#Ge·no·zid·blogger e.V.
12 Feb 2018

Text: Corinna

#Völkermord an den Rohingya

Seit Ende August 2017 begeht das myanmarische Militär Gewalttaten an der ethnischen Minderheit der Rohingya. Die UN und USA bezeichnen diese als „Ethnische Säuberung“ (lest hier, warum wir bei #Genozidblogger diesen Begriff nicht mehr verwenden möchten). Auslöser dafür war ein koordinierter Angriff durch eine bewaffnete Gruppe aufständischer Rohingya, die sich selbst die „Arakan Rohingya Salvation Army“ (ARSA) nennt. Mehr dazu lest ihr in unserem Artikel „Myanmar – Völkermord an den Rohingya“.

Rohingya Frauen mit Kopftüchern und Kinder stehen anFoto: Tasnim News Agency [CC BY 4.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/4.0) via Wikimedia Commons

#Massengewalt und Vertuschung

Da Myanmar Journalisten, Menschenrechtsorganisationen und der UN den Zugang ins Land verwehrt, können keine detaillierten Angaben zu den Gewalttaten gemacht werden. Human Rights Watch wertete jedoch verschiedene Sattelitenaufnahmen aus und zählte 354 zerstörte Dörfer. Die Organisation Ärzte ohne Grenzen geht, basierend auf den grausamen Erzählungen der etwa 688.000 überlebenden Rohingya, die nach Bangladesch fliehen konnten, von bis zu 6.700 Toten (allein im September 2017) aus.

Menschenrechtsorganisationen werfen den Sicherheitskräften des Landes schwere Menschenrechtsverbrechen vor. In einem kürzlich veröffentlichten Bericht von Amnesty International berichten Überlebende von einer erzwungenen Hungersnot, von Zerstörung und Diebstahl von Eigentum, von Entführung von jungen Frauen und Mädchen sowie von Nötigung, sexueller Gewalt und Enteignung an den Checkpoints des Militärs entlang der Fluchtroute.

Myanmar streitet diese Verbrechen ab und beruft sich darauf, einen Aufstand zu bekämpfen, verweist aber gleichzeitig die UN-Sonderberichterstatterin für Myanmar Yanghee Lee des Landes, erlaubt keine UN-Aufklärungsmission im Land und stellt zwei Reporter der Nachrichtenagentur Reuters vor Gericht. Diese interviewten Augenzeugen, dafür drohen ihnen bis zu 14 Jahre Haft.

#Massengräber

Die UN-Sonderberichterstatterin für Myanmar besuchte im Januar diverse Flüchtlingscamps in Bangladesch und Thailand. Darauf basieren wird sie dem UN-Menschenrechtsrat einen Bericht vorlegen und bezeichnete die Gewalt als Kennzeichen eines Völkermords. Die über 688.000 Rohingya, die nach Bangladesch fliehen konnten, berichten von schrecklichen Gewalttaten, Vergewaltigung, Mord und Folter. Männer wurden zumeist massenweise erschossen oder erstochen, Frauen von mehreren Männern gleichzeitig vergewaltigt sowie Kinder und Alte ertränkt, verbrannt oder zu Tode geprügelt.

#Massenhinrichtung in Inn Din

In einem Fall hat das myanmarische Militär zugegeben, zusammen mit buddhistischen Zivilisten zehn Rohingya am 02. September 2017 umgebracht und in einem Massengrab verscharrt zu haben. Das Militär rechtfertigt diese Tat mit dem Hinweis, dass es sich bei den Opfern und um zehn „bengalische Terroristen“ handle (die Rohingya werden auch als Bengalen bezeichnet). Demnach griffen am 01.09.2017 in der Nähe von Inn Din 200 bengalische Terroristen Sicherheitskräfte des Militärs mit Stöcken und Schwertern an. Zehn von ihnen wurden festgenommen und es wurde beschlossen, diese umzubringen. Die Dorfbewohner schaufelten ein großes Loch, befahlen den Gefangenen hinabzuklettern und versuchten anschließend, diese zu erstechen. Dabei kam es angeblich zu einem Kampf, in dessen Folge die Sicherheitskräfte des Militärs die zehn Gefangenen erschossen.

Im Gegensatz dazu steht der Investigativ Report der Nachrichtenagentur Reuters. In diesem berichten Augenzeugen, sowohl Rohingya als auch buddhistische Dorfbewohner, von einem anderen Vorgehen. Demnach wurde das Dorf Inn Din am 27. August 2017 von myanmarischen Sicherheitskräften und Zivilisten überfallen und zerstört. Die dem Dorf lebenden Rohingya flohen an den naheliegenden Strand, von wo am 01. September 2017 zehn Männer „ausgewählt“ wurden. Fotos der Massenhinrichtung zeigen, dass die Opfer mit hinter dem Rücken zusammengebundenen Händen auf dem Boden knien. Augenzeugen berichten, dass eines der Opfer geköpft, eines zu Tode gehackt und die restlichen acht Männer mit jeweils zwei bis drei Schüssen von Angehörigen des Militärs erschossen wurden.

