#Ge·no·zid·blogger e.V.
24 Jul 2016

Text: Corinna

#Ghetto Theresienstadt

Im März 1939 erklärte Adolf Hitler das Gebiet der Rest-Tschechei zum Reichsprotektorat Böhmen und Mähren als Bestandteil des Großdeutschen Reichs. Zur Lösung der Judenfrage funktionierten die Nazis im November 1941 die Garnisonstadt Theresienstadt zu einem Sammel- und Durchgangslager um. Dieses Lager sollte vor allem vier Funktionen erfüllen:

# Gestapo-Gefängnis (Kleine Festung)

# Sammel- und Durchgangslager (Große Festung)

# Judenvernichtung

# Vorzeigelager für die NS-Propaganda

Theresienstadt

Obwohl Theresienstadt kein Vernichtungslager war, starben dort zwischen 1941 und 1945 ca. 35.000 Menschen. Vor allem alte und prominente Juden wurden in das Ghetto deportiert, die meisten waren Persönlichkeiten des kulturellen und gesellschaftlichen Lebens, Wissenschaftler oder Träger hoher Auszeichnungen.

#das Gestapo-Gefängnis – die Kleine Festung

Schon 1940 nutzte die Gestapo die kleine Festung in Theresienstadt als Gefängnis für vorrangig politische Gefangene. Das Gefängnis stand unter der Verwaltung der Gestapoleitstelle in Prag und wurde vom Kommandant SS-Hauptsturmführer Heinrich Jöckel geleitet. Zu Beginn war das Gefängnis nur für Männer vorgesehen, aber ab Juni 1942 wurden auch Frauen in der kleinen Festung inhaftiert.

Festung Theresiensatdt

In der Zeit von 1940 bis Mai 1945 wurden 27.000 Männer und 5.000 Frauen in dem Gestapo-Gefängnis inhaftiert und von dort aus in andere Zuchthäuser oder Konzentrationslager überstellt. Während es 1940 noch durchschnittlich 150 Gefangene pro Jahr waren, waren es 1941 schon 600, 1942 1.200 und in den Jahren 1943/44 zirka 2.000. 1945 erreichte das Gefängnis mit rund 5.500 Gefangenen den Höchststand.

Gründe für die Haft waren Widerstandshandlungen, Verstoß gegen antijüdische Vorschriften und Anordnungen, Arbeitsvergehen sowie Sabotage und andere Delikte. Auch hier wurden vor allem Oppositionelle aus allen Schichten sowie Arbeiter, Wissenschaftler, Ärzte, Priester, Juden und Kriegsgefangene inhaftiert.

Theresienstadt

Die Haftbedingungen waren brutal und schlecht. Bis zu 2.500 Menschen starben in der Gefangenschaft in der kleinen Festung an Unterernährung, Krankheiten, Zwangsarbeit (in der Industrie, Landwirtschaft und Bergbau) oder wurden umgebracht. Die hygienischen Bedingungen waren katastrophal, die Zellen dunkel und feucht. 60-90 Personen lebten in einer Zelle auf dreistöckigen Pritschen, aber es gab auch Massenzellen für 450 bis 600 Häftlinge.

17,5% aller Häftlinge wurden direkt wieder aus dem Gefängnis entlassen, der Rest wurde in die Konzentrationslager Flossenbürg, Buchenwald, Auschwitz, Mauthausen, Ravensbrück oder in die Gefängnisse in Dresden, Bautzen, Zwickau, Berlin und Bayreuth verlegt. Hunderte wurden zum Tode verurteilt und hingerichtet.

Theresienstadt

Anfang Mai 1945 befreite die Rote Armee das Gestapo-Gefängnis und sowjetisches Sanitätspersonal behandelte die Überlebenden, doch die bis dahin ausgebrochene Typhusepidemie forderte in ganz Theresienstadt noch bis zu 1.000 Tote und konnte erst Ende Mai unter Kontrolle gebracht werden.

#das Ghetto – die Große Festung

Theresienstadt wurde in 18. Jahrhundert als Festung errichtet und seitdem als Garnisonstadt genutzt. Anfang der 1940er Jahre lebten dort hauptsächlich tschechische Zivilisten und Einheiten der Wehrmacht; insgesamt zirka 7.500 Menschen. Die Stadt bestand unter anderem aus 219 Häusern und 11 Kasernen plus diversen Verwaltungsgebäuden, Handwerksbetrieben, Geschäften, Restaurants sowie einem Paradeplatz, einer Kirche und einem Krankenhaus. Darüber hinaus durchzog die Stadt ein bis zu 25 km langes unterirdisches Labyrinth (Kasematten).

