, was unweigerlich zu Kollateralschäden an der Zivilbevölkerung führen musste.

Foto: trokilinochchi/www.flickr.com/Creative Commons

In der Konfliktregion waren zehntausende Menschen eingeschlossen und benötigten dringend humanitäre Hilfe und medizinische Versorgung. Die miteingeschlossenen nationalen Mitarbeiter versuchten diese Hilfe zu leisten, jedoch wurden sie mehrmals bei ihrer Arbeit durch die sri-lankische Regierung bzw. Armee gehindert. So wurden z.B. klar markierte Einrichtungen der UN und des Internationalen Roten Kreuz (ICRC) beschossen und bombardiert. Krankenhäuser, die meist ein großes rotes Kreuz auf dem (Zelt-)Dach hatten, wurden fast schon systematisch durch die sri-lankische Armee angegriffen, was gegen internationales Kriegsrecht ist. Darüber hinaus gab es im März und April 2009 drei Attacken auf Essensausgabestellen, obwohl die sri-lankische Regierung / Armee über diese Ausgabepunkte sowie Datum und Zeit der Ausgabe informiert waren. Zeugen berichteten, dass bei allen drei Angriffen zuerst militärische Aufklärungsdrohnen in der Nähe auftauchten und kurz darauf die Angriffe folgten, obwohl es keine Anzeichen für militärische Aktivitäten der LTTE in der Nähe gab. Bei einem der Angriffe sind rund 50 Menschen, hauptsächlich Frauen und Kinder, gestorben.

Überdies verhängte die Regierung strenge Kontrollen und Vorschriften, welche und wie viele Güter in die LTTE-kontrollierte Region geliefert werden durften und stellte dadurch humanitäre Organisationen vor große Hürden. Die Menge und Art des Essens, der Medikamente und anderer Hilfsgüter, die geliefert werden durften, reichte nicht annähernd für die in der Konfliktzone lebenden Menschen aus. Außerdem durften zwischen Januar und Mai 2009 weder Benzin, noch Öl in die Region geliefert werden. Damit konnten Ambulanzen nicht mehr genutzt und Wasserpumpen nicht betrieben werden. Auch die Lieferung von lebenswichtigen Medikamenten und medizinischen Materialien wurde eingestellt. Die Regierung ging offiziell davon aus, dass weniger als 100.000 Menschen in der Konfliktzone leben und humanitäre Hilfe brauchen, dabei war die Zahl viel zu niedrig angesetzt. Mit dieser niedrigen Zahl sollten wohl die Lieferbeschränkungen und Sanktionen auf Lebensmittel und Medikamente gerechtfertigt werden. Dies stellt die Frage, ob die Regierung die Tamilen absichtlich aushungern ließ. Dies wäre ein weiteres Kriegsverbrechen.

Nach der Niederlage der LTTE wurden viele Vertriebene in Camps gesteckt und dort ihrer Freiheit beraubt. Vergewaltigungen, willkürliche Verhaftungen, Folter und unmenschliche Lebensbedingungen waren an der Tagesordnung in diesen Camps.

#Verbrechen der LTTE

Auch die LTTE beging schwere Kriegsverbrechen, hauptsächlich an den eigenen Leuten. Die LTTE zwang Zivilisten, in einer Konfliktzone ohne nennenswerte, humanitäre Hilfe zu leben, verweigerte ihnen die Ausreise oder erschoss sie bei Fluchtversuchen. Sie entführten Erwachsene, ließen sie verschwinden oder zwangen sie zum Militärdienst. Kinder wurden ihren Familien entrissen und als Soldaten eingesetzt. Die Liberation Tigers benutzten Zivilisten als Schutzschilde und deponierten militärisches Equipment, Artillerie und Munition in der Nähe von zivilen Einrichtungen, wie z.B. den NFZ, Krankenhäusern oder bewohnten Gebieten. Nicht selten startete die LTTE unangemeldete Angriffe aus der unmittelbaren Umgebung dieser zivilen Einrichtungen und nahmen damit Gegenangriffe und zivile Kollateralschäden billigend in Kauf. Zudem beschoss die LTTE humanitäre Hilfskonvois. Darüber hinaus setzte nicht nur die sri-lankische Armee sexuelle Gewalt als Kriegswaffe ein. Einigen Berichten zufolge sollen auch LTTE-Kämpfer tamilische Frauen vergewaltigt haben. Auf Grund gesellschaftlicher Stigmata wird darüber aber unter den Opfern oft geschwiegen.

Foto: DFAT – Department of Foreign Affairs and Trade/www.flickr.com/Creative Commons

#War es Völkermord?