#Massengräber in Gu Dar Pyin

In der Nähe von Gu Dar Pyin konnten mindestens fünf weitere Massengräber auf Basis von dutzenden Interviews und Handyaufnahmen nachgewiesen werden. Die Überlebenden berichten, dass am 27.08.2017 zirka 200 Soldaten gegen Mittag das Dorf mit Gewehren, Messern, Raketenwerfern und Granaten überfielen und jeden töteten, der sich nicht schnell genug in Sicherheit bringen konnte. Darüber hinaus brachten die Täter Schaufeln und mehrere Kanister Säure mit, um die Identifizierung ihrer Opfer verhindern. Das Massaker dauerte mehrere Stunden und anschließend gingen buddhistische Dorfbewohner in einer Art „Aufräumaktion“ noch einmal durch das Dorf und durchschnitten die Kehlen von allen Verletzten und warfen zusammen mit den Soldaten kleine Kinder und Alte ins Feuer der brennenden Häuser.

„Die Menschen schrien, weinten und bettelten um ihr Leben, aber die Soldaten schossen unentwegt.“ – Mohammad Rayes, Überlebender

ein zerstörtes und abgebranntes Dorf im Rahkine Bundesstaat mit einem ausgebrannten AutoFoto: Moe Zaw via Wikimedia Commons https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=62125261

#ARSA

Seit Ende Oktober 2017 herrscht offiziell ein Waffenstillstand zwischen dem myanmarischen Militär und der Arakan Rohingya Salvation Army (ARSA), aber auch jetzt fliehen noch täglich viele Rohingya nach Bangladesch. Am 05. Januar 2018 griff ARSA myanmarische Sicherheitskräfte an und verletzte fünf Personen. Sicherheitsanalysten befürchten, dass ARSA in der nahen Zukunft mehrere Angriffe planen, der Konflikt daraufhin weiter eskalieren und vor allem die Aufmerksamkeit verschiedener dschihadistischer Gruppen auf sich ziehen und somit den Frieden verhindern könnte. ARSA kämpft eigenen Angaben zufolge gegen die jahrzehntelange Unterdrückung der Rohingya und sieht gewalttätige Gegenangriffe als letzte Option. Nur wenige Rohingya unterstützen die ARSA, die Mehrheit wünscht sich ein Ende der Gewalt.

#Deal zwischen Myanmar und Bangladesch

Erst vor kurzem haben Myanmar und Bangladesch einen Deal ausgehandelt, nachdem innerhalb der nächsten zwei Jahre alle Rohingya nach Myanmar zurückgeführt werden sollen. Dafür will Bangladesch fünf Transitlager an seiner Grenze errichten, und in Myanmar sollen zwei riesige Ankunftslager für bis zu 30.000 Personen entstehen. Myanmar verspricht sogar, die Rohingya könnten die Staatsbürgerschaft beantragen, nachdem sie einen Verifizierungsprozess in den Ankunftslagern durchlaufen haben.

Die Rohingya, das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR und der UN-Generalstaatssekretär Antonio Guterres begegnen diesem Deal mit großer Skepsis, unter anderem, weil UNHCR nicht an dem Prozess beteiligt ist und so die Einhaltung internationaler Standards nicht überprüfen kann. UNHCR besteht darauf, dass die Flüchtlinge unter keinen Umständen mit Gewalt zurückgeführt werden. Sie sollen freiwillig in ihr Land zurückkehren und auch nur, wenn sie sich sicher fühlen. Jedoch haben die Rohingya kein Vertrauen, viele Leiden unter Depressionen, Angstzuständen, sind traumatisiert oder suizidgefährdet; täglich kommen neue Flüchtlinge an. Kaum einer kann sich vorstellen, zu diesem Zeitpunkt nach Myanmar zurückzukehren.

„Auch wenn ich hier kein Essen oder sonst irgendetwas bekomme, so ist es zumindest sicher hier. In Myanmar werde ich mich nicht sicher fühlen.“ – Rashid Ahmed

Zu bemängeln ist, dass die Bedingungen, die zum Völkermord an den Rohingya geführt haben, noch immer bestehen und es für diese in Myanmar nicht sicher ist. Es gibt keinerlei Sicherheitsvorkehrungen, für die Rohingya ist es lebensgefährlich, als Opfergruppe konzentriert in einem Camp zu leben, welches ohne externe Überwachung von der Tätergruppe verwaltet wird. Das erinnert an deutsche Konzentrationslager während des zweiten Weltkriegs.

 „Wie können wir zurückgehen? Es ist, als würde man uns zurückschicken, um umgebracht zu werden.“ – Fatima

Die Rohingya fordern indes neben der Anerkennung ihrer vollen Rechte auch eine Entschädigung für ihre Häuser und ihr Land, volle Sicherheit, die Bestrafung des Militärs und eine UN-Friedensmission. 