Plan Theresienstadt

Im Herbst 1941 beschlossen die Nazis aus Theresienstadt ein Ghetto zu machen. Sie entschieden sich für die alte Festungsstadt, da sie streng symmetrisch gebaut, leicht zu kontrollieren und gut von der Außenwelt abzuschirmen war. Außerdem dienten die vielen Kasernen dazu viele Menschen unterbringen zu können. Ab Mitte 1942 wurden vor allem alte Juden aus dem Deutschen Reich nach Theresienstadt gebracht, später kamen auch Juden aus den besetzten Gebieten dazu.

# Deutsches Reich: ca. 43.000 Menschen

# Österreich: ca. 15.000 Menschen

# Niederlande: ca. 5.000 Menschen

# Dänemark: ca. 466 Menschen

# Slowakei: ca. 1.500 Menschen

# Ungarn: ca. 1.000 Menschen

Ghetto Theresienstadt

Zum Ende des Krieges kamen noch einmal zirka 13.000 Menschen mit den Evakuierungstransporten aus dem Osten an. Die Zahl der Ghettobewohner stieg schnell an und obwohl die tschechische Zivilbevölkerung die Stadt verließ mangelte es an Lebensraum und Nahrungsmittel. Die Menschen hausten in Massenunterkünften, auf den Dachböden, in Hauseingängen, Kellern und in den unterirdischen Gängen der Stadt. In den Kasernen lebten in einem Raum für 10 Personen mindestens 50. Privatsphäre gab es nicht und die hygienischen Bedingungen waren eine Katastrophe, denn es gab nicht ausreichend Wasser und sanitäre Anlagen. Krankheiten verbreiteten sich somit rasend schnell.

Theresienstadt

Das Leben der Ghettobewohner wurde nicht nur durch diesen Mangel geprägt, sondern auch durch die vielen Verbote und Verordnungen. So war der Briefverkehr verboten, es galt das absolute Rauchverbot, man durfte keine Haare scheiden oder auf dem Gehweg gehen. Es galt ein Ausgehverbot in der Dunkelheit; Geld, Tabak, Zigaretten, Konserven, Briefpapier, Medikamente und Schmuck mussten abgegeben werden. Für die zirka 15.000 Kinder in Theresienstadt gab es keinen Unterricht. Wer gegen diese Regeln verstieß musste mit heftigen Prügelstrafen oder sogar dem Tod rechnen.

Theresienstadt

Ab einem Alter von 14 Jahren mussten die Menschen Zwangsarbeit von täglich bis zu 12 Stunden leisten. Eingesetzt wurden die Bewohner in der Landwirtschaft und Kriegsproduktion, aber auch in der Selbstverwaltung. Gleichzeitig verließen immer wieder Todestransporte die Stadt Richtung Osten.

#das Krematorium, Totenkammern & Kolumbarium

Zwischen Dezember 1941 und August 1944 starben zirka 33.430 Menschen; teilweise bis zu 120 Personen täglich. Zuerst gab es noch Einzelbegräbnisse mit religiösen Zeremonien, doch schon bald wurden die Leichen nur noch in Massengräbern verscharrt. Da die SS eine Verseuchung des Grundwassers befürchtete ließ sie zwischen Mai und September 1942 ein Krematorium von den Häftlingen errichten. Dieses hatte ein Kapazität von bis zu 180 Einäscherungen täglich und so wurden in den sechs Öfen zwischen 1942 und 1945 bis zu 30.000 Leichen verbrannt.

Jüdischer Friedhof Theresienstadt

In der Nähe des Friedhofs richtete man in die Wälle am Stadtrand zwei Totenkammern und das Kolumbarium ein. In den Totenkammern wurden die Toten aufgebahrt und in dem Kolumbarium bewahrte man die Asche der Verstorbenen, in Urnen aus Pappe, auf. Bis zu 25.000 Aschenbehälter wurden im Kolumbarium eingelagert, alle mit einem Namen und der Registrationsnummer versehen.

Kolumbarium Theresienstadt

#Nazipropaganda und Stadtverschönerung

Theresienstadt wurde von den Nazis als „Altersheim in Böhmen“ mit ärztlicher Betreuung und guter Pflege in der Reichszeitung angepriesen. Sie wurde als Stadt mit eigener Selbstverwaltung und als Geschenk des Führers propagiert. Viele alte und reiche Juden fielen darauf hinein und hofften so den Transporten in die Vernichtungslager entgehen zu können. Sie kauften für viel Geld Altersheimplätze im Ghetto und packten ihre Spitzenkleider, den Zylinder und Fotoalben ein – jedoch nicht überlebenswichtige Dinge wie Decken, Essen und warme Kleidung. Viele starben kurz nach der Ankunft an Krankheiten wie Scharlach, Gelbsucht, Typhus, Durchfall oder Lungenentzündung.