Konstituierte die letzte Phase des Bürgerkriegs einen Genozid, oder handelte es sich „nur“ um Kriegsverbrechen bzw. Verbrechen gegen die Menschlichkeit? Fakt ist, dass das politische System Sri Lankas gegenüber den Tamilen jahrzehntelang rassistisch und diskriminierend war. Schon die Kolonialherren bauten den Staat auf der Grundlage der singhalesischen Mehrheitsgesellschaft auf und die darauffolgenden Regierungen haben auch nach der Unabhängigkeit die rassistische Struktur der Mehrheitsregierung aufrechterhalten. So wurden zum Beispiel Sinhala als offizielle Sprache eingeführt und den Tamilen teilweise ihre Rechte aberkannt. Es stellt sich somit die Frage, ob die Regierung Sri Lankas nach einem jahrzehntewährenden Konflikt mit den Tamilen vorhatte, diese endgültig auszulöschen.

Zwar wurden von den Vereinten Nationen und diversen Menschenrechtsgruppen Kommissionen, Panels und Untersuchungsausschüsse eingesetzt, aber es gibt bis heute keine einheitliche Beurteilung des Konflikts. Das UN-Panel für Sri Lanka, Human Rights Watch und die International Crisis Group bezeichnen die Taten als Kriegsverbrechen, Amnesty International hingegen als Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Die Human Rights Impact Litigation Clinic (UNROW) der American University Washington College of Law spricht sich für einen Völkermord aus. Ein unabhängiges und internationales Straftribunal könnte die Natur des Konflikts bewerten, aber bisher wurde keins eingesetzt. Dabei ist es für die Opfer und deren Angehörige sowie für ein friedliches Zusammenleben wichtig, dass Verbrechen aufgearbeitet und bestraft werden.

#Völkermord

Gemäß Artikel 2 des Übereinkommens über die Verhütung und Bestrafung des Völkermordes bedeutet Völkermord:

„[…] eine der folgenden Handlungen, die in der Absicht begangen wird, eine nationale, ethnische, rassische oder religiöse Gruppe als solche ganz oder teilweise zu zerstören:

(a) Tötung von Mitgliedern der Gruppe;

(b) Verursachung von schwerem körperlichem oder seelischem Schaden an Mitgliedern der Gruppe;

(c) vorsätzliche Auferlegung von Lebensbedingungen für die Gruppe, die geeignet sind, ihre körperliche Zerstörung ganz oder teilweise herbeizuführen; […].“

Völkermorde werden oft in einen kriegerischen Kontext eingebettet, denn Krieg ist ein guter Deckmantel für einen Genozid, denn jener kreiert und legitimiert Gewalt, Hass und Furcht vor dem Feind. Der Staat hat die Möglichkeit, das Militär und Paramilitär nicht nur gegen die gegnerischen Gruppen einzusetzen, sondern auch gegen schutzlose Zivilisten. Die „feindliche Gruppe“ wird zu einem direkten Ziel, egal ob sie wirklich eine Bedrohung darstellt oder nicht. Besonders wichtig ist hierbei die Absicht, denn die Völkermordkonvention verlangt, dass es eine Absicht zum Völkermord gibt und diese auch nachzuweisen ist. Diese Absicht, eine Gruppe zu zerstören, unterscheidet einen Völkermord von den zivilen Opfern in Kriegszeiten. In der Praxis ist es jedoch oftmals schwierig, diese Absicht nachzuweisen. In der Literatur und Rechtsprechung wird argumentiert, dass die Absicht, eine Gruppe ganz oder teilweise zu zerstören, gemäß Artikel II der Völkermordkonvention ein Dolus specialis (eine sehr spezielle und spezifische Absicht) ist und damit einen Genozid von anderen Verbrechen unterscheidet. Eine etwas breitere Auslegung vertritt zum Beispiel das International Criminal Tribunal for Rwanda, indem es argumentiert, dass die Täter für die Tat verantwortlich sind, da sie wussten oder hätten wissen müssen, dass die Tat sehr wahrscheinlich zu der Zerstörung der Gruppe führt. Hierbei ist es aber auch wichtig, zwischen dem Motiv (persönliche, politische oder ökonomische Vorteile) und der Absicht (die Tat auszuführen, um das Motiv zu erreichen) zu unterscheiden. Die weitläufigste Praxis der Gerichte ist es, die Absicht aus dem Endergebnis bzw. der Tat abzuleiten. Die Gerichtspraxis hat sich dahingehend entwickelt, die Absicht zum Völkermord rückwirkend aus folgenden Punkten zu erschließen:

# dem allgemeinen Kontext;

# anderen schwerwiegenden Taten;

# dem Ausmaß an Grausamkeit;

# der systematischen Verfolgung von bestimmten Gruppen;

# sowie der wiederholten Anwendung von zerstörenden Gewaltakten gegen diese Gruppen.

#Kriegsverbrechen

Gemäß dem Römischen Statut des Internationalen Strafgerichtshofs von 1998 sind Kriegsverbrechen gemäß Artikel 8 II schwere Verletzungen und Verstöße gegen das Kriegsrecht in bewaffneten nationalen und internationalen Konflikten. Darunter fallen unter anderem folgende Verbrechen, wenn sie in Zeiten eines bewaffneten Konflikts ausgeführt werden: vorsätzliche Tötung; Folter oder unmenschliche Behandlung einschließlich biologischer Versuche; vorsätzliche Verursachung großer Leiden oder schwere Beeinträchtigung der körperlichen Unversehrtheit oder der Gesundheit; Geiselnahme; vorsätzliche Angriffe auf die Zivilbevölkerung; Vergewaltigungen; die Verwendung von Waffen, welche überflüssige Verletzungen oder Leiden verursachen; vorsätzliche Angriffe auf zivile Objekte; vorsätzliche Angriffe auf Personen, Einrichtungen, Material, Einheiten oder Fahrzeuge, die an einer humanitären Hilfsmission oder friedenserhaltenden Mission in der Übereinstimmung mit der Charta der Vereinten Nationen beteiligt sind […]; vorsätzliche Angriffe auf Gebäude […], auf geschichtliche Denkmäler, Krankenhäuser und Sammelplätze für Kranke und Verwundete, sofern es nicht militärische Ziele sind; vorsätzliches Führen eines Angriffs in der Kenntnis, dass dieser auch Verluste an Menschenleben, die Verwundung von Zivilpersonen, die Beschädigung ziviler Objekte […] zur Folge hat.

#Verbrechen gegen die Menschlichkeit

Gemäß dem Römischen Statut sind Verbrechen gegen die Menschlichkeit gemäß Artikel 7 Absatz 1 „[…] Handlungen, die im Rahmen eines ausgedehnten oder systematischen Angriffs gegen die Zivilbevölkerung und in Kenntnis des Angriffs begangen werden.” Dazu zählen unter anderem vorsätzliche Tötung, Ausrottung, Versklavung, Folter, Vergewaltigung, Vertreibung oder zwangsweise Überführung der Bevölkerung, Verfolgung einer identifizierbaren Gruppe oder Gemeinschaft aus politischen, rassistischen, nationalen, ethnischen, kulturellen oder religiösen Gründen oder Gründen des Geschlechts. Gemäß Artikel 7 Absatz 2 umfasst der Straftatbestand der Ausrottung die vorsätzliche Auferlegung von Lebensbedingungen, wie zum Beispiel das Vorenthalten des Zugangs zu Nahrungsmitteln und Medikamenten, die geeignet sind, die Vernichtung eines Teils der Bevölkerung herbeizuführen.

Quellen:

# Dokumentation ”Sri Lanka’s Killing Fields” von UK Channel 4 https://www.youtube.com/watch?v=r3yPzyM0KMU

# Human Rights Watch (2013) “We will teach you a lesson” Sexual violence against Tamils by Sri Lankan Security Forces”. Abrufbar unter: https://www.hrw.org/report/2013/02/26/we-will-teach-you-lesson/sexual-violence-against-tamils-sri-lankan-security-forces (Stand 05.08.2018)

# Spencer, P. (2012) Genocide since 1945 – Making of the Contemporary World. London and New York: Routledge.

# UN (2011) “Report of the Secretary-General’s Panel of experts on accountability in Sri Lanka”. Abrufbar unter: http://www.un.org/News/dh/infocus/Sri_Lanka/POE_Report_Full.pdf (Stand 05.08.2018)

# UN (2012) “Report of the Secretary-General’s Internal Review Panel on United Nations Actions in Sri Lanka”. Abrufbar unter: http://www.un.org/News/dh/infocus/Sri_Lanka/The_Internal_Review_Panel_report_on_Sri_Lanka.pdf (Stand 05.08.2018)

# UN Human Rights Council (2015) “Annual report of the United Nations High Commissioner for Human Rights and reports of the Office of the High Commissioner and the Secretary-General: Report of the OHCHR Investigation on Sri Lanka (OISL)”. Abrufbar unter: https://www.ohchr.org/EN/HRBodies/HRC/Pages/OISL.aspx (Stand 05.08.2018)

# UNROW Human Rights Impact Litigation Clinic (2015) “The Legal Case of the Tamil Genocide”. Abrufbar unter: http://hrbrief.org/wp-content/uploads/2015/01/Legal-Case-of-the-Tamil-Genocide_30-December-2014.pdf (Stand 05.08.2018)

# Weitz, E. D. (2003) A Century of Genocide – Utopias of Race and Nation. Princeton and Oxford: Princeton University Press.

Kommentare sind geschlossen.

FacebooktwitterInstagram