„Wir sind Menschen und sie sind Menschen. Wir müssen dieselben Rechte haben.“ – Mohammed

 

Zum Weiterlesen:

# HRW-Report „All of My Body Was Pain“ Sexual Violence against Rohingya Women and Girls in Burma (Englisch)

# HRW-Report “Massacre By The River” Burmese Army Crimes against Humanity in Tula Toli (Englisch)

# Reuters Special Report “Massacre in Myanmar – How Myanmar forces burned, looted and killed in a remote village” (Englisch)

# Amnesty International “Briefing: Myanmar Forces Starve, Abduct and Rob Rohingya, as Ethnic Cleansing Continues.” (Englisch)

Quellen:

# Amnesty International (07.02.2018) “Myanmar: Fresh evidence of ongoing ethnic cleansing as military starves, abducts and robs Rohingya” Abrufbar unter: https://www.amnesty.org/en/latest/news/2018/02/myanmar-fresh-evidence-of-ongoing-ethnic-cleansing-as-military-starves-abducts-robs-rohingya/ (12.02.18)

# Al Jazeera News (11.01.2018) “Beyond comprehension: Myanmar admits killing Rohingya” Abrufbar unter: www.aljazeera.com/news/2018/01/rohingya-crisis-myanmar-military-admits-killings-180111102253768.html (02.02.18)

# Al Jazeera News (24.01.2018) “The repatriation of Rohingya won’t be voluntary” von Mohames, C. Abrufbar unter: www.aljazeera.com/indepth/opinion/repatriation-rohingya-won-voluntary-180123095401725.html (02.02.18)

# BBC (25.01.2018) “Rohingya crisis: US diplomat quits advisory panel” Abrufbar unter: www.bbc.com/news/world-asia-42810776 (02.02.18)

# Chicago Tribune (31.01.2018) “5 previously unreported Myanmar mass graves bolster fears of genocide” von Klug, F. Abrufbar unter: www.chicagotribune.com/news/nationworld/ct-myanmar-mass-graves-genocide-20180131-story.html (02.02.18)

# CNN (11.01.2018) “Myanmar military admits role in killing Rohingya found in mass grave” von Olarn, K. und Griffiths, J. Abrufbar unter: www.edition.cnn.com/2018/01/11/asia/Myanmar-mass-grave-intl/index.html (02.02.18)

# CNN (11.01.2018) “Rakhine ambush could mark new phase for Rohingya insurgency” von Hunt, K. Abrufbar unter: www.edition.cnn.com/2018/01/10/asia/myanmar-rohingya-militants-arsa-intl/index.html (02.02.18)

# CNN (23.01.2018) “We will not go: Rohingya fear repatriation to Myanmar” von Wright, R. und Saeed, S. Abrufbar unter: www.edition.cnn.com/2018/01/23/asia/bangladesh-rohingya-repatriation-fears-intl./index.html (02.02.18)

# National Public Radio (21.01.2018) “The Future Of Myanmar’s Rohingya Refugees” Interview von Garcia-Navarro, L. Abrufbar unter: www.npr.org/2018/01/21/579500332/the-future-of-myanmars-rohingya-refugees (02.02.18)

# Pbs.org: Public Broadcasting Service (28.01.2018) “Rohingya who fled ethnic cleansing face effects of trauma” Abrufbar unter: www.pbs.org/newshour/show/rohingya-who-fled-ethnic-cleansing-face-effects-of-trauma (02.02.18)

# Reuters (21.01.2018) “Tension mount in Rohingya camps ahead of planned relocation to Myanmar” von Siddiqui, Z. Abrufbar unter: www.reuters.com/article/us-myanmar-rohingya-repatriation/tension-mount-in-rohingya-camps-ahead-of-planned-relocation-to-myanmar-idUSKBN1FA0EJ (02.02.18)

# Reuters (16.01.2018) „Bangladesh agrees with Myanmar to complete Rohingya return in two years“ von Paul, R. und Lee, Y. Abrufbar unter: www.reuters.com/article/us-myanmar-rohingya-bangladesh/bangladesh-agrees-with-myanmar-to-complete-rohingya-return-in-two-years-idUSKBN1F50I2 (02.02.18)

# Reuters (08.02.2018) “Massacre in Myanmar – How Myanmar forces burned, looted and killed in a remote village” A Reuters Special Report. Von WA LONE, KYAW SOE OO, Simon Lewis und Antoni Slodkowski. Abrufbar unter: https://www.reuters.com/investigates/special-report/myanmar-rakhine-events/ (12.02.18)

# The Daily Star (20.01.2018) “Rohingyas share horrific tales of torture with UN envoy” Abrufbar unter: www.thedailystar.net/rohingya-crisis/rohingyas-share-horrific-tales-torture-un-envoy-1522567 (02.02.18)

# The Washington Post (21.01.2018) „Genocide, famine and democratic retreat – all after one year of U.S. inaction“ von Diehl, J. Abrufbar unter: www.washingtonpost.com/opinions/global-opinions/genocide-famine-and-a-democratic-retreat–all-after-one-year-of-us-inaction/2018/01/21/861752fa-fc48-11e7-a46b-a3614530bd87_story.html (02.02.18)

# UNHCR (26.01.2018) “Rohingya say rights guarantees key to Myanmar return” von Gluck, C. Abrufbar unter: www.unhcr.org/news/latest/2018/1/5a6a00b29/rohingya-say-rights-guarantees-key-myanmar-return.html (02.02.18)

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