Theresienstadt

Da die Nationalsozialisten die Vernichtungslager nicht komplett vor den Alliierten geheim halten konnten, aber auf Rohstoffe und Nahrungsmittel von den neutralen Staaten angewiesen waren, erlaubten sie einer Kommission des Internationalen Roten Kreuz das Lager Theresienstadt zu besichtigen. Dafür musste die Stadt natürlich erst verschönert werden: um die 7.500 Menschen wurden zunächst nach Auschwitz abtransportiert um Platz zu schaffen, im Anschluss wurde dann die Stadt renoviert. Man bepflanzte den Paradeplatz neu und legte Gärten und Grünflächen an. Diverse Geschäfte, ein Theater, eine Bibliothek und ein Café mit Live-Musik wurden eröffnet, das Krankenhaus gesäubert und neu ausgestattet und sogar eine Schule eingerichtet (welche nicht benutzt werden durfte). Ergänzend produzierten die Nazis den Propagandafilm „Die geschenkte Stadt“. Die Menschen im Film wirken fröhlich, gesund und sauber; sie führen ein tolles Leben gefüllt mit Kaffeklatsch, Fussball, Gärtnern und anderen Freizeitaktivitäten. Die Kranken und Schwachen versteckte man in den Kasematten und das Elend wurde überspielt. Zum Dank transportierten die Nazis alle Darsteller kurz nach dem Dreh nach Auschwitz ab.

Theresienstadt

#Auflösung & Befreiung

Ab September 1944 begannen die Nazis das Lager langsam aber stetig zu räumen. Immer mehr Menschen wurden in die Vernichtungslager abtransportiert und die SS versuchte ihre Spuren zu verwischen. Anfang November zwang man die Häftlinge alle 22.000 Urnen aus dem Kolumbarium zu entfernen und die Asche der Toten im Eger zu verstreuen. Gleichzeitig verbrannte man die Urnen (Pappkartons) und diverse Unterlagen. Als die Rote Armee immer näher rückte, flohen die Mitglieder der SS, Wehrmacht und Gestapo aus Theresienstadt. Anfang Mai 1945 übernahm das Internationale Rote Kreuz die Leitung und Verwaltung des Ghettos und errichtete Entlausungsstationen und Krankenhäuser, doch die Stadt musste bis Ende Mai unter Quarantäne gestellt werden, da die Seuchen zunächst nicht einzudämmen waren (bis zu 200-300 Neuinfektionen täglich). Bis die Quarantäne aufgehoben wurde starben noch einmal 800 bis 1.000 Menschen im Ghetto an Flecktyphus. Die Bilanz von 4 Jahren Lager Theresienstadt ist erschütternd: zwischen 1941 und 1945 wurden um die 160.000 Menschen im Ghetto inhaftiert. 88.000 wurden von da aus in diverse Vernichtungslager deportiert und 35.000 starben. Von den 15.000 Kindern im Lager überlebten nur zirka 100.

Thersienstadt

#Adresse und Öffnungszeiten

Gedenkstätte Theresienstadt

Principova alej 304
41155 Terezín, Tschechische Republik

Der Eintritt beträgt pro Person ca. 14 € und beinhaltet den Besuch des Ghettos und der Kleinen Festung, der Museen, der Kasernen, dem Friedhof sowie das Krematorium, Kolumbarium und den Totenkammern.

Öffnungszeiten Sommer: 1. April bis 31. Oktober: täglich 8.00 bis 18.00 Uhr

Öffnungszeiten Winter: 1. November bis 31. März: täglich 8.00 bis 16.30 Uhr (geschlossen vom 24. bis 26. Dezember und am 1. Januar)

Quellen:

#Alle Fotos auf dieser Seite sind Eigentum von Nancy Eisold

# Besichtigung vor Ort

# Yad Vashem – Internationale Holocaust Gedenkstätte „Das Gehtto Theresienstadt“. Abrufbar unter: http://www.yadvashem.org/yv/de/holocaust/about/03/terezin.asp (Stand 12.07.16)

# Deutsches Historisches Museum (Berlin) – LEMO: Lebendiges Museum Online (2002) „Das Ghetto Theresienstadt“. Abrufbar unter: https://www.dhm.de/lemo/kapitel/der-zweite-weltkrieg/voelkermord/ghetto-theresienstadt.html (Stand 12.07.16)

# Gelsenzentrum: Portal für Stadt- und Zeitgeschichte (2008) „Ghetto Theresienstadt“. Abrufbar unter: http://www.gelsenzentrum.de/kz_theresienstadt_terezin.htm#a17 (Stand 12.07.16)

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